Eilmeldung

Eilmeldung

Hohe Selbstmordrate von Häftlingen in Frankreich - eine Spurensuche

Rund 12 von 10.000 Häftlingen in Frankreich bringen sich um. Laut der Selbstmordstatistik des Europarates sind das fast doppelt so viele Fälle wie in

Sie lesen gerade:

Hohe Selbstmordrate von Häftlingen in Frankreich - eine Spurensuche

Schriftgrösse Aa Aa

Rund 12 von 10.000 Häftlingen in Frankreich bringen sich um. Laut der Selbstmordstatistik des Europarates sind das fast doppelt so viele Fälle wie in vergleichbaren Ländern, etwa Spanien. In den untersuchten Staaten liegt der Durchschnitt bei 7,6 Fällen. Erhängen, eine Überdosis von Medikamenten und das Schlucken von Rasierklingen sind dabei die Methoden, die am häufigsten gewählt werden.

Meinung

Die Tendenz steigt, psychisch Kranke ins Gefängnis zu stecken, und das ist wirklich nicht der richtige Platz für sie.

Warum gibt es in Frankreich so viele Selbstmorde? In Lille gehen wir Spuren nach. Wir treffen die Schwester eines Selbstmörders: Der Bruder starb 2010, zwei Monate nach einer Überdosis von Medikamenten, im Gefängnis von Mauberge. Morad Zennati wurde für den Besitz von 100 Gramm Marihuana zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der 31-Jährige litt unter Klaustrophobie.

Seine Schwester zeigt uns seine Akte, darunter viele Anträge beispielsweise auf Hafterleichterung und die letzten Briefe an die Familie. Rahma Zennati erzählt:

“Ich sah meinen Bruder im Besuchszimmer: 1,90 Meter groß, 120 Kilo, im Rollstuhl sitzend. Ohne Arzt zu sein, sah man, dass es ein Problem gab.

Sie erklärten mir, er sei jemand, der die Menschen manipuliert, der immer weinte im Besuchszimmer. Wir sollten uns keine Sorge machen, beim nächsten Besuch wäre er immer noch am Leben. Bis zu dem Tag, an dem wir gegangen sind und ihn nicht lebend wiedergesehen haben.”

euronews-Reporterin Lilia Rotoloni: “Sie sind also benachrichtigt worden, dass Morad im Krankenhaus ist, und sind hingegangen.”

Rahma Zennati: “Ich sah ihn, er zuckte immer noch, nach 48 Stunden am Beatmungsgerät, mit Handschellen und einem Polizisten im Zimmer. Ich sah den Polizisten, ich sagte zu ihm, glauben Sie wirklich, dass man ihn retten kann. Dann realisierte ich, dass es auch andere Patienten gab.

Was mich am meisten irritierte, war die Beatmungsmaschine. Er zuckte immer noch und war in Handschellen.

“Mein Bruder ertrug die Haft nicht. Man muss wissen, er nahm vorher nie Benzo(diazepine) oder Antidepressiva. Mein Bruder hat nie Medikamente genommen. Da er die Haft nicht vertrug, war es das Einfachste für den medizinischen Dienst im Gefängnis, ihm Medikamente zu geben.

In seinen Sachen fand ich später kleine Tütchen mit 10 bis 15 Valium, ein Dutzend Imovane (gegen Schlafstörungen), Xanax (ein Angstlöser), eine Mischung aus Benzodiazepinen (Beruhigungsmittel), Neuroleptika (Antipsychotika), Antidepressiva, Schlaftabletten, ein ganzer Cocktail, ist das nicht besorgniserregend für eine Person?”

Die Schwester ist überzeugt davon, dass der Umgang mit Medikamenten im Gefängnis nicht ausreichend kontrolliert wird. Wir begleiten eine Medikamentenausgabe im Gefängnis von Longuenesse im Norden Frankreichs.

Es gibt zwei Möglichkeiten der Vergabe: Häftlinge, die von einem Arzt als suizidgefährdet eingeschätzt werden, bekommen täglich ihr Rezept und müssen ihre Pillen in Anwesenheit der Krankenschwester einnehmen.

Häftlinge, die nicht als suizidgefährdet gelten, bekommen zwei Mal wöchentlich ihre Ration in kleinen Tüten in die Zelle geliefert. Häftlinge, die beispielsweise unerkannt an einer Depression leiden, könnten ihre Pillen horten, um sich damit umzubringen.

Eine Krankenschwester und ihr Kollege erzählen:

“In knapp einem Jahr gab es unheimlich viele Ärztewechsel.” Ihr Kollege Farhi Rabah ergänzt: “Manchmal blieben sie nur zwei Wochen.” Caroline Penet sagt: “Und manche, vielleicht weniger pflichtbewusst, gaben den Anfragen der Häftlinge viel leichter nach. Wenn man sich die Zahlen der Krankenstation zu dieser Zeit anschaut, sieht man einen größeren Krankenstand. Unter den Häftlingen sagte man sich: Geh zum Arzt! Er gibt dir, was du willst, er macht, was du willst.”

Ein Häftling erzählt: “Mental angeschlagene Menschen habe ich einige gesehen. Früher gab es meiner Meinung nach weniger labile Personen im Gefängnis. Bei bestimmten Straftaten kamen sie in die Psychiatrie. Aber sie in psychiatrische Anstalten zu stecken ist teurer, also kommen sie ins Gefängnis. Ja, klar habe ich welche gesehen, und man sieht sie immer öfter.”

Ein Gefängnispsychiater mit langjähriger Erfahrung meint:

“Das Ganze zeigt mir, dass es Frankreich nicht gut läuft. Man wird eine bestimmte Art von lästigen Menschen im Gefängnis los, ohne wirklich hinschauen zu wollen, was da passiert. Ich denke da vor allem an die psychisch Kranken, deren Zahl im Gefängnis ist wirklich gestiegen, sie werden von der Gesellschaft ausgeschlossen, man sieht sie eher als gefährliche denn als leidende Menschen. Die Tendenz steigt, sie ins Gefängnis zu stecken, und das ist wirklich nicht der richtige Platz für sie.”