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Beznau beunruhigt Europa: Ist das älteste AKW der Welt noch sicher?

Das älteste Kernkraftwerk der Welt, Beznau1, steht in der Schweiz, unweit der Grenze zu Deutschland. Im Stahlmantel des Reaktordruckbehälters wurden fast tausend Materialfehler entdeckt. Derzeit ist d

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Beznau beunruhigt Europa: Ist das älteste AKW der Welt noch sicher?

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Beznau 1, das älteste Atomkraftwerke der Welt, soll nie wieder ans Netz gehen. Das fordern Organisationen wie Greenpeace Schweiz und besorgte Bürger. Der Betreiber Axpo wiegelt ab. Ja, es gebe Probleme, aber von einem Sicherheitsrisiko könne keine Rede sein. Die Debatte tobt. Die Katastrophe in Fukushima hat bei vielen Europäern alte Ängste wieder geweckt und der Slogan “Atomkraft? Nein danke!” wird neu aufgelegt.

Meinung

Das AKW ist nicht hochwassersicher, es ist nicht erdbebensicher, es hat Schwachstellen im Reaktordruckgefäss. Es ist alt, es gehört einfach stillgelegt. (Leo Scherer)

Droht bei Hochwasser ein Atom-Gau?

Mit einer geheimen Kommando-Aktion hat Leo Scherer es vor Jahren geschafft, bis zum Atomkraftwerk Beznau vorzudringen. Das war gleich nach den Terror-Attacken auf New York – und Leo fürchtete, dass so etwas auch in der Schweiz geschehen könnte. Mit seinem Greenpeace-Kommando verlegte Leo Kabel und zündete ein harmloses Feuerwerk. Gedacht als Warnung. Was, wenn Leo ein echter Terrorist gewesen wäre? Nicht auszudenken… Der Konzern reagierte: heute ist Beznau etwas besser geschützt. Leo sei Dank. Trotzdem: Greenpeace-Aktivisten schaffen es immer wieder, auf das Gelände von Kernkraftwerken vorzudringen.

Doch da ist noch ein anderes Problem. Leo und sein Kumpel Heini Glauser stecken die Köpfe zusammen, zuerst über einer Landkarte, dann vor Heinis Computerbildschirm: Was geschieht bei Hochwasser? Das Atomkraftwerk Beznau steht auf einer Flussinsel der Aare, einem Zufluss des Rheins. Kein Problem, sagt die Aufsichtsbehörde ENSI, die beiden Atommeiler auf der Insel unweit der deutschen Grenze seien hochwassersicher. Heini ist da anderer Meinung. Ihm zufolge sind die Behauptungen in dem Bericht der Behörde schlicht und einfach falsch, “schön gerechnet”, wie er sich ausdrückt. Das bedeute, das Atomkraftwerk Beznau könnte bei einem extremen Hochwasser “total überschwemmt” werden, pflichtet er seinem Freund Leo bei. Wenn das Wasser meterhoch fließt, dann würde Beznau ein ähnliches Szenario wie Fukushima drohen: gleichzeitiges Versagen mehrerer Sicherungsssysteme, Ausfall der Stromversorgung, Probleme mit der Kühlung… bis hin zur Kernschmelze.

Am Wohnzimmertisch sitzt auch Besuch aus Japan. Es ist der Jahrestag des Fukushima-Unglücks und Heini hat die japanischen Gäste bei sich einquartiert, damit sie bei einer Fukushima-Mahnwache sprechen.

Heini und Leo behaupten, dass die Berechnungsgrundlagen in dem Bericht der Schweizer Atomaufsicht nicht stimmen. Architekt Heini erklärt, und deutet dabei auf Fotos, die er 2007 bei einem kleineren Aare-Hochwasser nach heftigem Regen geschossen hat: “Dieser Fluss, die Aare, wie der bei Hochwasser tost: da von 37 Zentimetern zu reden wenn die Wellen bereits nach etwas Dauerregen mehr als ein Meter hoch sind, das ist schon allein eine absurde Idee… und dann die Fliessgeschwindigkeit: die Behörden rechnen mit sechs Metern pro Sekunde, doch Fachleute mit denen ich geredet habe, unabhängige, sagen: hier können Geschwindigkeiten von neun bis zehn Metern pro Sekunde entstehen.”

