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Ein Jahr nach Germanwings-Crash: "Die Spuren sind unauslöschlich"

Als am 24. März 2015 ein Airbus A320 der deutschen Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen zerschellt, gegen die Felsen gesteuert vom

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Ein Jahr nach Germanwings-Crash: "Die Spuren sind unauslöschlich"

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Als am 24. März 2015 ein Airbus A320 der deutschen Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen zerschellt, gegen die Felsen gesteuert vom Copiloten der Maschine, kommen 150 Menschen ums Leben. Die Absturzstelle liegt unweit von Le Vernet, einem Dorf der Region Alpes-de-Hautes-Provence.

Der Journalist Nicolas Balique war als einer der ersten am Unglücksort. Er lebt in Le Vernet, ist dort aufgewachsen. Wenige Monate nach dem Crash schrieb er ein Buch: Retour au Vernet – mon village après le crash. Übersetzt von Annette Bleß erscheint es jetzt auch auf Deutsch, unter dem Titel Rückkehr nach Le Vernet – Mein Dorf nach dem Germanwings-Absturz


Foto von Nicolas Balique, Copyright : Max Tranchard.

Im Gespräch mit euronews erzählt Nicolas Balique ein Jahr nach der Katastrophe, was sich für ihn und sein Dorf verändert hat.

euronews:
Sie kennen den Unglücksort Le Vernet und seine Bewohner sehr gut, weil sie oft dort sind. In Ihrem Buch berichten Sie vom Trauma am 24. März 2015 und den Tagen danach. Wie hat der Ort auf den tragischen Absturz reagiert?

Nicolas Balique:
Zuerst hatten die Bewohner Mühe zu begreifen, was passiert war. Der Absturz hatte sich in einem “toten Winkel” ereignet, hinter den Bergen, am Ende eines sehr schmalen Tals. Niemand im Dorf hatte etwas gesehen oder gehört. Die letzten Menschen, die den Airbus gesehen haben und die ich in meinem Buch zitiere, waren Wanderer, die weniger als 500 Meter von der Absturzstelle entfernt waren. Die Maschine ist direkt über ihre Köpfe hinweggeflogen, so als würde sie gleich landen. Zwei Sekunden später haben sie eine riesige schwarze Rauchwolke in den Himmel gestiegen. Sie sind umgekehrt, weil sie wussten, welches Schreckensbild sie gesehen hätten, wenn sie weitergegangen wären.

Einige Stunden nach dem Absturz gab es einen unglaublichen Medienandrang im Dorf. Dann wurde der Berg monatelang abgesperrt. Das war notwendig für die Ermittlungen und um die Verschmutzungen der Absturzstelle zu beseitigen. Aber das Verbot, sich dem Absturzort zu nähern, war für die Leute schwer zu akzeptieren. Es waren fast ständig Polizisten da, die Stelle wurde von einem privaten Sicherheitsdienst überwacht. In den ersten Wochen wurden die Bewohner kontrolliert, wenn sie nach Hause wollten, ihre Autos wurden durchsucht. Die Bauern brauchten eine Genehmigung, um ihre Tiere weiden zu lassen. Einige haben mir gesagt, sie hatten das Gefühl, sie würden bestraft für eine Katastrophe, für die sie nicht verantwortlich, von der sie aber sehr betroffen waren.

euronews:
Was hat sich ein Jahr danach verändert?

Nicolas Balique:
Langsam geht das Leben weiter. Aber die Spuren, die die Katastrophe hinterlassen hat, sind für immer da, unauslöschlich. Die Bewohner des Tals werden ihre Berge nie mehr so wie vorher sehen. Jedes Mal wenn sie ihre Augen auf die Gipfel der Berge richten, denken sie sofort an den Absturz. Alle denken daran, aber kaum jemand will darüber reden. Selbst untereinander ist das Thema nur schwer anzusprechen.

Und es kommen regelmäßig Familien, um an der Absturzstelle der Opfer zu gedenken. Im Dorf habe ich enorm viel Mitgefühl für diese Familien gespürt. Einige sind bei Bewohnern untergebracht. Es sind Beziehungen entstanden, von denen ich glaube, dass sie weiterbestehen werden.


Foto zeigt Le Vernet, Copyright : Max Tranchard

euronews:
Sie waren einer der ersten Journalisten an der Absturzstelle. Welche Erinnerung bleibt Ihnen an diesen Moment?

Nicolas Balique:
Am späten Nachmittag dieses 24. März war ich mit einer apokalyptischen Szene konfrontiert, der eines völlig pulverisierten Flugzeugs. Die größten Wrackteile, die ich gesehen habe und die entlang der Felswand verstreut lagen, waren kaum so groß wie eine Autotür. Zuerst dachte ich, da hätte es gar kein Flugzeug an dieser Stelle gegeben, es wäre ein Irrtum. Dann habe ich Haufen von zerstückeltem Blech gesehen, danach ein Stück Leitwerk, einen Reifen, das einzige Teil, das noch irgendwie intakt aussah. Es erschien mir unmöglich, dass ein so riesiges Flugzeug sich in nichts auflösen könnte, als ob der Berg es verschluckt hätte.

