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Milliardengeschäft FIFA - Kicken auf sumpfigem Gelände

Am Freitag wird in Zürich ein neuer FIFA Präsident gewählt. Nie hat es in der 111-jährigen Geschichte der angeschlagenen FIFA ein derart

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Milliardengeschäft FIFA - Kicken auf sumpfigem Gelände

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Am Freitag wird in Zürich ein neuer FIFA Präsident gewählt. Nie hat es in der 111-jährigen Geschichte der angeschlagenen FIFA ein derart skandalumtostes Jahr geben wie das vergangene. Wie hat es die FIFA geschafft, der reichste Sportverband der Welt zu werden?

Das FIFA-Leitbild ist einfach: “Das Spiel entwickeln, die Welt berühren und eine bessere Zukunft gestalten”, 209 Mitglieder sollen diese Mission erfüllen – das sind mehr Mitglieder als bei den Vereinten Nationen.

Um Mitglied der FIFA zu werden, müssen die nationalen Vereine und Verbände zunächst Mitglied in einem der sechs Kontinentalverbände sein. Das sind die UEFA für Europa, die CAF für Afrika, CONCACAF für Nordamerika, Mittelamerika und die Karibik , AFC für Asien, CONMEBOL für Südamerika und OFC für Ozeanien.

209 Mitglieder aus diesen Dachverbänden bilden den FIFA-Kongress, das Fußball-Parlament. Es ist das höchste und legislative Gremium der FIFA. Es entscheidet über Bestimmungen und Regeln, wählt neue Mitglieder, wählt den FIFA-Präsidenten und bestimmt die Gastgeber für anstehende Fußball-Weltmeisterschaften.

Jeder Mitgliedsverband hat eine Stimme, unabhängig von Größe und internationaler Reputation. Es ist ein demokratisches Prinzip, doch anfällig für Korruption und Bestechung, da jede einzelne Stimme wichtig ist. Eine Stimme von der kleinen Karibik-Insel Montserrat wiegt genauso viel wie eine Stimme aus Deutschland.

Über dem Verband steht das FIFA-Exekutivkomitee, es entscheidet über Wettbewerbe und die Entwicklung des Fußballs im Allgemeinen.

Wo also beginnen die Schwierigkeiten?

Schon die frühere 24-jährige Herrschaft von Präsident Joao Havelange umwehte ein Hauch von Korruption.

Nach der Veröffentlichung von Schweizer Gerichtsakten 2011 wurde bekannt, dass sich der FIFA Präsident zusammen mit seinem Schwiegersohn Ricardo Teixeira, dem ehemaligen Präsidenten des brasilianischen Fußballverbands, privat bereichert hatte. Millionen wurden in den 90er Jahren im Austausch für die FIFA-Übertragungsrechte gewaschen. Nichts davon kam vor Gericht.

Havelange war bis 1998 Präsident, bis sein langjähriger Generalsekretär und seine rechte Hand Joseph Blatter übernahm.
Eine Kultur der Korruption war offenbar schon da, explodierte aber erst unter Blatter.

Eine erste Untersuchung der verdächtigen WM-Vergaben für 2018 und 2022 wurde vom FBI initiert und von den schweizer Behörden ausgeweitet. Die zwielichtigen Finanzgeschäfte der FIFA wurden plötzlich öffentlich.

Das wäre ziemlicher sicher nicht ohne Charles “Chuck” Blazer geschehen – ein korrupter FIFA-Vorstand, der zum FBI-Informanten wurde.

Die Nummer 1 des Sports in den Vereinigten Staaten lebte in einer Welt aus Privatjets, berühmten Freunden und Offshore-Bankkonten. Er besaß ein Appartement im Trump Tower in New York, das ihn 18.000 Dollar im Monat kostete, plus 6.000 Dollar für die Katzen-Ecke.

Über einen Zeitraum von 20 Jahren unterschlug Blazer Millionen. Nachdem bekannt wurde, dass er zehn Jahre lang keine Steuern gezahlt hatte, konnte das FBI ihn als Informanten verpflichten. 2011 wurde Blazer, auch Mr.10 Prozent genannt, wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Erpressung und Betrug angeklagt.

