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Prof. Sebastian Thrun: MOOCs werden Welt revolutionieren

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Prof. Sebastian Thrun: MOOCs werden Welt revolutionieren

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Er will mit MOOCs die Hochschulausbildung demokratisieren, das ist das erklärte Ziel von Prof. Sebastian Thrun. Der Professor an der Stanford University hielt 2011 eine Vorlesung über künstliche Intelligenz, die auch als MOOC angeboten wurde – mit großem Erfolg: 160.000 Studenten und Studentinnen schrieben sich ein, 23.000 von ihnen nahmen am Online-Abschlussexamen teil. Thrun ist Mitgründer und Geschäftsführer der Online-Akademie Udacity, neben freien MOOCs bietet die private Bildungs-Plattform in mehreren Fachrichtungen das kostenpflichtige Mini-Diplom Nanodegree an. Der deutsche Informatiker aus Solingen war auch Vizepräsident von Google. Unter seiner Führung entstanden dort die Brille “Google-Glass” und “Street View-Autos”.

Wichtig fürs Lernen: Menschlicher Kontakt, Feedback und Hilfe

Andrea Büring, euronews: “Warum gibt es bei vielen MOOCs eine sehr hohe Abbrecherquote?”

Prof. Sebastian Thrun: “Die Überraschung mit den MOOCs war in der Tat, dass es fast keiner bis zum Ende schafft. Da gibt es sicherlich viele Gründe: Es ist sehr leicht, sich einzuschreiben, sehr viel leichter, als in der Uni. Normalerweise zahlt man auch keine Gebühren. Das heißt, die Motivation bis zum Ende zu bleiben ist geringer. Aber dazu kommt, dass das Lernen nicht nur online stattfindet, also dass man nur auf Onlinevideos zugreift. Lernen ist so viel mehr.
Fürs Lernen ist es wichtig, dass man Feedback hat, dass man menschlichen Kontakt hat, dass jemand (einem) an der Seite steht und einem hilft. Und das machen MOOCs halt nicht.”

euronews: “Wie sollten MOOCs geschaffen sein, damit mehr Studenten bis zum Ende dabei bleiben?”

Thrun: “In Udacity sehen wir die MOOCs als eine Komponente, aber wir haben dazu ein ganzes System geschaffen mit Mentoren, die einem Feedback geben und helfen und die einen auch in die Verantwortung nehmen. Dadurch haben unsere MOOCs eine Erfolgsquote von 90% – ohne diese Leute sind es 2 bis 3%.”

euronews: “Aber solche MOOCs sind streng genommen keine echten MOOCs mehr, weil sie etwas kosten, oder nicht?”

Thrun: “Deswegen sprechen wir bei Udacity auch nicht mehr von MOOCs, sondern wir sind eine “Education company”. Wir haben zwei Angebote: den kostenlosen Zugriff auf Materialien sowie den Zugriff auf Mentoren, aber natürlich muss man dafür Geld bezahlen. Die sind trotzdem sehr viel günstiger als jede Universität. Stanford verlangt 45.000 Dollar Studiengebühren im Jahr – wir verlangen jährlich 1.200 Dollar.”

MOOCs: neue Chancen für Schwellen- und Entwicklungsländer

euronews: “Kann ein MOOC Ihrer Meinung nach ein Studium an einer Universität ersetzen?”

Thrun: “Es ist nie ganz vergleichbar. Immer wenn neue Sachen erfunden werden, gibt es neue Stärken und neue Schwächen. Udacity bietet den Nanodegree an, das ist ein Minidiplom. Inzwischen gibt es Firmen, die Menschen mit diesem Abschluss anstellen, ohne sie vorher zum Vorstellungsgespräch einzuladen.”

euronews: “ Welches Potential haben MOOCs Ihrer Meinung nach?”

Thrun: “Ich glaube, dass diese Art von Technologie die Welt revolutionieren und dass viele noch gar nicht ihr wahres Potential erkannt haben. Wir haben heute eine starke Ungleichheit in der Ausbildung – wenn man in Afrika groß wird, in China, in Indien oder in Nahost hat man keinen guten Zugriff auf Universitäten. Wenn man 45 Jahre alt ist, zwei Kinder groß gezogen hat und gerne wieder die Arbeitswelt betreten möchte, hat man eigentlich keinen Zugriff auf eine gute Ausbildung. Das wird sich durch die neuen digitalen Medien ändern, die die Ausbildung demokratisieren werden, sodass jeder eine Chance hat.”

euronews: “Wie umgeht man das Problem der schlechten Internetverbindung zum Beispiel in afrikanischen Ländern?”

Thrun: “Als ich noch bei Google gearbeitet habe, haben wir ein Projekt namens Loon geschaffen, bei dem Gasballons in die Stratosphäre steigen, die dann weltweit Internetverbindungen aufbauen. Die Geschwindigkeit, in der sich das Internet weiter ausbreitet, ist unglaublich. Es ist sicherlich wahr, dass heute mehr als die Hälfte der Menschen kein Zugriff aufs Internet hat, aber meine Voraussage ist, dass in 20 Jahren über 80% der Menschen Zugang zum Internet hat.”