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"Die Analysen der Geheimdienste sind mangelhaft" - Ein Gespräch mit dem Sicherheitsexperten Claude Moniquet

Über mögliche Mängel im Kampf gegen den Terrorismus sprachen wir mit dem Sicherheitsexperten Claude Moniquet. euronews: “Offenbaren die Anschläge

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"Die Analysen der Geheimdienste sind mangelhaft" - Ein Gespräch mit dem Sicherheitsexperten Claude Moniquet

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Über mögliche Mängel im Kampf gegen den Terrorismus sprachen wir mit dem Sicherheitsexperten Claude Moniquet.

euronews:
“Offenbaren die Anschläge Schwächen in dem Kampf Belgiens gegen den Terrorismus?”

Claude Moniquet:
“Es gibt Mängel, was die Einschätzung der Gefährlichkeit bestimmter Personen anbelangt, Belgien hat dieses Problem, doch im Grunde haben es alle. Die westlichen Geheimdienste sind in der Folge des Kalten Krieges entstanden. Ihre Tätigkeit war auf bestimmte Strukturen ausgerichtet: auf Staaten, Parteien, den sowjetischen Geheimdienst KGB, die Rote Armee usw. Wir kennen die Struktur der Terrororganisation Islamischer Staat, wir kennen das Gesamtbild. Doch Einzelheiten – und sie sind hier entscheidend – betreffen die Gefährlichkeit von Personen. Bei diesem Kapitel sind wir weniger gut. Wir haben es nicht mehr mit Dschihadisten zu tun, wie es sie vor zehn, fünfzehn Jahren gab, sondern mit Gaunern, wie es die Brüder Bakraoui sind. Sie radikalisieren sich innerhalb von sechs Monaten und bleiben bis dahin unerkannt.”

euronews:
“Die Entwicklung des Terrorismus ist also schlecht analysiert worden?”

Claude Moniquet:
“Die Analysen aller westlichen Geheimdienste sind mangelhaft, insbesondere in Belgien und in Frankreich. Ich denke, dass hier ein kulturelles Problem vorliegt. Meiner Meinung nach wäre es notwendig, die klassischen Arbeitsfelder der Geheimdienste, die sich mit Strukturen befassen, mit jenen der Polizei zusammenzuführen, die sich mit der Organisierten Kriminalität, mit Jugendbanden, mit der Straßenkriminalität befasst. Führte man die Analysen zu den beiden Milieus, die sich überschneiden, zusammen, ergäbe das ein viel besseres Bild. Das Umfeld, die Unterstützer Abdeslams zeigen uns, dass es sich nicht um Dschihadisten sondern um Kriminelle handelt, um Mitglieder krimineller Banden. Sie erweisen einander Freundschaftsdienste, sie wahren das Schweigen und lassen die Freunde nicht hängen. Auch wenn sie selbst keine Dschihadisten sind, werden sie einem Freund wie Salah immer helfen.”

euronews:
“Hat es Sie überrascht, was alles in der Wohnung in Schaerbeek gefunden worden ist?”

Claude Moniquet:
“Ich denke, dass die Dinge, die bei der nächtlichen Untersuchung der Geheimwohnung im Stadtteil Schaerbeek gefunden worden sind, zeigen, dass hier bereits vor langer Zeit etwas vorbereitet wurde. Beispielsweise wurden 150 Liter Azeton gefunden, ein Produkt, das im Handel erhältlich ist. Kauft man einen, zwei oder drei Liter, wird niemand Fragen stellen. Kauft man 20, 30 oder 150 Liter kann das Misstrauen erregen. Der Händler weiß, wozu das Erzeugnis verwendet werden kann und wird möglicherweise die Polizei verständigen. Es liegt daher nahe, zu denken, dass diese Stoffe im Verlauf längerer Zeit gesammelt wurden. Ich denke, dass es sich um Vorbereitungen handelt, die Wochen oder Monate gedauert haben.”

euronews:
“Könnte die Verhaftung Salah Abdeslams die Anschläge in Brüssel beschleunigt haben?”

Claude Moniquet:
“Die Anschläge sind kein Racheakt gewesen, es ist unmöglich sie innerhalb von drei oder vier Tagen vorzubereiten. Es ist möglich, dass die Verhaftung die Anschläge beschleunigt hat. Was wissen wir denn? Salah Abdeslam ist am vergangenen Freitag zusammen mit Mounir Choukri festgenommen worden. Dieser gehört zum Terrornetzwerk Islamischer Staat. Beide fielen bei einer Kontrolle am 9. Oktober in der Nähe der deutschen Stadt Ulm auf. Doch der Name Mounir Choukri taucht im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 13. November nicht auf, der Mann bereitete offenbar etwas anderes vor. Drei Tage zuvor konnten die beiden einer Festnahme in einer Wohnung entkommen, in der sich Samir Bouzid befand. Dieser gehört zu den Hintermännern der Anschläge vom 13. November. In der Wohnung wurden Sprengkapseln und Schnellfeuergewehre gefunden. Sprengkapseln braucht man für Bomben, wie sie gestern explodiert sind. Salah Abdeslam könnte genau gewusst haben, was vorbereitet wird. Und seine Komplizen könnten sich gesagt haben, dass er aussagen wird oder dass sie aufgrund des Abgleichs der Telefondaten entdeckt werden könnten. Im Testament El Bakraouis, das offenbar ein Entwurf ist, ist davon die Rede. Dort heißt es: Wenn ich nicht rasch etwas unternehme, könnte ich wie er in der Zelle enden. Gemeint ist Salah Abdeslam.”