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Ex-Vatikanbankchef: "In der Finanzkrise waren die Politiker die größten Zyniker."

Die Finanzkrise und die Naturkatastrophen sind keine Ursachen, sondern Konsequenzen, das behauptet Ettore Gotti Tedeschi. Wir haben uns mit dem Ex-Vatikanbankchef unterhalten.

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Ex-Vatikanbankchef: "In der Finanzkrise waren die Politiker die größten Zyniker."

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Die Finanzkrise und die Naturkatastrophen sind keine Ursachen, sondern Konsequenzen, das behauptet Ettore Gotti Tedeschi. Wir haben uns mit dem früheren Präsidenten der Vatikanbank über die Wirtschaft und den christlichen Glauben unterhalten. Der Vatikanbank war einst vorgeworfen worden, Geld zu waschen.

Meinung

Von einem moralischen Standpunkt aus hätte es solche Prämien nie geben dürfen. Und wenn ein Banker sie erhalten hat, dann sollte er sie zurückgeben.

Paolo Alberto Valenti, euronews:
“Ettore Gotti Tedeschi, es freut mich mit Ihnen zu sprechen. Sie waren unter Papst Benedikt XVI. Präsident des ‘Instituts für die religiösen Werke’ (IOR). Sie wollten mit Hilfe von Experten gegen die Geldwäsche vorgehen, damit die Vatikanbank wieder auf der ‘White List’ der Finanzinstitute landet, die die internationalen Transparenz-Standards einhalten. Warum hat der Vatikan ihren Plan nicht angenommen?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Im Vatikan haben viele Menschen nicht verstanden, was nach dem 11. September 2001 passiert ist. Sie haben nicht verstanden, dass die neuen internationalen Regeln, die für die Banken gelten, verschärft werden würden.
Zweitens fürchteten viele Menschen im Vatikan an Souveränität zu verlieren, falls sie diese neue internationalen Regelungen akzeptieren.
Drittens und das ist eine Frage der Kultur, hielten viele Menschen die Kontrollen nicht für legitim, denn im Vatikan und es gibt Sachen, die man verteidigen muss. Diese Menschen haben also die Geheimnisse und die Vertraulichkeit miteinander verwechselt. Sie haben nicht verstanden, dass es ohne interne Kontrollen nur zu mehr externen Kontrollen kommen würde.
Viertens haben die Menschen die Gefahr nicht verstanden. Wenn sie keine Anti-Geldwäsche-Richtlinien umsetzen, dann wird der Ruf und die Glaubwürdigkeit des Papstes darunter leiden. Das eigentliche Problem war, dass sie mich entmutigt und vertrieben haben. Sie haben sich auf neun Punkte berufen, die alle falsch waren. Ich habe sofort eine Ermittlung zu diesen neun Punkten gefordert, aber es gab nie eine. Man hat mich auch nie befragt. Es ist eine große Wunde geblieben auch innerhalb der Kirche, denn sie wollten nie die Wahrheit verstehen oder meine Wahrheit erfahren.”

euronews:
“Als sie plötzlich entlassen wurden, hatten sie Angst. Sie fürchteten um Ihre Sicherheit und Sie haben eine Akte über die Geheimnisse der Vatikanbank zusammengestellt.”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Nein, das hat sich so nicht zugetragen. Das ist jetzt alles Sache des Staatsanwalts und ich möchte lieber nicht darüber sprechen.”

euronews:
“Laut Moneyval, dem Expertenausschuss des Europarates für die Bewertung von Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, liegt mit den Finanzen der Vatikanbank vieles im Argen. Insbesondere die Geldwäsche ist problematisch. Wird Papst Franziskus in der Lage sein, aufzuräumen?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Während meiner Amtszeit als Präsident der Vatikanbank hat Moneyval zwei wichtige Inspektionen durchgeführt. Die Erste im November 2011 als der Ausschuss gekommen ist, um zu sehen, was wir im vergangenen Jahr gemacht haben. Seine Beurteilung fiel positiv aus. Dann im Dezember 2011, einen Monat später, wurden die Regeln der Vatikanbank in Bezug auf diese Probleme plötzlich geändert. Vier Punkte des Gesetzes wurden geändert und insbesondere die Rolle der Kontrollinstanz. Dann kam der Skandal Vatileaks ans Licht und daraufhin schloss die Bank JP.Morgan ihr Konto bei der Vatikanbank. Das machte viele Schlagzeilen. Moneyval ist im April 2012 noch einmal nach Italien gekommen. In seinem zweiten Bericht hat der Ausschuss festgestellt, dass die Bank einen Rückschritt gemacht habe. Einen Monat später war ich weg vom Fenster."

euronews:
Glauben Sie, dass in der Vatikanbank weiterhin Geld veruntreut oder unterschlagen wird?

