Eilmeldung

Eilmeldung

Mord oder Notwehr? - Frau tötet gewalttätigen Ehemann

In Frankreich ist Jacqueline Sauvage zu einer Ikone im Kampf gegen häusliche Gewalt geworden. Ihr Mann hatte sie und ihre vier Kinder mehr als 45 Jahre lang geschlagen und misshandelt. Eines Tages töt

Sie lesen gerade:

Mord oder Notwehr? - Frau tötet gewalttätigen Ehemann

Schriftgrösse Aa Aa

In Frankreich ist Jacqueline Sauvage zu einer Ikone im Kampf gegen häusliche Gewalt geworden. Ihr Mann hatte sie und ihre vier Kinder mehr als 45 Jahre lang geschlagen und misshandelt. Eines Tages tötete sie ihn. Warum verlassen so viele Frauen ihre Peiniger nicht früher? Und welche Gesetze schützen diese Frauen?

Meinung

Und irgendwann schlägt er mich so oft, dass es zur Gewohnheit wird. Ich denke nur daran, in welcher Laune er sein wird und ich hoffe, dass ich morgen noch am Leben bin, um meinen Sohn zu ernähren.

Haustyrannenmord

Alexandra Lange hat überlebt. Ihr Mann hat sie 14 Jahre lang geschlagen, erniedrigt und bedroht. Er schlug auch ihre vier Kinder. Eines Tages war es zu viel. Sie wehrte sich und tötete ihn. Alexandra ist vor drei Jahren freigesprochen worden. Sie erinnert sich noch immer daran, was passiert ist, als sie versuchte Hilfe zu holen: “Ich habe die Polizei gerufen. Als sie mich sahen, stand ich und blutete nur ein wenig. Man konnte noch die Würgemale am Hals sehen, am Mund war ein wenig Blut, mein Auge war angeschwollen und an der Augenbraue hatte ich eine Beule, so groß wie ein Ping-Pong-Ball. Der Polizist ist nicht einmal aus dem Auto gestiegen. Er hat mich gefragt: ‘Sind Sie die Frau, die Anzeige erstatten will?’ Ich habe gesagt: ‘Ja, mein Mann hat mich schon wieder geschlagen und ich kann nicht mehr’. Er sagte mir, dass ich nicht genug bluten würde. Ich habe ihm geantwortet: ‘Na gut, dann komme ich eben wieder, wenn ich tot bin.’”

Alexandras Geschichte ist verfilmt worden. Sie wurde angeklagt. Ihr wurde vorgeworfen, ihren Mann ermordet zu haben. Aber sie sagte, dass sie in jener Nacht aus Notwehr gehandelt habe. Er schlug und würgte sie. Sie schaffte es, ein Messer in die Finger zu bekommen und erstach ihn. Sie verbrachte 18 Monate in Untersuchungshaft. Beim Prozess wurde sie freigesprochen.

Sie erzählt: “Als ich das getan habe, bin ich ins Gefängnis gekommen. Ich dachte ich wäre die Einzige, die einzige Frau, die ihren Mann getötet hat, weil er sie schlug. Während ich im Gefängnis war, habe ich eine Reportage über die Frauen im Gefängnis von Bapaume gesehen. Mehrere von ihnen hatten ihren Ehemann nach Jahren häuslicher Gewalt getötet. Da ist mir klar geworden, dass ich nicht allein bin.”

Alleine und ohne Schutz

In Frankreich hat zuletzt der Fall von Jacqueline Sauvage Schlagzeilen gemacht. Ihr Mann hatte sie und ihre vier Kinder mehr als 45 Jahre lang geschlagen und misshandelt. Eines Tages nahm sie ein Gewehr und tötete ihn mit drei Schüssen in den Rücken. Ihre Anwälte sagten, sie habe aus Notwehr gehandelt. Das Schwurgericht befand sie jedoch für schuldig und verurteilte sie zu zehn Jahren Haft. Künstler, Politiker, und Frauenorganisationen protestierten. Im Januar hat Präsident François Hollande sie begnadigt.

Die französische Schauspielerin Éva Darlan hat sich auch für die Freilassung von Jacqueline Sauvage stark gemacht. Sie fordert ein neues Gesetz, das Notwehr auch anerkennt, wenn sie verzögert stattfindet, denn diese Frauen seien ständig in Lebensgefahr: “So ein Gesetz würde die Frauen schützen. Die Notwehr muss auch anerkannt werden, wenn sie mit einer Verzögerung stattfindet, denn man kann sich nicht nur in dem Moment wehren, in dem man umgebracht wird. Vielleicht ist es wie im Fall von Jacqueline Sauvage. Sie wurde gerade zusammengeschlagen und nur weil sie erst danach ein Gewehr nimmt, ist es nicht mehr Notwehr? Das kann man nicht akzeptieren. Das Urteil im Fall Jacqueline Sauvage war ungerecht und unerhört. Sehr ungerecht und schmerzhaft.”