Er erklärte sich bereit, die Machenschaften seiner FIFA-Freunde aufzudecken – besonders die des ehemaligen CONCACAF-Präsidenten Jack Warner, einem der einflussreichsten Männer im Weltfußball.

Der 73-Jährige aus Trinidad war 2011 unter Korruptionsvorwürfen zurückgetreten und wurde im vergangenen Jahr lebenslänglich ausgeschlossen, weil er gegen den Ethik-Kodex der FIFA verstoßen hatte. Warner kaufte angeblich von der FIFA die Rechte der Caribbean Football Union für die Weltmeisterschaften 2010 und 2014 – für fünf Prozent des wahren Marktwerts. Das erlaubte ihm, Millionen Dollar Gewinn zu machen.

Er hat angeblich auch 10 Millionen Dollar Bestechungsgeld für ein Votum zugunsten Südafrikas WM-Bewerbung kzeptiert.
Dies sind nur Tropfen im Warner-Ozean.

Warner wird nun von den USA wegen Korruption gesucht, konnte aber – bisher – einer Auslieferung entgehen.

Warum aber übernahmen die USA – weit entfernt davon, ein großer Spieler im Weltfußball zu sein – die Anklage gegen die mutmaßliche FIFA-Korruption?

Die FIFA und ihre Dachverbände machen atemberaubende Summen durch den Verkauf der Marketing- und Medienrechte an der Weltmeisterschaft.

Bestechung und Schmiergelder für FIFA-Funktionäre, bezahlt von Marketing-Managern, wurden auch in den USA eingefädelt, und über US-Bankkonten transferiert.

FBI-Direktor James B. Comey erklärte das einmal so: Wenn korrupte Mitglieder einer Organisation sich des US-Finanzsystems bedienen oder einfach nur das Land für finstere Treffen nutzen, dann ruft das das FBI und das US-Justizministerium auf den Plan.

US-Beamte handelten dabei nach dem gleichen Gesetz zur Korruptionsbekämpfung, das auch gegen führende Köpfe von fünf Mafia-Familien in den 1980er Jahren angewandt wurde.

Im Jahr 2015 wurden in den USA insgesamt 41 Personen und Organisationen in Verbindung mit der FIFA beschuldigt.

Von den 24 Mitgliedern des Exekutivausschusses des Jahres 2010, als die Weltmeisterschaften in Russland und Katar vergeben wurden, werden zwölf der Korruption beschuldigt, der Annahme von Schmiergeldern oder haben Untersuchungen wegen Gesetzesverstößen laufen.

Dazu gehören auch der scheidende und gesperrte Präsident Blatter und der Mann, in dem viele schon seinen Nachfolger sahen – Michel Platini.

Für eine “non-profit”-Organisation erzielt die FIFA eine Menge Gewinn.

Im Jahr 2003 begann die FIFA auf freiwilliger Basis, ihre Bilanzen nach den International Financial Reporting Standards aufzustellen, die zu dem Zeitpunkt nur börsennotierte Unternehmen in Europa anwandten.

Der Verband beschreibt sich selbst als “Verband der Verbände mit einem nicht-kommerziellen, gemeinnützigen Zweck”.
Die meisten der FIFA-Aktivitäten finden in der “Dollar-Zone” statt, Bilanz und Einnahmen werden in US-Dollar geführt.

Und so wirtschaftete die FIFA, seit sie ihre Ergebnisse veröffentlicht:

Im Jahr 2003 nahm der Verband 575 Millionen US-Dollar ein (522 Millionen Euro) und seither wurde das immer mehr. Im Jahr 2009 machte die FIFA ihre erste Milliarde, im Jahr 2014 – die ersten zwei Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro).

Die FIFA besteht darauf, dass fast 70% des Geldes in den Fußball in Form von finanzieller Unterstützung, Entwicklungsprogrammen und Finanzierung von Wettbewerben zurückfließt.

Die Finanzströme nach FIFA-Darstellung:

Die bekannteste Veranstaltung der FIFA ist die Weltmeisterschaft. Damit kommt am meisten rein.

Die WM 2014 in Brasilien war ein “großer Erfolg”, so die FIFA.

In Zahlen: das Turnier brachte zwischen 2011 und 2014 gut 4,8 Milliarden US-Dollar (4,36 Milliarden Euro) Gesamtumsatz.