Aufgrund der landschaftlichen Situation erschien es mir auch unmöglich, dass ein Flugzeug dieser Größe das Ende des schmalen Tals zwischen den beiden Felswänden erreichen könnte. Als ich drei Bordfenster sah, die aus dem Rumpf des Flugzeuges gerissen waren, dachte ich an die Leben, die genauso zunichte gemacht worden waren. Das Einzige, was ich in diesem Moment tun konnte, war, ein Gebet zu sprechen.

Als die Ursachen des Absturzes bekannt wurden, habe ich versucht mir vorzustellen, was die Passagiere erlebt haben könnten. Ich habe gesehen, was es bedeutet, wenn ein Flugzeug mit 700 Kilometern pro Stunde gegen einen Berg prallt. Aber was hatten die gefühlt, für die es an Bord die letzten Minuten des Flugs waren? Von diesem Gedanken war ich wie besessen. Deshalb bin ich einige Wochen später zu Fuß der letzten Route des Fluges gefolgt. Diese zwei stillen Stunden in den verlassenen Bergen waren sehr bewegend für mich. Davon handelt das Kapitel, das ich in meinem Buch “56 Sekunden” genannt habe. Wenn eines Tages die Familien diesen Weg mit mir gehen wollen, kann ich das gerne tun.

euronews:
In Ihrem Buch beschreiben Sie den Ansturm der Medien, die Jagd nach Zeugen, die Gerüchte, die Sensationsgier, die ungehobelten Journalisten. Wie hat die Katastrophe Ihren Blick auf die Medien verändert?

Nicolas Balique:
Als ich von der Absturzstelle heruntergekommen bin, wusste ich in etwa, was mich erwartet. Aber ich war weit davon entfernt zu ahnen, welches Ausmaß all das annehmen würde. In Seyne-les-Alpes, wo ein erstes Medienzentrum eingerichtet worden war, gab es überall Kameras. Aber es gab keine Zeugen und die Nachrichtensendungen mussten irgendwie gefüllt werden.

So sind einige Gerüchte entstanden – wie die von den Wölfen, die die “Kadaver gefressen” hätten. Es gibt Wölfe in der Region, aber wie ist es vorstellbar, dass sie sich nach der Gewalt des Aufpralls und all dem vergossenen Kerosin dieser Stelle nähern?

Am Tag danach ist die Horde nach Vernet weitergezogen. Ich als Journalist bin “einen Schritt zur Seite getreten”, wie ich es nenne. Ich habe die Kamera beiseite gelegt und bin wieder Bewohner des Dorfes geworden. Und ich habe meine Kollegen beobachtet – mit diesem doppelten Blick als Journalist und als Dorfbewohner. Einige haben die Bewohner bis in ihre Häuser verfolgt. Andere haben Geld angeboten und wollte sich, um die Sperren der Gendarmerie herum, zur Absturzstelle fahren lassen. Für ein so friedliches Dorf war es ein schwer zu verarbeitendes Erlebnis, einige Stunden so sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit der Welt zu stehen.

Hat sich mein Blick auf die Medien verändert? Nicht wirklich. Die Journalisten machen ihre Arbeit, die meisten machen sie korrekt. Das Problem ist der Wettlauf um die Nachrichten, den sich die Sender liefern. Ständig muss das Programm gefüllt werden – mit dem Risiko, sich zu wiederholen und voneinander abzuschreiben. Diese “Papageien-Info” wird schnell langweilig, aber das ist nicht sehr schlimm.

Die, die nach der Exklusivmeldung suchen, tun es manchmal ohne Rücksicht auf die journalistische Ethik. Wir haben das bei der dramatischen Geiselnahme im koscheren Supermarkt im Januar 2015 gesehen. Unser Kollege Hubert Huertas hat das, was die Medien machen, in dieser Formel zusammengefasst: “Besser als Erster eine Falschmeldung, als zu spät eine Information”.

euronews:
Ihr Buch erscheint gerade in Deutschland. Es ist übersetzt und mit dem Vorwort der Mutter eines Opfer versehen. Was bedeutet das für Sie?

Nicolas Balique:
Von all dem, was seit einem Jahr passiert ist, ist dieses Buch zweifellos das, was mich am meisten berührt hat. Anfang des Jahres habe ich den Brief von Annette Bleß bekommen, der Mutter von Elena, 15 Jahre alt, eines der deutschen Opfern des Absturzes. Die Familie einer Klassenkameradin ihrer Tochter hatte ihr ein Exemplar des Buchs aus Frankreich mitgebracht.

Annette ist Französischlehrerin, und man hat sie gebeten “Retour au Vernet” zu übersetzen. Das hat Annette Bleß gemacht, und dann hat sie mich gefragt, ob ich einverstanden bin, dass das Buch in Deutschland erscheint. Ich war einverstanden – mit einer Bedingung: dass sie ein Vorwort schreibt.

Dieses Vorwort ist erschütternd. Annette erzählt darin ihren 24. März, die letzten SMS, das geplante Fest zur Rückkehr ihrer Tochter, die ihren 16. Geburtstag feiern wollte. Dann wird alles anders. Annette Bleß erzählt mit großer Zurückhaltung die schweren Wochen, die folgen. Die Verhandlungen mit Lufthansa und die sich aufstauende Wut der Familien über einen “geistig verwirrten Copiloten”. Im ganzen Vorwort spürt man Annettes Liebe für ihre Tochter. Für mich ist es ein eindrucksvolles Zeugnis einer Familie, die plötzlich mit dem brutalen Tod eines Kindes konfrontiert wird.