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US-General John Allen: "Wir können die IS besiegen"

2015 war eines der tödlichsten Jahre für Europa seit Jahrzehnten, was auch mit dem Aufstieg der Miliz Islamischer Staat (IS) zusammenhing. Wie geht

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US-General John Allen: "Wir können die IS besiegen"

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2015 war eines der tödlichsten Jahre für Europa seit Jahrzehnten, was auch mit dem Aufstieg der Miliz Islamischer Staat (IS) zusammenhing. Wie geht es 2016 weiter und wie kann diese Gefahr bekämpft werden? Welchen Erfolg hat die Anti-IS-Operation Inherent Resolve? Über diese Fragen haben wir mit dem früheren US-Sonderbeauftragten der internationalen Anti-IS-Allianz, General John Allen, gesprochen. Wir trafen ihn bei der Sicherheitskonferenz Globsec in der slowakischen Hauptstadt Bratislava.

Meinung

Wenn wir die Botschaft des IS besiegen können, dann wird auch der IS besiegt sein.

Isabelle Kumar, euronews
John Allen, haben Sie angesichts der Gewinne, die der IS macht, den Eindruck, dass dies noch ein langer Kampf für uns sein wird?

John Allen
Darauf müssen wir uns einstellen. Aber ich möchte auch deutlich sagen, dass es Gebiete gibt, in denen der IS keine Gewinne hat. Es gibt Gebiete, wo sie deutliche Rückschläge verzeichnen. Der Unterschied zwischen dem Zustand der Organisation heute und vor 18 Monaten ist der, dass es inzwischen etwas gibt, was sie “entfernte Provinzen”, wilayats”, nennen. Diese reichen von Nordafrika bis Südostasien. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung, die wir ganz genau beobachten und wahrscheinlich auf regionaler Ebene konfrontieren müssen. Die große Herausforderung aber ist das globale Netzwerk, das diese Provinzen mit dem Zentrum im Irak und Syrien verbindet. Das ist das, was wir ganz genau im Auge behalten müssen.


Kurzbiografie John Allens

  • John Allen ist ehemaliger Vier-Sterne-General des United States Marine Corps
  • 2013 wurde er als Militär in den Ruhestand versetzt. Er arbeitet aber weiter als Berater für die US-Regierung
  • Allen wurde 2014 zum US-Sonderbeauftragten der internationalen Anti-IS-Allianz ernannt
  • Ein Jahr später schied es aus diesem Amt aus

euronews
Wenn härter gegen die IS-Hochburgen in Syrien und im Irak vorgegangen wird, dehnt sich die Organisation dann über ihr globales Netzwerk aus, in Europa zum Beispiel, wie es jüngst passiert ist?

John Allen
Das sehen wir schon jetzt. Genau das passiert. Je mehr wir sie unter Druck setzen, umso mehr wollen sie sich diesem Druck durch Angriffe an anderen Orten entziehen. Wenn sie zum Beispiel in Westeuropa angreifen, dann bringen sie den Terror zur Bevölkerung der Anti-IS-Allianz. Sie werden versuchen, die Allianz zu spalten oder zumindest den Zusammenhalt zu schwächen. Wir sollten darauf vorbereitet sein, weswegen es auch so wichtig ist, dieses Netzwerk zu verstehen.

euronews
Syrien und der Irak haben gezeigt, dass Terroristen ein politisches Machtvakuum zu schätzen scheinen. Und wenn Sie jetzt dieses terroristische Brutgebiet in Brüssel sehen, in Belgien, einem zur Zeit in vielerlei Hinsicht nicht funktionierenden Staat, ist es Ihrer Ansicht nach nur ein Zufall, dass sich der IS dort eingenistet hat?

John Allen
Ich würde nicht unbedingt von einem Vakuum sprechen. Ich denke, diese Gruppen suchen die Risse und Spalten zwischen und innerhalb von Ländern, zwischen Kompetenzen, möglicherweise auch zwischen Geheimdiensten, Sicherheitskräften und Antiterroreinheiten. Wo sie diese Spalten, die wir, im Gegensatz zu “hot spots” “cool spots” nennen könnten, finden, werden sie versuchen, sie zu Orten zu machen, an denen sie Anschläge planen und wo sie sich versammeln können.


euronews
Wenn wir die traditionelle Kriegführung anschauen, und wenn es eine entschlossene Offensive gegen das selbsternannte Kalifat gäbe, wie würde sich das auf das globale Netzwerk, das Sie beschrieben haben, auswirken?

John Allen
Diese entschlossene Offensive muss allumfassend sein. Es kann dabei nicht nur um das Kalifat in den von uns so genannten Kernregionen im Irak und in Syrien gehen. Eine solche Offensive müsste also gleichzeitig das Netzwerk zerstören und den Druck auf die Kernregionen aufrechterhalten, damit die gesamte Einheit, also die Provinzen, das Netzwerk und der Kern, gleichzeitig unter Druck gerät.


euronews
Wie wäre das möglich? Wenn wir dieses Netzwerk anschauen, sehen wir diese Gruppen, die sich versteckt haben. Man hat es zuweilen mit einem unsichtbaren Feind zu tun, der unter dem Radar agiert und in der Lage ist, zu Hause Bomben zu bauen.