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat diskutierte das Problem mit Axpo, dem Betreiber der Anlage. Axpo investierte daraufhin 700 Millionen Schweizer Franken in hochwassergeschütze Notstromaggregate und moderne Steuersysteme, die digitalisiert wurden. Mit einem extrem aufwändigen Prozedere wurde auch der Deckel des Reaktordruckbehälters ausgetauscht. Seit Inbetriebnahme der Anlage, so ein Axpo-Sprecher, habe das Unternehmen weit über zwei Milliarden Schweizer Franken in Sicherheit und Nachrüstung investiert.

Die Kleinstadt Brugg liegt zehn Kilometer entfernt. Heini und Leo zeigen uns die historischen Flutmarken. Heini kennt sich aus: soeben hat er eine Teilstudie für die Schweizer Umweltbehörde erstellt. In zwei Jahren, 2018, will das Amt dann die umfassende Gesamtstudie veröffentlichen. Leitfrage ist hierbei: was geschieht bei einem Extremhochwasser? Zwar gibt es bereits zahlreiche Einzeluntersuchungen. Doch nun will die Umweltbehörde eine globale Perspektive einnehmen, in der alle Fachgebiete, Aspekte, wissenschaftlichen Ergebnisse gewürdigt und gewichtet werden.

Heini arbeitet als Architekt – er weiss, wie man Volumen berechnet. Sein Argument: wer historische Hochwasser falsch berechnet, liegt auch falsch bei kommenden Überflutungen. Mit Leo zusammen steht Heini auf einer der Brugger Brücken und deutet mit dem Finger in die Felsschlucht: “Hier sieht man, wo das Hochwasser 2007 hinkam, hier unten, und 1852 war das Wasser zweieinhalb Meter höher auf dieser Seite und im 1480 und 1570 war das Wasser auf dieser Höhe, überflutete die Vorstadt. Das waren Riesenmengen,” so Heini. Für das Atomkraftwerk wären solche Wassermengen “eine Katastrophe”.

Wie gefährlich sind die Schäden am AKW?

Leo und Heini unternehmen einen Spaziergang zum Atomkraftwerk. Die Sicherheitsleute sind nervös, denn an Leos Kommandoaktion können sie sich noch gut erinnern. Und auch an Aktionen jüngeren Datums: Greenpeace ist in der Gegend sehr aktiv und gut organisiert… Ein kleiner Wanderweg, offiziell als solcher ausgeschildert, führt quer über die Atomkraftwerksinsel auf die andere Seite der Aare. Zusammen mit dem Euronews-Kameramann Thierry wollen wir dorthin, filmen. Doch der Werkschutz blockiert: Keinen Schritt weiter – und keine Kamera. Uns wird eine offizielle Abmahnung vorgelesen, in der von Polizei und Gefängnis die Rede ist. Nun, dann eben Picknickpause am diesseitigen Aare-Ufer… Leo bringt auf den Punkt, was mit dem Atomkraftwerk Beznau alles nicht stimmt: “Es ist nicht hochwassersicher, es ist nicht erdbebensicher, es hat Schwachstellen im Reaktordruckgefäss. Es ist alt, es gehört einfach stillgelegt."

Im vergangen Jahr wurden fast tausend Materialfehler im Herz der Anlage, dem Reaktordruckbehälter, endeckt. Die Löcher, beziehungsweise Materialverunreinigungen im Stahlmantel des Atomkraftwerks sind etwa 0,7 Zentimeter gross. Beznau ist deswegen vorübergehend abgeschaltet – immer noch, viel länger als ursprünglich geplant.

Für Leo reicht das nicht aus: “Diese Reaktoranlage ist jetzt 47 Jahre im Betrieb, das ist weltweit noch nirgends mit diesem Reaktortyp gemacht worden. Also wir sind eigentlich im Versuchsbetrieb: wir sind jetzt dabei auszuprobieren, wie lange er hält, bis er bricht.” Aus Sicht des Beznau-Betreibers Axpo ist das totaler Blödsinn. Der Versprödungsprozess des Reaktordruckbehälters werde genau überwacht: von Kernphysikern, Mathematikern und Materialwissenschaftlern.

Geht Beznau wieder ans Netz?

