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Hans-Dietrich Genscher 89-jährig gestorben

Hans-Dietrich Genscher – der «immerwährende Außenminister» ist gestorben. Niemand war so lange Deutschlands Außenminister und Vizekanzler wie der

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Hans-Dietrich Genscher 89-jährig gestorben

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Hans-Dietrich Genscher – der «immerwährende Außenminister» ist gestorben. Niemand war so lange Deutschlands Außenminister und Vizekanzler wie der Mann mit dem gelben Pullunder – über 18 Jahre saß Genscher in wechselnden Regierungen, war mit seiner FDP Mehrheitsbeschaffer und Zünglein an der Waage. Als einer der ersten erkannte er die Chancen der Perestroika Gorbatschows, wurde zu einem der Macher der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung war für Genscher die Erfüllung seines politischen Lebens.

Der FDP-Politiker starb in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren, wie sein Büro in Bonn mitteilte. Die Todesursache soll laut Medienberichten Herz-Kreislaufversagen gewesen sein.

Genscher war – von 1974 bis 1992 – 18 Jahre lang Außenminister und in dieser Funktion maßgeblich an den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung beteiligt. In Deutschland gehörte er zu den beliebtesten Spitzenpolitikern und zu den prägenden Persönlichkeiten der Liberalen. Von 1974 bis 1985 war er Vorsitzender der FDP. 1992 hatte sich Genscher von seinen Ämtern zurückgezogen. In seinen 18 Jahren als Chefdiplomat führte Hans-Dietrich Genscher das Außenministerium der Bundesrepublik durch die politische und diplomatisch spannende Phase der deutschen Teilung. Ihm war immer an einem Dialog zwischen dem Osten und dem Westen gelegen, der schliesslich sogar “Genschwerismus” genannt wurde. Letztlich führte seine Politik schließlich zur Wiedervereinigung.

Genscher wurde 1927 in Reideburg geboren, das heute zu Halle gehört. 1945 meldete er sich zur Wehrmacht – nach eigener Aussage auch, um einer Zwangsrekrutierung durch die Waffen-SS zu entgehen. Nach dem Krieg studierte er Jura und Volkswirtschaftslehre in Halle und Leipzig. 1952 ging er in den Westen und trat der FDP bei. Im Jahr 1969 wurde er Innenminister unter Willy Brandt. In dieser Funktion war er drei Jahre später im Krisenstab zum Olympia-Massaker an 11 israelischen Sportlern in München. Das Scheitern der Verhandlungen bezeichnete er später als den Tiefpunkt seiner Karriere. Unter Helmut Schmidt wurde Genscher Außenminister und Vizekanzler und formte die sogenannte Ostpolitik weiter. Washington beäugte diese deutsche Brückenfunktion zwischen West und Ost meist skeptisch.

Doch Genscher ließ sich nicht beirren. Die europäische Integration hielt er für einen Schlüssel zur deutschen Wiedervereinigung und begrüßte politische Reformen in Polen und Ungarn. Ein Meilenstein stellte seine Rede am 30. September 1989 auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag dar. Mit seinen Worten leitete er die Ausreise der DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft ein. Kurze Zeit später verhandelte er mit seinem Amtskollegen der DDR über die deutsche Wiedervereinigung.

Im Jahr 1991 drängte er auf die rasche Anerkennung von Kroatien und Slowenien durch Deutschland. Bis heute ist unklar, ob er damit die Balkankrise verschärft oder einen Beitrag zu ihrer Lösung geleistet hat. Im Jahr 2013 nahm Genscher eine wesentliche Vermittlerrolle bei der Freilassung des russischen Regierungskritikers Michail Chodorkowski ein.