Eilmeldung

Eilmeldung

Tschernobyl-Katastrophe: "Wir werden die genaue Anzahl der Opfer nie wirklich wissen"

Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. 30 Jahre nach dem Super-GAU sind die Folgen noch immer zu spüren

Sie lesen gerade:

Tschernobyl-Katastrophe: "Wir werden die genaue Anzahl der Opfer nie wirklich wissen"

Schriftgrösse Aa Aa

Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. 30 Jahre nach dem Super-GAU sind die Folgen noch immer zu spüren. Euronews-Reporter Fidel Pavlenko sprach mit einem amerikanischen Arzt, der damals vor Ort medizinische Hilfe leistete.

Meinung

Aus medizinischer Sicht war unser größtes Problem, dass wir nicht alle Lebensmittel unter Quarantäne stellen konnten, für die es nötig gewesen wäre.

Zugeschaltet aus Los Angeles ist jetzt Professor Robert Gale, ein international anerkannter Spezialist für Strahlenkrankheiten. Der Arzt hat viele internationale Hilfsaktionen nach Unfällen koordiniert, einschließlich der Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima.

euronews-Reporter Fidel Pavlenko
“Als Sie ein paar Tage nach der Explosion in Tschernobyl in der Sowjetunion ankamen, trafen Sie Regierungsmitglieder, darunter Präsident Michail Gorbatschow. Bekamen Sie gemäß dem damaligen Wissensstand vollständige Informationen über das Ausmaß der Katastrophe? Denn sowohl die Bevölkerung vor Ort als auch die Außenwelt wurden weitgehend im Dunkeln gelassen.”

Professor Robert Gale
“Ich glaube, ich hatte einen vernünftigen Überblick, aber natürlich lag meine Aufmerksamkeit bei meiner Ankunft auf den am stärksten betroffenen Menschen, die in Moskauer Krankenhäuser geflogen worden waren. Ich hatte keine komplette Einschätzung, bis wir einige Tage später in die Ukraine reisten.”

euronews
“War die medizinische Versorgung der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten angemessen?”

Professor Robert Gale
“Nun, ich glaube, bestimmte Dinge hätten besser laufen können. Die Evakuierung der Stadt Prypjat ging schnell, das lief gut. Aber die Evakuierung bestimmter anderer Bereiche verzögerte sich. Aus medizinischer Sicht war unser größtes Problem, dass wir nicht alle Lebensmittel unter Quarantäne stellen konnten, für die es nötig gewesen wäre. Wir konnten keine Jodtabletten verteilen, mit der Konsequenz, dass einige Tausend junge Menschen Schilddrüsenkrebs entwickelten. Das ist etwas, was wir beispielsweise nach Fukushima erfolgreicher verhindern konnten.”

euronews
“Ein paar Monate später, als viele Menschen versuchten, die betroffenen Gebiete zu verlassen oder zumindest ihre Kinder evakuieren wollten, kamen Sie mit Frau und Kindern nach Kiew, als wollten Sie zeigen, dass es sicher sei und keinen Grund zur Panik gab. Es war wohl ungefährlich, sich einige Tage dort aufzuhalten, aber für die dort lebenden Menschen muss es eine andere Geschichte gewesen sein?”

Professor Robert Gale
“Der Grund, warum ich mit meiner Familie anreiste, war die ungeplante Evakuierung, ein Gedränge der Menschen an den Bahnhöfen und anderswo, zu verhindern. Sodass wir die Umsiedlung der Menschen vernünftig planen und jegliche Art von Katastrophe verhindern konnten. Das versuchen wir, im Fall eines nuklearen Unfalls umzusetzen: Wir versuchen, angemessene Evakuierungen durchzuführen, um sicherzustellen, dass es dort, wo die Menschen hingehen, auch medizinische Hilfe gibt.”

euronews
“31 Tote infolge einer akuten Verstrahlung wurden direkt danach der Tschernobyl-Katastrophe zugeschrieben. Wie hoch ist Ihre Schätzung der potenziellen Anzahl von Opfern durch langfristige Auswirkungen der Strahlung?”

Professor Robert Gale
“Wenn wir uns nur auf die Strahlungseffekte konzentrieren und nicht auf alle Probleme, die wir haben – mit Menschen, die vertrieben wurden und mit psychologischen Problemen – gibt es zwei Ansatzmöglichkeiten: Einmal kann man das sehr, sehr kleine Risiko nehmen, das Strahlung für den Großteil der Bevölkerung bedeutet, aber multipliziert mit Millionen von Menschen. Wenn man das macht, kommt man auf Zahlen wie 12.000 Krebserkrankungen in 70 Jahren. Das muss man mit der Hintergrundrate in Kontext stellen: Jeder von uns hat eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, Krebs zu entwickeln. Von Strahlung betroffene Menschen haben anstelle eines 50-prozentigen vielleicht ein 50,1-prozentiges Risiko. Das ist natürlich bedauerlich, aber in keiner Weise zu vergleichen beispielsweise mit dem Risiko, das Rauchen oder Alkohol trinken mit sich bringt. Aber wir werden die genaue Anzahl der Opfer nie wirklich wissen, denn dieser sehr, sehr kleine Risikoanstieg ist nicht nachweisbar, außer vielleicht bei den Arbeitern – den 100.000 Arbeitern – die nach dem Unfall halfen.”