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Flüchtlingsdrama Ägäis: Kein Abebben in Sicht

Wieder kommt ein Flüchtlingsboot an der griechischen Küste an. Seit Jahresbeginn sind es jeden Tag 2.000 Menschen, die von der Türkei weiter über das

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Flüchtlingsdrama Ägäis: Kein Abebben in Sicht

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Wieder kommt ein Flüchtlingsboot an der griechischen Küste an. Seit Jahresbeginn sind es jeden Tag 2.000 Menschen, die von der Türkei weiter über das Mittelmeer fliehen.

Oft warten sie tagelang in der Türkei, bis sie in Schlauchbooten weiterreisen. Immer häufiger an Bord: Frauen und kleine Kinder. Da mehr Menschen reisen als Plätze da sind, wächst das Risiko zu kentern und unterzugehen.

Der Internationalen Organisation für Migration zufolge sind in diesem Jahr an die 130.000 Menschen über das Meer nach Griechenland und Italien geflohen. Mehr als 400 Flüchtlinge verschwanden dabei oder fanden den Tod.
Ein trauriger Rekord: Wenn es um die Flüchtlingszahlen geht, hat Griechenland Italien mittlerweile weit überholt. Hintergrund ist, dass es weniger gefährlich ist, über das Ägäische Meer zu fahren, statt von Libyen aus das Mittelmeer zu überqueren. Die Zahl der Toten ist in diesem Jahr im Vergleich zu 2015 leicht zurückgegangen.
Fast 80 Kinder starben seit Jahresanfang in der Ägäis, mehr als ein Kind pro Tag.

Das menschliche Drama geht ungebrochen weiter, obwohl die Türkei der EU vor drei Monaten Hilfe zusagte, die schlimmste Migrationskrise seit 1945 in den Griff zu bekommen.

Deutschland – das Ziel der meisten Flüchtlinge – versucht so, den Zustrom unter Kontrolle zu bekommen. Am 8. Februar traf die deutsche Regierungschefin Angela Merkel den türkischen Ministerpräsidentin Ahmet Davutoglu zu Beratungen.

Drei Tage später gaben die 28 NATO-Verteidigungsminister grünes Licht für eine Überwachung der Ägäis.
Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, es ginge nicht darum, die Flüchtlingsboote aufzuhalten. Die NATO wolle mit ihrer Aufklärungsmission helfen, Menschenschmuggler und kriminellen Netzwerke zu identifizieren.

Die NATO-Mission geschieht in Zusammenarbeit mit der Küstenwache, allerdings hat Ankara den drei gesendeten Schiffen bisher keine Fahrerlaubnis für türkische Gewässer gegeben. Doch die Frage nach dem rechten Fahrwasser ist ein sensibles Thema zwischen der Türkei und Griechenland, deren Küsten mancherorts nur wenige Kilometer auseinanderliegen.

Mehr zum Thema: Interview mit Bruce Reid, Chef der Intenational Lifeboat Federation

Paul McDowell, euronews:
“Mr. Bruce Reid, Sie sind Chef der International Lifeboat Federation.
Welche Herausforderungen stellen sich den Such- und Rettungsteams im südlichen und östlichen Mittelmeer?”

Bruce Reid, International Lifeboat Federation:
“Was wir gerade im Mittelmeer erleben, sucht seinesgleichen, wenn man an die Such- und Rettungsoperationen von Menschen denkt, die in großer Anzahl in kleinen, überladenen und instabilen Booten über das Wasser fliehen. Sie bringen die Rettungsteams an ihre Grenzen.”

euronews:
“Sie wollen den Regierungen bei den Rettungsmaßnahmen helfen und deren Kapazitäten vergrößern. Das muss auf legaler Grundlage geschiehen. Wie schwierig ist das?”

Bruce Reid:
“Die Menschen und vor allem die Nichtregierungsorganisationen, die sich auf den Weg machen, müssen sich vor allem bewusst werden, dass die jeweiligen Staaten die Hoheit über ihre Gewässer haben.
Sie haben eine gesetzlich vorgeschriebene Verantwortung für das Seegebiet. Jede Operation muss in diesen Rahmen passen. Daran arbeiten wir mit den NGOs, damit sie sich mit der griechischen Küstenwache abstimmen. Dass das auf professioneller Basis passiert, findet großen Anklang. Wir müssen sicherstellen, dass auch die Retter in Sicherheit sind, genau wie diejenigen, die gerettet werden.”

euronews: “Es gibt den Einwand, wonach die Ressourcen bei der Bekämpfung der Ursachen eingesetzt werden sollen.”

Bruce Reid:
“Unser Anliegen ist es, Hilfe zu leisten, wenn Menschen in Seenot geraten, die weiter zu Hauf über das Mittelmeer kommen. Möglicherweise werden es bis zu einer Million sein, die über die Ägäis fahren. Wir unternehmen also eine Mission mit unseren NGOs, um die Reaktion der griechischen Rettungsteams zu verbessern. Wir brauchen zehn bis zwölf Boote, die in den nächsten zwölf Monaten gespendet werden, mit Ausrüstung und Training, sodass man handlungsfähig ist.”

euronews:
“Angesichts der täglichen Bilder von der griechischen Grenze oder Calais: Steht die Not derjenigen, die über das Meer flüchten, nicht mehr auf der Tagesordnung?”

Bruce Reid:
“Genau das Risiko besteht. Momentan hören wir nichts mehr über die Zahl der Menschen, die aus dem Mittelmeer gefischt werden. Wir müssen das weiter im Blick behalten, deshalb haben wir zusammen mit unseren NGOs das Projekt auf die Beine gestellt, die freiwilligen Such- und Rettungsoperationen voranzubringen.

Wenn wir nicht eingreifen und wenn wir es nicht schaffen bekannt zu machen, was da unten passiert, dann interessieren sich die Medien für etwas anderes, dann geht die Tragödie ungehindert weiter.
Wir müssen sicherstellen, dass die Arbeit dort unten nicht in Vergessenheit gerät, ebenso wenig wie der Bedarf an vereinten Kräften, um die Rettungsteams im Ägäischen Meer und in libyschen Gewässern zu unterstützen, denn sonst geraten die Menschen in Vergessenheit. Es handelt sich hier um echte Menschen, von denen viele bei der Überfahrt sterben.”

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