John Allen
So sieht es im Moment aus. Die Geheimdienste der Region arbeiten gemeinsam mit unseren Nachrichtendiensten daran, dieses Netzwerk zu verstehen. Im Moment scheinen sie unsichtbar zu sein. Sie scheinen überall zu sein. In Wahrheit können wir sie aber mit der richtigen Geheimdienstarbeit finden, wir können herausfinden, welche Schlüsselpunkte für sie besonders wichtig sind oder welche Wege sie gehen müssen, um besonders effektiv zu sein. Dieser umfassende Angriff, über den wir gesprochen haben, ist eine pausenlose Anstrengung, um dieses Netzwerk zu zerstören, damit sie in der Defensive sind, nicht wir. Dieser Prozess geht auch zur Zeit weiter. Wir müssen unser Wissen über das Netzwerk ausbauen, und damit haben wir erst vor kurzem begonnen.

euronews
Unsere Reaktion darauf scheint recht langsam zu sein.

John Allen
Ich würde einfach sagen, dass die organisatorischen Ansätze, die wir verfolgen müssen, darauf ausgerichtet sein müssen herauszufinden, wo diese Spalten sind zwischen Funktionen, zwischen Organisationen.

euronews
Sind Sie mit der Offensive zufrieden?

John Allen
Wir sind noch nicht in der Offensive. Wir müssen sie auf eine Art und Weise organisieren, dass sie allumfassend ist. Wir müssen die Informationen austauschen können, die wichtig sind, wir müssen eng mit den Sicherheitsbehörden in den Ländern zusammenarbeiten können, mit Polizei, Antiterroreinheiten, damit wir das Netzwerk verstehen. Dann können wir es schonungslos angreifen. Das ist wichtig und hat gerade erst begonnen.

euronews
Hat es Sie geärgert, als Sie noch im Amt waren und es bei diesem Thema keinen ausreichenden Informations-Austausch gab?

John Allen
Ich würde nicht sagen, geärgert, aber ich war mir natürlich der Tatsache bewusst, dass wir mehr tun mussten. Ich denke, das beginnt jetzt.

euronews
Hatten Sie von US-Präsident Obama das notwendige Werkzeug, um zu tun, was Sie tun wollten, um diese Gruppe zu stoppen?

John Allen
Ja, aber die Entwicklung, die wir jetzt sehen, der Aufbau dieses Netzwerks, das wurde erst sichtbar, als ich meinen Job verlassen habe. Ansonsten war ich mit der Unterstützung zufrieden.

euronews
Es gab Versuche, mit den Taliban zu verhandeln. Glauben Sie, es könnte eines Tages womöglich Verhandlungen mit dem sogenannten Islamischen Staat geben?

John Allen
Das glaube ich nicht. Sie sind konstant und gnadenlos dabei, den Westen anzugreifen. Das gehört untrennbar zu ihrer Doktrin.

euronews
Sie haben von einem mehrgleisigen Vorgehen gegen den IS gesprochen. Nun wird das, zumindest kurzfristig, nur schwer umzusetzen sein. Was würden Sie den militärischen Führungen raten?

John Allen
Der Aufstieg des IS ist nicht innerhalb kurzer Zeit geschehen, und er wird auch nicht in einer kurzen Zeit zu Ende sein. Einer der viele Gründe, warum der IS existiert, liegt in der seit langem bestehenden Unzufriedenheit Hunderttausender Menschen, die sich radikalisiert haben und nun eine Heimat in einer extremistischen Organisation finden. Wenn wir also auf der einen Seite diese Organisation als Bedrohung ansehen, müssen wir zugleich die zugrundeliegenden Faktoren, die derart große Bevölkerungsschichten in der Region verunsichert und entrechtet, angehen. Das ist eine langfristige Lösung, und dafür müssen wir uns organisieren. Wir müssen einen umfassenden Ansatz wählen, der sowohl die zugrundeliegenden Ursachen angeht als auch die Gruppe selbst. Und wir müssen uns dabei auch selbst verteidigen.

euronews
Kann der IS geschlagen werden?

John Allen
Ich denke schon. Die große Aufgabe ist es aber nicht, den IS im physischen Raum zu schlagen. Die große Aufgabe wird es sein, ihn auf der Kommunikations-Ebene zu schlagen. Sie haben eine sehr starke Botschaft. Und wir haben in den ersten anderthalb Jahre in der Allianz sehr hart daran gearbeitet, dieser Botschaft entgegenzuwirken. Ich denke, darin, die erwähnten Faktoren, die dem IS ursächlich zugrundeliegen und gegen diese Botschaft direkt anzukämpfen, besteht die große Aufgabe für uns. Wenn wir diese Botschaft bekämpfen und besiegen können, dann wird auch der IS besiegt sein.