Ettore Gotti Tedeschi:
“Ich weiß es nicht, aber wenn es kein Gesetz, keine Prozeduren und keine Kontrollinstanz gibt, dann besteht natürlich ein Risiko.”

euronews:
“Könnte Papst Franziskus das Ganze richten?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Wenn Papst Franziskus wirklich Maßnahmen ergreifen will und Reformen nicht nur ankündigt wie der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi, dann muss er sich darüber informieren, was passiert ist.”

euronews:
“Sogar Hollywood verurteilt die Verbrechen und den Zynismus der Banken und Finanzinstitute in den USA. Ich denke da an die Subprimes und die Ramschpapiere. Ist es ihrer Meinung nach ausreichend, wenn ein Banker gute Absichten hat, um die schädlichen Konsequenzen dieser Machenschaften zu begrenzen?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“In diesem Fall waren nicht die Banken, sondern die Politiker und ihre Berater die größten Zyniker. Sie wollten die Krise und den Fall des Bruttoinlandsprodukts stoppen. In der Hoffnung die Schulden zu verringern, ohne eine wirkliche Entschuldung zu machen, haben die den Urinstinkt der Banker geweckt, die immer so frei wie möglich handeln wollen.”
Einzelne Personen sind verantwortlich. Es gibt keine gemeinsame Verantwortung. Jeder muss wissen, ob das, was er getan hat, für ihn und für das Allgemeinwohl gut oder nicht gut ist.”

euronews:
“Wie kann es sein, dass ein Banker, der Prämien für Ramschpapiere einkassiert hat, sich nie vor einem Gericht verantworten musste?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Die technische Erklärung dafür ist einfach. Von einem moralischen Standpunkt aus hätte es meiner Meinung nach solche Prämien nie geben dürfen. Und wenn ein Banker sie erhalten hat, dann sollte er sie zurückgeben.”

euronews:
“In ihrem Buch, dass die gemeinsam mit dem Journalisten Paolo Gambi veröffentlicht haben, haben sie geschrieben, dass die wirtschaftlichen Entscheidungen von einflussreichen Menschen in New York und Washington getroffen werden. Brüssel kommt zwar auch zu irgendwelchen Erkenntnissen, schreibt sie aber nur auf eine Liste der Sachen, die erledigt werden müssen. Meine Frage an Sie: Hat Europa auf der internationalen Ebene keinen Einfluss?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Heute sollten wir uns die Frage stellen: ‘Worauf kommt es an?’ Niemand weiß mehr, wo sich die Macht befindet. Europa könnte einen großen Vorteil haben. Es könnte ein Gleichgewicht herstellen. Europa könnte die Strategie der USA unterstützen, die aufgrund des rasanten Wachstums in Asien sehr besorgt sind. Europa könnte auch seinen eigenen Weg gehen. Es spielt meiner Meinung nach eine Schlüsselrolle bei der Umverteilung der geopolitischen Macht. Aber was ist Europa? Ich habe nicht verstanden was und wer Europa eigentlich ist. Wenn Europa Brüssel ist, dann sind wir verloren. Und wenn Europa Deutschland ist, dann ist es sogar noch schlimmer.”

euronews:
“Die Zeit ist aus den Fugen”: das schreibt Shakespeare in Hamlet. Dieser kurze Satz fasst für mich zusammen, was derzeit und vielleicht auch schon seit Jahrhunderten in der Welt geschieht. Glauben Sie wirklich, dass die Religionen und die Moral etwas verbessern könnten?”

Ettore Gotti Tedeschi:
“Es gibt keine Religion, die eine Kultur vorschreibt. Man kann nichts vorschreiben. Jeder Einzelne muss einen Glauben haben, Verantwortung übernehmen und für sich entscheiden, was gut und was schlecht ist. Aus diesem Grund hat die Kirche eine sehr, sehr wichtige Rolle. Sie hat diese Rolle in den vergangenen 30 Jahren allerdings nicht ausgeübt.
Weite Teile der Politik und der Wirtschaft und viele internationale Anführer haben dadurch den Sinn des Lebens aus den Augen verloren. Wenn das Leben keinen Sinn mehr macht, wie können dann meine Handlungen Sinn machen?”