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Kreislaufwirtschaft: Gut für die Umwelt und die Unternehmen

Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket investiert Milliarden, um Ressourcen besser zu nutzen und Abfall besser zu entsorgen. Aber reicht das aus, um unsere Lebensweise zu verändern?

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Kreislaufwirtschaft: Gut für die Umwelt und die Unternehmen

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Crash-Kurs: Kreislaufwirtschaft, kurz und einfach erklärt

Meinung

Es gibt bereits große Unternehmen, die sich ändern und für die Zukunft planen. Aber es gibt eine andere Gruppe, die das nicht macht. Sie lebt in der Vergangenheit.

Recyceln ist nur der Anfang, wir sprechen von einer neuen Lebensart. In unserem Crash-Kurs erklären wir ihnen, wie die Kreislaufwirtschaft unsere Art zu produzieren, zu konsumieren und zu leben, verändert.

Was passiert in der Linearwirtschaft? Wir fördern, stellen her, benutzen und werfen weg. Bei der Herstellung einer Waschmaschine z.B. verschwenden wir 90 Prozent der Rohstoffe, nur 10 Prozent sind überhaupt im Endprodukt.

Die großen Unternehmen verkaufen die Hälfte dieses Abfalls nicht aber die kleinen Betriebe.

Was übrig bleibt, landet auf der Müllhalde, wo auch 80 Prozent aller Güter landen, rund sechs Monate nachdem wir sie gekauft haben.
Ein Wechsel zur Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass wir die Art und Weise, wie wir die Waschmaschine herstellen und benutzen ändern.

Wenn Produkte aus recycelten Materialien hergestellt werden, wird nichts verschwendet. Alle Materialien, sei es Metall oder biologisch abbaubares Material, wird wiederverwendet.

Und wenn wir nur grüne Energie nutzen, schaden wir nicht der Umwelt durch die Förderung von begrenzten und teuren Ressourcen.

Durch einen Wechsel zur Kreislaufwirtschaft könnten die europäischen Unternehmen 600 Milliarden Euro sparen. Und wir würden weniger Treibhausgase ausstoßen.

Das Kreislaufwirtschaftspaket der EU

Das Kreislaufwirtschaftspaket der EU hat es in sich. Bis 2020 werden Milliarden Euro ausgeben, um die Ressourcen besser zu nutzen, für Forschung und Innovation und um kohlenstoffarme Wirtschaft und kleine und mittlere Unternehmen zu fördern. Zudem sollen in Europa die Abfallgesetze geändert werden. Und Hersteller sollen dazu ermutigt werden, ihre Materialien wiederzuverwerten.

Unternehmen können dank der Kreislaufwirtschaft beim Material viel sparen, ihre Energiekosten um Millionen senken und weniger Triebhausgas ausstoßen.

Abfälle zu recyceln, das ist mittlerweile allen geläufig. Aber noch besser wäre es, wenn die Produkte gar nicht erst im Müll landen.
Die Europäische Kommission will die Kreislaufwirtschaft fördern. Sie setzt sich für ökologisches Design und eine verlängerte Garantie ein. Außerdem bekämpft sie die absichtliche Verringerung der Lebensdauer von Produkten.

Die Vorteile der Kreislaufwirtschaft

Manche Unternehmen sind bereits zur Kreislaufwirtschaft übergewechselt. Ein Renault-Betrieb in Frankreich produziert seit 1949 Autoteile. Die Kreislaufwirtschaft ist hier kein neues Konzept. Bei ihrer Ankunft in der Firma werden die Teile sortiert. Jene, die zu sehr beschädigt sind, werden eingeschmolzen, die anderen repariert. Am Ende werden sie wieder wie neu sein.

Dieses Unternehmen produziert gar keinen Abfall. Das zu erreichen, war nicht einfach. Man muss gleich am Anfang, beim Design des Autos daran denken, wie es am Ende seines Lebens recycelt werden kann. Es ist ein Zyklus, der nie endet. Philippe Loisel, der Direktor des Betriebs, sagt: “Die Kreislaufwirtschaft beginnt beim Konzept. Wir überarbeiten das Design unserer Mechanikteile, damit wir diese besser auseinandernehmen und recyceln können, um sie dann wiederzuverwenden.”

Unser Journalist Guillaume Desjardin erklärt, was die Vorteile für die Untenehmen sind: “Das ist natürlich nicht billig. Aber wenn selbst große Unternehmen umdenken, dann muss es sich lohnen. In der Tat kaufen die Konsumenten immer mehr umweltschonende Produkte. Mehr als 80 Prozent von ihnen sagt, dass dies bei ihrer Kaufentscheidung eine Rolle spielt. Aber das ist noch längst nicht alles…”

Allein im vergangenen Jahr verbrauchte das Unternehmen 80 Prozent weniger Energie, sowie 88 Prozent weniger Wasser und 4000 Tonnen weniger Metal.