Das Euronews-Team übernachtet in Kirchdorf, gleich in der Nähe des Atomkraftwerkes. Die Bäume am Marktplatz tragen noch bunte Verzierungen vom letzten Sommerfest. Die Menschen der Region – auf beiden Seiten der Rheingrenze zwischen Deutschland und der Schweiz – wollen eines wissen: Geht Beznau wieder ans Netz – und wann? Im vergangenen Jahr hieß es, die Zentrale werde im Oktober 2015 wieder aufgemacht, dann war von Februar 2016 und jetzt von Juli 2016 die Rede.

Fortunas Rad dreht sich – auch für Axpo. Der Betreiber machte im vergangen Jahr fast eine Milliarde Schweizer Franken Verlust, Strom ist billig, Nachrüstung teuer. Stillstand auch… da läppern sich die roten Zahlen. Doch weil Axpo in den vergangenen drei Jahren Hunderte von Millionen Schweizer Franken in neue Sicherheitstechnik für Beznau1 steckte, würde das Unternehmen die Anlage gerne bis 2029 laufen lassen. Axpos Sprecher Antonio Sommavilla betont: “Selbstverständlich sind es keine Risse oder Löcher, sondern Unregelmässigkeiten, die wir hier im Reaktordruckbehälter gefunden haben. Es gibt tatsächlich eine Art Versprödungseffekt, wir denken aber aufgrund erster Erkenntnisse, dass es im Grunde keine sicherheitstechnischen Vorbehalte gegen den Weiterbetrieb der Anlage gibt.” Im EU-Stresstest habe die Anlage “Bestnoten” erhalten.

Aber warum dauert es dann so lange, den erneuten Sicherheitsnachweis zu erbringen, vielleicht ist ja doch etwas dran, an diesen knapp tausend Materialfehlern im Mantel des Reaktordruckbehälters? Axpo-Sprecher Sommavilla erklärt die Verzögerungen mit “hochkomplexen Analysen, Ultraschalluntersuchungen, materialwissenschaftlichen Untersuchungen – das braucht seine Zeit.” Seine Überzeugung: “Alt heisst nicht unsicher.” Offenbar haben sich Unmengen an Daten angehäuft, die Axpo jetzt durch diverse Computerprogramme jagen muss, um eine klare Aussage treffen zu können als Antwort auf eine einfache Frage: könnte der Reaktordruckbehälter an jener Stelle mit den tausend Materialfehlern eines Tages brechen? Denn die Materialermüdung durch ständigen Beschuss mit radioaktiven Partikeln, hohe Temperaturen, hohen Druck, hohes Alter können zwar berechnet und auch für die kommenden Jahre kalkuliert werden (die AKW-Betreiber haben hierfür in Reaktorherzen Materialproben eingehängt, die nach einigen Jahrzehnten herausgenommen und auf Versprödung untersucht werden). Nur: die tausend Materialfehler oder Materialverunreinigungen, Materialunregelmässigkeiten bringen die Wahrscheinlichkeitsrechner ganz schön ins Schwitzen, denn auf einmal wird die Rechnung so richtig komplex…

Zurück nach Brugg, dem Sitz der Aufsichtsbehörde ENSI. Die Demonstranten vor dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat, ENSI, haben ihre Alphörner mitgebracht, um sich Gehör zu verschaffen. Mit ihrer Mahnwache erinnern sie an Fukushima: da sei schließlich angeblich auch alles sicher gewesen. Die Aufsichtsbehörde ENSI sei zu eng verflochten mit der Schweizer Atom-Lobby, kritisieren die Gegner – während die Kontrolleure ihre Unabhängigkeit betonen.

Euronews-Journalist Hans von der Brelie hat ENSI-Sprecher Sebastian Hueber gefragt, ob die Europäer vor dem ältesten AKW, Beznau 1, das in der Schweiz steht, Angst haben müssen? Hueber antwortete: “Es ist derzeit am Betreiber, uns aufzuzeigen, wie umfangreich diese Befunde sind, aber insbesondere muss der Betreiber auch abschliessend nachweisen müssen, welchen Einfluss das auf die Integrität des Reaktordruckbehälters hat. Wenn es ihm nicht gelingt, diesen Nachweis zu erbringen, werden wir kein grünes Licht geben für das Wiederanfahren.” Kurz, die Bevölkerung brauche sich “keine Sorgen” zu machen, denn “die Schweizer Kernkraftwerke erfüllen die Sicherheitsanforderungen, die der Gesetzgeber festgelegt hat.”