Bislang wird für misshandelte Frauen das Recht auf erweiterte Notwehr nur in Kanada anerkannt. Eva selbst ist ein Inzest-Opfer und sie wurde zwei Jahre lang von ihrem früheren Ehemann geschlagen, bevor sie die Kraft fand, ihn zu verlassen. Ihr Leid und ihren Schmerz hat sie in einem Theaterstück verarbeitet. Sie bemängelt, dass diese Frauen nicht genügend geschützt werden: “Die Gesetze werden nicht wirklich angewandt. Die einstweilige Verfügung, laut der der Täter 500 Meter Abstand halten muss, und all das, wird nur selten durchgesetzt. Und psychische Gewalt wird fast nie verfolgt. Ich hatte eine wirklich dicke Akte. Das Verfahren wurde aber einfach eingestellt.”

Alle drei Tage stirbt eine Frau

Gewalt in den eigenen vier Wänden ist keine Seltenheit. Schätzungen zufolge stirbt allein in Frankreich alle drei Tage eine Frau an den Folgen der Gewalt ihres Partners. Der Staatsanwalt Luc Frémiot hilft seit mehr als zehn Jahren Opfern häuslicher Gewalt. Er hat auch ein Buch darüber geschrieben. Er war der Staatsanwalt beim Prozess gegen Alexandra Lange. Er befragte sie schonungslos, aber am Ende forderte er ihre Freilassung. Für ihn war es ausschlaggebend, dass weder die Polizei noch das Sozialamt ihr geholfen hatten.

Für Frémiot war die Situation von Jacqueline Sauvage jedoch eine andere. Er räumt ein, dass das Urteil ungerecht war, ist jedoch gegen eine erweiterte Notwehr: “Was mich daran schockiert ist, dass man den Frauen einen Blankoscheck ausschreibt. Man gibt ihnen die Erlaubnis jemanden zu töten, wenn sie das Gefühl haben, dass dies ihre einzige Möglichkeit ist. Man geht bei diesem Gesetz davon aus, dass sie ständig in Lebensgefahr schweben, das stimmt aber nicht. Es gibt Zeiten, in denen es besser läuft. Man nennt diese Perioden die Flitterwochen. Der Gewalttäter wird zu seiner Frau zurückkehren und ihr versprechen, dass er es nie wieder tun wird. Es gibt diese Perioden zwischen den Gewaltepisoden und die Frauen müssen diese Zeitfenster nutzen, um zu gehen, um Anzeige zu erstatten, um einen Anwalt oder einen Verein zu kontaktieren. Man kann verstehen, dass eine Frau Hass empfindet für den Mann, der sie seit Jahren schlägt. Sie kann seinen Mord planen, weil sie sich sagt: ‘Es reicht, ich habe genug. Ich werde ihn umbringen.’ Und es ist möglich unter diesen Umständen einen Mord vorzubereiten und danach zu sagen, dass es Notwehr gewesen sei. Das kann man nicht machen. Ein solches Gesetz stellt die Grundsätze unseres Rechtsystems und die Regeln unserer Gesellschaft in Frage.”

Ein Leben in Angst

Morgane Seliman hat nach vier Jahren Ehe-Hölle ihren gewalttätigen Mann angezeigt. Er wurde zu einem Jahr Haft verurteilt. Mit ihrem Buch “Er hat mein Leben gestohlen” will sie andere Frauen dazu ermutigen, ihre Peiniger zu verlassen. Sie erzählt: “Es hat angefangen als ich schwanger war. Es konnte einfach so anfangen, ohne Grund. Es fing meistens am Vormittag an. Wenn ich die Fernbedienung nicht aufgeräumt hatte oder die Kissen nicht an ihrem, Platz waren, dann war das ein Vorwand, um mich zu schlagen. Dann fing sein Countdown an. Unser Sohn hielt im 14 Uhr immer Mittagsschlaf. Wenn ich also in der früh einen Fehler gemacht habe, dann sagte er mir: ‘In vier Stunden schlage ich Dich zusammen, in drei Stunden, in zwei Stunden, in einer Stunde, in zehn Minuten, Dir bleiben nur noch fünf Minuten’ und dann war die Zeit um.”

Auf die Frage, warum Sie so lange geblieben sei, antwortete sie: “Es gibt immer noch Liebe und Hoffnung. Ich bin schwanger, ich werde eine Familie gründen und ich hoffe, dass dieser Mann sich ändern, sich bessern wird. Und ich habe Angst. Die Angst wird immer mehr Raum einnehmen, denn ich sage mir, dass dieser Mann verrückt ist, und dass er mich umbringen wird und, dass er sich vielleicht an meiner Familie vergreifen wird. Und irgendwann schlägt er mich so oft, dass es zur Gewohnheit wird. Ich denke nur daran, in welcher Laune er sein wird und ich hoffe, dass ich morgen noch am Leben bin, um meinen Sohn zu ernähren. Ich hatte nicht mehr die Zeit an irgend etwas anderes zu denken.”

Morgane verließ ihren Mann und musste ein Jahr untertauchen. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in der Normandie. Angst hat sie aber immer noch, denn ihr Exmann ist aus dem Gefängnis raus und er hat das Recht seinen Sohn zu sehen. Als ihr Buch veröffentlicht wurde, drohte er ihr. Sie sagt: “Ich habe nicht mehr so viel Angst wie früher. Es ist nicht die gleiche Angst. Heute befürchte ich, dass er eines Tages durchdreht und, dass er mich dann umbringt.”