Matthieu Orphelin arbeitet für die französische Umweltbehörde ADEME. Er erklärt: “Wenn ein Unternehmen zur Kreislaufwirtschaft wechselt, wird es seine Rentabilität steigern. Erstens wird das Unternehmen weniger für Rohstoffe und für die Abfallentsorgung ausgeben. Zweitens werden sich diese umweltschonenden Produkte besser verkaufen. Denn die Kreislaufwirtschaft wird ein Argument für den Verkauf und für die Werbung sein.”

Damit das noch besser funktioniert, muss ein Markt für Abfall und wiederverwertbare Materialien geschaffen werden.

Amsterdam: Das Modellbeispiel für Kreislaufwirtschaft

580.000 Jobs, so viele Stellen könnten in Europa geschaffen werden! Und jeder Haushalt könnte pro Jahr bis zu 500 Euro bei seinen Energiekosten sparen. Es ist also nicht überraschend, dass Städte wie Amsterdam sich der Kreislaufwirtschaft verschreiben. Die Kreislaufwirtschaft ist für die Niederlande entscheidend, um das Nachhaltigkeitsziel zu erreichen. Erwarteter Gewinn: Sieben Milliarden Euro pro Jahr und rund 54.000 neue Jobs.

In Amsterdam wird das neue Konzept getestet. Warum es funktioniert verrät uns Abdeluheb Choho, der Vize-Bürgermeister der Stadt: “Die Städte wachsen, sie können Innovationen fördern und einen wichtigen Impuls geben, bei dem Wechsel von einer linearen- zu einer Kreislaufwirtschaft. Wenn es sich wirtschaftlich nicht lohnt, wird dieser Wandel nicht stattfinden, oder nicht so schnell stattfinden, wie wir es uns wünschen.”

Wie funkioniert also die Kreislaufwirtschaft in Amsterdam? Wir haben uns umgesehen.

Euronews-Journalistin Monica Pinna fasst zusammen: “Der Bausektor von Amsterdam ist mittlerweile Teil des Kreislaufs. Die Stadt rechnet mit einem Gewinn von 85 Millionen Euro pro Jahr und mit einem Anstieg der Produktivität um drei Prozent bis 2040. Wie das geht sehen wir am Park 2020."

Dies ist ein Beispiel für den Kreislauf beim Bau. Er ist profitabel, da viele Materien wiederverwendet werden. Im Park 2020 wird nichts verschwendet, da alle Gebäude aus Materien gebaut werden, die man in der Zukunft noch anders gebrauchen könnte.

Guido Braam, der daran arbeitet die Niederlande zu einem Hotspot für Kreislaufwirtschaft zu machen, erklärt: “Es ist eine Herausforderung so zu bauen, dass du die einzelnen Teile wiederverwenden kannst. Im jetzigen System der Linearwirtschaft wird das Potential von jedem Akteur der Produktionskette nicht ausgeschöpft. Bei der Kreislaufwirtschaft wird alles optimiert.”

Der Abfall von Amsterdam ist mittlerweile eine Einkommens- und eine Energiequelle. Jedes Jahr wirft jeder Einwohner der Stadt rund 370 Kilogramm Abfall weg. 27 Prozent werden getrennt und in ein Entsorgungsunternehmen gebracht. Von dem Teil, der verbrannt werden muss, bleibt wertvolle Asche übrig. Marc de Wit, Direktor von Strategic Alliances, zeigt uns einen Ascheberg. Er sagt: “Darin befinden sich wertvolle Metalle und andere Materialien. Wir können das herausfiltern und wiederverwenden.”

Und dann schließt sich der Kreis. Loek van Poppel, Programmmanager bei Inashco, sagt: “Jedes Jahr bleiben rund 300.000 Tonnen Bodenasche übrig. 10 Prozent davon sind Metalle. Sie werden recycelt. Und die restlichen 90 Prozent sind Minerale, aus denen wir Steine machen, mit denen wir Straßen, Gehwege usw. pflastern.”

Amsterdam will 2016 30 Prozent seines Abfalls recyceln uns bis 2020 65 Prozent. Das eu-weite Ziel ist es, bis 2030 65 Prozent zu recyceln. Ein anderes Ziel der EU ist es, die Menge des Abfalls, der in die Mülldeponien wandert, zu verringern. Die Niederlande sind den anderen Ländern dabei schon weit voraus.

Interview: “800 Millionen Tonnen Abfall landen in Mülldeponien. Das ist Verschwendung.”

Was kann Europa noch machen? Wir sprechen mit David Palmer-Jones. Er ist der Präsident der Europäischen Föderation für Entsorgungswirtschaft und Direktor von Suez in Großbritannien.

