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Ran an die Arbeit: Frankreichs Arbeitsmarkt steht vor Veränderungen

_Die Regierung in Paris hat es sich zum ziel gesetzt, den Arbeitsmarkt zu reformieren. Keine leichte Aufgabe, da sich bereits Widerstand formiert

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Ran an die Arbeit: Frankreichs Arbeitsmarkt steht vor Veränderungen

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_Die Regierung in Paris hat es sich zum ziel gesetzt, den Arbeitsmarkt zu reformieren. Keine leichte Aufgabe, da sich bereits Widerstand formiert. Auch in Deutschland sorgte die Hartz 4-Reform 2005 für erbitterte Kritik. Es wurde gestritten und demostriert, das Gesetz wurde acht Mal novelliert.

Während die folgenreichste Sozialreform innerhalb Deutschlands kein gutes Image hat, schauen die europäischen Nachbarn zum Teil neidisch auf das Beschäftigungswunder: Seit dem Start der Hartz 4-Reform gingen die Arbeitslosenzahlen deutlich zurück. Zwischen 2005 und 2013 um knapp 40 Prozent.

Dass Franzosen vor Streiks, Protesten und Demonstrationen nicht zurückschrecken, haben sie in der Vergangenheit schon oft bewiesen. Ähnliches ist auch bei diesem Gesetz zu befürchten. So hagelte es bereits seit der Ankündigung der zuständigen Ministerin Myriam El Khomri Kritik und Negativschlagzeilen. Gerüchte über eine 60 Stunden-Woche und erleichterte Kündigungen machen die Runde.

Doch worum geht es wirklich bei dem Gesetzesvorhaben? Und wie steht Frankreich im Vergleich zu Deutschland und anderen europäischen Ländern da?_

Das Ende der 35 Stunden-Woche?

Zwar bleibt es bei der 35 Stunden Woche, doch diese kann angepasst werden. So könnte man beispielweise in einer Woche bis zu 48 Stunden arbeiten – in manchen Fällen sogar länger, doch in der Folgewoche dürfen es nur zehn Stunden sein. Innerhalb eines Quartals darf die durchschnittliche Arbeitswoche 37,5 Stunden nicht überschreiten.

Das ist weiter deutlich weniger als in anderen Ländern. Frankreich ist europaweit das einzige Land, das an der 35-Stunden-Woche festhält. In Großbritannien sind es 48 Stunden pro Woche. Ist der Arbeitnehmer einverstanden, können es mehr werden.

In Deutschland gibt es keine festgeschriebene Wochenarbeitszeit, nur tägliche Obergrenzen: acht Stunden maximal. Sonntags herrscht Beschäftigungsverbot, doch davon gibt es viele Ausnahmen. In Polen werden die Ärmel noch höher gekrempelt: Sind sich Arbeitnehmer und Unternehmen einig, wird täglich bis zu 13 Stunden malocht.

Wie werden Überstunden künftig bezahlt?

Ein Großteil der französischen Unternehmen zahlt für die ersten acht Überstunden einen um 25% erhöhten Stundenlohn, bei allen folgenden sind es sogar 50%. So sieht es das Gesetz vor.

Es gibt beispielweise sektorübergreifendeVereinbarungen, die einen weniger erhöhten Stundenlohn von 20% vorsehen, die 10%-Schwelle darf laut Gesetz jedoch nicht unterschritten werden. Das soll auch nach dem Gesetz weiter der Fall sein. Allerdings können Unternehmen bei Überstunden künftig die Höhe des Stundenlohnes nach Vereinbarung mit den Arbeitnehmern festlegen, statt an die Branche gebunden zu sein. Schlechter bezahlte Überstunden könnten eine Folge für den Angestellten sein.

Die festgeschriebene Erhöhung von 10% sind ein Luxus, vergleicht man die Situation in anderen EU-Staaten. Eine europäische Richtlinie gibt es nicht.

Lockerungen beim Kündigungsschutz?

Nach der Reform ist es möglich, einem Arbeitnehmer zu kündigen, falls dessen Leistung innerhalb eines halben Jahres stark nachlässt. In Großbritannien kann ein Beschäftigter grundlos vor die Tür gesetzt werden, falls er seit weniger als zwei Jahren im Unternehmen arbeitet. In Spanien sieht die Lage ähnlich aus, wie es das französische Gesetz ändern will. Doch die Bemessungsgrundlage für schwächere Leistung liegt bei nur drei Monaten statt einem halben Jahr.

Minderstlohn

Ist der Beschäftigte einverstanden, kann das Unternehmen den Arbeitsvertrag ändern. Es kann dann sein, dass der Angestellte mehr arbeitet, ohne dass das Gehalt angepasst werden muss.

Nichtsdestotrotz gibt es europaweit kaum einen höheren Mindestlohn als in Frankreich. Den niedrigsten zahlt Bulgarien mit 200 Euro. In anderen europäischen Ländern gibt es keinen geregelten Mindestlohn.

Geringere Abfindungen?

Eine Neuerung: Das Gesetz sieht auch eine Obergrenze bei Abfindungen vor, um Missbrauch vorzubeugen. Wird ein Angestellter entlassen, bekommt er künftig nur noch maximal 15 Monaten weiter sein Gehalt. Die Regierung erhofft sich dadurch, dass Unternehmen mehr Menschen fest einstellen – ohne Angst vor zu hohen Abfindungen.