Wo genau kommt das Geld her? – Vor allem aus dem Verkauf der TV-Rechte, gefolgt von Marketing.

Nun zu den Sponsoren der FIFA. Da gibt es drei Kategorien:

An der Spitze sind die FIFA-Partner, nur sechs Unternehmen, die von den engsten Verbindungen mit der Organisation profitieren und bei allen Ereignissen als Sponsoren auftreten können.

Hier ist die Liste für die WM 2014. Die Verträge der Unternehmen laufen mehrere Jahre und sind von unterschiedlicher Dauer.

Sony und Emirates haben ihre Beziehungen zur FIFA gekappt – síe würden ihre Verträge über 2014 hinaus nicht verlängern, so die Ansage.

Die nächste Ebene des Sponsoring ist zeitlich auf eine Fußball-Weltmeisterschaft und (oder) einen Fifa Confederations Cup begrenzt.

Und schließlich die letzte Kategorie – die so genannten Nationalen Förderer. Das ist zugeschnitten auf Sponsoren in dem Land der Veranstaltung.

Und was bekommen die Gastgeber – abgesehen vom Ruhm?

Die Länder liefern sich einen heftigen Wettbewerb als Standort für das beliebteste Einzelsportereignis der Welt. Und der Gewinner bezahlt die Infrastruktur.

Die Weltmeisterschaft in Brasilien kostete rund 15 Milliarden US-Dollar (13,6 Milliarden Euro). Davon kommen nur zwei Milliarden von der FIFA – die Ausgaben, zum Beispiel für Infrastruktur, seien nicht direkt mit der WM verbunden, und ein Teil wäre auch ohne die WM ausgegeben worden.

Es geht um eine Non-Profit-Organisation, und sie verlangt von keinem Land, Stadien zu bauen. Was sie tut – ist nur sicherzustellen, dass der Gastgeber bestimmte grundlegende Richtlinien befolgt, wie etwa die “volle gesellschaftliche Verantwortung”, die umweltfreundliche neue Stadien gewährleisten soll.

Diese soziale Verantwortung hat offenbar mit Steuern nichts zu tun.

Die FIFA ist als Non-Profit-Organisation in der Schweiz registriert. Und ist als solche nach den Schweizer Steuerregeln für Verbände einkommensteuerpflichtig. So zahlt die FIFA auf ihr steuerpflichtiges Einkommen – Einnahmen minus Ausgaben.

Macht nach Adam Riese: 5,72 Milliarden Dollar minus 5,38 Milliarden Dollar = 338 Millionen Dollar.

Wir nehmen die Zahlen 2011 bis 2014, Einnahmen minus Ausgaben … und das Ergebnis ist 338 Millionen Dollar (307 Millionen Euro). Die FIFA bezahlte dafür 75 Millionen Dollar (68 Millionen Euro) Steuern. Macht 22% des Gewinns, der nach den Aufwendungen der FIFA unter dem Strich übrigbleibt.

Gleichzeitig entspricht die Steuer nur etwas mehr als 1% des Gesamtumsatzes in diesem Zeitraum von vier Jahren. Und die Steuerschuld kommt auf nicht mehr als eineinhalb Prozent der Einnahmen aus der Weltmeisterschaft, dem profitabelsten Event dieser Non-Profit-Organisation.

Wenn der Gastgeber-Staat die Geldquelle für die FIFA ist, zahlt sie doch bestimmt auch dort ihre Steuern? Eben nicht, denn die FIFA genießt bei der WM Steuerfreiheit. Nicht, dass die FIFA das verlangen würde. Aber der Wortlaut der Ausschreibung für die Aufnahmeländer erfordert “eine umfassende Steuerbefreiung der FIFA und der weiteren Beteiligten an Organisation und Durchführung der Veranstaltung.”

Brasiliens Steuerschätzer (Internal Revenue Service) kommen – vorsichtig geschätzt – auf fast 250 Millionen Dollar (227 Millionen Euro) an entgangenen Einnahmen für Brasilien durch solche Ausnahmen.

Eine Herkulesaufgabe, den angeschlagenen Ruf der FIFA wieder herzustellen. Die Präsidentschaftswahlen kommen keinen Augenblick zu früh.

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