Maithreyi Seetharamen, euronews:
“Wie können sie die Industrie und insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen von der Kreislaufwirtschaft überzeugen?”

David Palmer-Jones:
“Es gibt zwei Arten von Industrie. Die einen verstehen es. Es gibt bereits große Unternehmen, die sich ändern und für die Zukunft planen. Aber es gibt eine andere Gruppe, die das nicht macht. Sie lebt in der Vergangenheit.
Man benötigt einen Auslöser. Jemand muss den Anfang machen, und deswegen sind politische Maßnahmen so wichtig. Manche erkennen nicht sofort den Nutzen dieser neuen Wirtschaft, denn die Preise der herkömmlichen Produkte sind immer noch sehr niedrig. Aber wir wissen, dass wir so nicht weitermachen können, denn wir haben eine begrenzte Menge an Ressourcen auf dieser Welt.”

euronews:
“Wie kann man über das Recyceln hinausgehen? Und was kann gemacht werden, damit wir uns an das Konzept gewöhnen und es uns normal vorkommt?”

David Palmer-Jones:
“Heutzutage landen 800 Millionen Tonnen Abfall in Mülldeponien. Das ist Verschwendung. Wir verschwenden Materialien und Energie. Als erstes müssen wir die Menschen und die Industrie vor Ort dazu bringen, dieses Material zu recyceln. Wir benötigen Infrastruktur, um aus Abfall wiederverwertbare Stoffe zu machen.
Ökodesign, die Art und Weise, wie wir Produkte entwerfen, hat einen riesigen Einfluss auf ihre Nachhaltigkeit. Das Design der Produkte ist für 80 Prozent des ökologischen Fußabdrucks verantwortlich.
Umweltverschmutzer müssen zahlen oder man könnte auch sagen, dass der Hersteller verantwortlich ist. Es geht darum für die Umweltverschmutzung zu zahlen. Es gibt sehr viele neue Gesetze in Europa, mit denen diese Firmen zur Verantwortung gezogen werden. Für diese wird das ein Weckruf sein, und wenn es sie etwas kostet, werden sie plötzlich neue Designs entwerfen, um die Kosten des Produktionsprozesses zu senken.”

euronews:
“Glauben Sie dass das EU-Kreislaufwirtschaftspaket weit genug geht?”

David Palmer-Jones:
“Es ist ein guter Anfang. Man versucht wirklich, dieses Material, diese 800 Millionen Tonnen, die in den Mülldeponien landen, da raus zu holen, um sie zu recyceln und zu einem Teil der Kreislaufwirtschaft zu machen. Damit diese wirklich sehr wertvollen Materialien nicht mehr verschwendet werden, muss man einen Markt für sie schaffen. Wir müssen dafür sorgen, dass es einen aktiven und lebendigen Markt gibt. Die Preise der Produkte schwanken momentan sehr stark. Die Ölpreise sind niedrig,und das Verhalten der Wirtschaft ist nicht immer logisch. Aber langfristig gesehen, müssen wir Maßnahmen beschließen, damit diese Materialien auf dem Markt landen und Teil eines Zyklus sind.”

euronews: In Städten wie Amsterdam sollen durch die Kreislaufwirtschaft neue Jobs geschaffen werden. Halten Sie das für realistisch?

David Palmer-Jones:
“Oh, es ist sehr realistisch. All diese Materialien, die uns zur Verfügung stehen, sammeln sich immer mehr in den Städten. Denn ein Großteil der Menschen lebt in den Städten. Um einen Kreislauf in Gang zu bringen, muss man sich für einen Maßstab entscheiden. Wir hätten da z.B. Amsterdam, das ist eine große Bevölkerung. Sie kann dem Rest der Welt zeigen wie es geht. Wir müssen vorführen und beweisen, dass diese neue Lebensart funktioniert.
Industrielle Symbiose ist ein komplizierter Begriff. Dabei bedeutet das nur, dass was für den einen Abfall, für den anderen Rohstoff ist. Wir müssen anfangen die Materialien, die in der Stadt unterwegs sind, zu den Industrien zurückzusenden. Damit sich der Kreislauf schließt und die Jobs, die sie erwähnten, geschaffen werden können.”

euronews:
“Vom Standpunkt eines Unternehmens, was würden sie für Maßnahmen empfehlen?”

David Palmer-Jones:
“Jetzt sofort müssen wir es durch diese erste Phase schaffen. Wir müssen einen Markt schaffen, damit wir Möglichkeiten haben. Und dann müssen wir nur noch die Designs ändern, damit es weniger Abfall gibt. Die Weltbevölkerung wächst weiter. Wir müssen Antworten finden. Und die werden wir mit Hilfe von Innovation und Technologie finden.”