Hueber nimmt auch Stellung zum generellen Problem der Alterung von Kernkraftwerken: “Bei der konzeptionellen Alterung gibt es bis zu einem gewissen Maß die Möglichkeit nachzurüsten und Erkenntnisse aus Forschung und Technik einfließen zu lassen. Auf der anderen Seite gibt es die Materialalterung.” Das sei insbesondere ein Thema beim Reaktordruckbehälter: “Durch die Alterung wird der Stahl spröde und Versprödung kann dazu führen, wenn das zu stark versprödet, dass der Reaktordruckbehälter dann unter Extrembelastung bricht.” Per Gesetz hat die Schweiz einen Grenzwert für Versprödung festgelegt, “solange der nicht überschritten wird, dann ein Kernkraftwerk weiter betrieben werden” – denn eine generelle Altergrenze für Atomkraftwerke gibt es derzeit nicht in der Schweiz: dort dürfen Kernkraftwerke laufen, bis das ENSI Halt sagt.

Atomkraft? Nein Danke!

Der fünfjährige Colin und seine achtjährige Schwester Lynn helfen Opa Heini, der will heute zu einer Fahrrad-Demo. Die Vorbereitungen für ein Atom-Referendum beschleunigen sich in der Schweiz. Im Herbst wird abgestimmt. “Da können die Schweizer darüber entscheiden, ob Atomkraftwerke, die 45 Jahre alt werden, abgeschaltet werden müssen, das würde dann auch bedeuten, dass dieses Atomkraftwerk hier in Beznau müsste schon im nächsten Jahr vom Netz,” so Nicola Bossard, Organisator der Demonstration und im Vorstand der Jungen Grünen Aargau.

Vom Bau neuer Atomkraftwerke hat sich die Schweiz bereits verabschiedet. Jetzt tobt erneut die Debatte über die Restlaufzeit der Altreaktoren, übrigens nicht nur in der Schweiz – sondern auch in Frankreich.

INSIDERS - Nuclear power in Switzerland

Bonus-Interviews

ENSI: ‘‘Die Bevölkerung braucht sich keine Sorgen zu machen’‘

Sind Schweizer Atomkraftwerke sicher? Auch solche Uralt-Reaktoren wie Beznau? Euronews sprach mit Sebastian Hueber vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI über wachsende Sicherheitsbedenken in der europäischen Bevölkerung. Das Interview ist auf Deutsch.

Sommavilla: ‘‘Europa braucht keine Angst vor dem AKW Beznau haben’‘

Antonio Sommavilla, der Sprecher des AKW-Betreibers Axpo, räumte gegenüber euronews ein, dass es in der Tat im Reaktordruckbehälter einen Versprödungseffekt gibt. Doch er betonte, dass das AKW sicher sei, den Unregelmässigkeiten im Material gehe man nach. Das Interview ist auf Deutsch.

Prasser: ‘Herstellungsfehler’ am Reaktordruckbehälter von Beznau 1

Horst-Michael Prasser ist einer der führenden Physiker in der Schweiz. Er gilt als großer Befürworter von Atomenergie. In den sozialen Netzwerken bezeichnen ihn manche als den “Atom-Papst”. Die Unregelmäßigkeiten, die im AKW Beznau 1 gefunden wurden sind seiner Ansicht nach ein herstellungsbedingtes Phänomen, das nun untersucht werden müsse. Das Interview ist auf Englisch.

Greenpeace-Aktivist Kasser: ‘‘Wenn in Beznau was bricht, dann ist Europa massiv radioaktiv verseucht’‘

Florian Kasser leitet die Anti-Atomkraft-Kampagne von Greenpeace Schweiz. Nach dem Fund von tausend Materialfehlern im Reaktordruckbehälter von Beznau 1, dem ältesten Kernkraftwerk der Welt, ist Kassers Ansage glasklar: Abschalten, und zwar sofort. Das Interview ist auf Deutsch.

Rechsteiner über Schweizer Atomaufsicht: ‘‘Amt für eventual-vorsätzlichen Völkermord’‘

Der frühere Schweizer Nationalrat (1995-2010) und heutige Kantonsrat in Basel-Stadt, Rudolf Rechsteiner, hat die Schweizer Energiegesetze massgeblich mitgestaltet. Er plädiert für Energiewende und Atomausstieg. Rechsteiner ist ein scharfer Kritiker des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats. Seine kurze Stellungsnahme gegenüber Euronews ist auf Deutsch.