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Abenteuer Integration - Flüchtlinge in Deutschland und den Niederlanden

Wie funktioniert Integration? Euronews hat zwei als Flüchtling anerkannte Syrer mit der Kamera durch ihren Alltag begleitet: Mutea in den

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Abenteuer Integration - Flüchtlinge in Deutschland und den Niederlanden

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Wie funktioniert Integration? Euronews hat zwei als Flüchtling anerkannte Syrer mit der Kamera durch ihren Alltag begleitet: Mutea in den Niederlanden und Fares in Deutschland. Spracherwerb, Arbeitsplatzsuche… der Weg in die Gesellschaft des Gastlandes ist lang und schwierig.

Unsere Reise in die Realität der Flüchtlingsintegration beginnt in Den Haag. Auf einem Schulhof treffen wir Mutea. Der Mann ist weit über 40 und erklärt auf Arabisch einer verschleierten Frau aus Damaskus, wie man mit dem Fahrrad fährt. Im Hintergrund drehen einige Kids aus Somalia ihre Runden. Es ist kühl und grau, nur kurz bahnt sich ein Sonnenstrahl den Weg durch die dichte Wolkendecke des niederländischen Frühlingshimmels.

Früher, als er noch für syrische Petro-Firmen arbeitete, dirigierte Mutea als Logistik-Manager tausende Öl-Trucks sicher durch die Wüste. Jahrelang hatte er sich hochgearbeitet, vom einfachen Ingenieur bis zum Transport-Verantwortlichen. Mutea, der vor dem Krieg geflohene Manager, hilft heute in den Niederlanden Flüchtlingen, Fahrradfahren zu lernen. Forscher sprechen von einer verlorenen Generation: von Top-Profis, die nach Ihrer Flucht nicht mehr Fuss fassen. So wie Mutea: Seit zwei Jahren hat er eine Aufenthaltsgenehmigung, aber keinen Arbeitsplatz. Zumindest als Freiwilligen-Lehrer hat Mutea ein Erfolgserlebnis – wenn auch kein Gehalt…

“Radfahren ist mehr oder weniger kostengünstig”, sagt er. “Die öffentlichen Verkehrsmittel hier in den Niederlanden sind sehr teuer, als Flüchtling kann man sich Bus und Bahn kaum leisten. Ausserdem ist Radfahren gesund. Ich finde, es ist praktisch, man kommt überall hin, in die Schule, zu Geschäften und Behörden… Außerdem fahren in den Niederlanden alle mit dem Rad: die armen Menschen fahren Rad – und die reichen Menschen fahren auch Rad”, so Mutea

Integration – dabei geht es auch um das Erlernen geschriebener wie ungeschriebener Regeln des Gastlandes. Mit ihrem Radtraining für Neuankömmlinge leisten Mutea und seine holländische Kollegin Petra von der niederländischen Flüchtlingshilfsorganisation VluchtelingenWerk auch ein Stück Orientierungshilfe, sich in der Gesellschaft besser zurechtzufinden: “In den Niederlanden kann wirklich jeder Radfahren. Wenn Du gut Radfahren kannst, dann bist Du fast schon ein echter Holländer…”, sagt Petra, die heute den Theorieunterricht übernommen hat.

Auch Said nimmt an dem Kurs teil. “In Somalia gibt es zwar auch Fahrräder – aber viel weniger”, erzählt er. “Außerdem gibt es keine Verkehrsregeln, beziehungsweise niemand hält sich daran. Hier in Europa ist das anders: überall sind Radfahrer und jede Menge Regeln. Schon aus Sicherheitsgründen müssen wir deshalb die Verkehrsregeln lernen.”

Die Niederlande steuern um: keine Parallelgesellschaften, lautet das Motto. Von Flüchtlingen wird erwartet, sich zu integrieren. Eigeninitiative wird eingefordert. Mutea findet das gut. Einen Job findet er trotzdem nicht, auch wenn er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. Er mobilisiert seine sozialen Netzwerke, durchforstet Job-Plattformen, informiert sich, schickt Bewerbungen los… Die Wahl in die Niederlande zu fliehen, kam nicht von ungefähr: hatte er in Syrien doch über frühere Joint-Venture-Unternehmen Kontakt mit internationalen Petro-Konzernen – und von denen sitzen eben einige in den Niederlanden. Doch von denen kamen Absagen. Unterdessen gibt Mutea ehrenamtlich Radfahrunterricht. Dabei kennt der Mann das Öl-Geschäft wie seine Westentasche.

Einerseits ist Mutea froh, Frau und Kinder sind hier in Den Haag in Sicherheit, er selber auch. Andererseits zeichnen sich steile Sorgenfalten auf seiner Stirn ab: die anhaltende Arbeitslosigkeit, die Untätigkeit machen ihm zu schaffen. Als Manager ist er gewohnt anzupacken, zu produzieren, zu organisieren. Zwar versteht Mutea, dass seine Sprachkenntnisse unzulänglich sind, um gleiche Chancen wie ein gebürtiger Niederländer auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Doch er hatte auf sein Englisch gesetzt – immerhin die Verkehrssprache in der Petro-Branche. Doch durch das Erlernen des Niederländischen entstanden auf einmal Englisch-Probleme: die neue Sprache verdrängt zeitweise die alte Fremdsprache, wenn Mutea müde ist, abends, vermengen sich Niederländisch und Englisch zu “Niederlenglisch”.

Und jenseits der Grenze? Eine Million Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Deutschland. In der 300.000-Einwohnerstadt Bielefeld leben 60.000 Menschen mit Migrationshintergrund, darunter 3.400 Neuankömmlinge (2015).

Wir treffen uns mit Fares, 23 Jahre alt, gepflegte Erscheinung, strahlende Augen, freundliches Lächeln. Fares kommt aus dem Norden Syriens, aus Al-Qamishli. Auch er hat eine Aufenthaltsgenehmigung, wie Mutea. Und er hat einen syrischen Führerschein – aber keinen deutschen, was der Grund dafür ist, dass wir ihn in der DRK-Fahrschule in Bielefeld treffen. Die syrische Fahrerlaubnis umschreiben zu lassen, ist schwierig. Fahrlehrer Dirk Konert erklärt ihm das Prozedere.

Fares will Arzt werden. Mit Führerschein könnte er neben dem Studium einfacher jobben, glaubt er. Das Deutsche Rote Kreuz Bielefeld bietet für Flüchtlinge Fahrkurse an, die Warteliste ist lang und der deutsche Verkehr voller Überraschungen…

Worauf man nicht alles achten muss: “Wenn man rechts abbiegt, muss man den Schulterblick machen: es könnte sein, dass ein Fahrrad kommt: bei uns gibt es keine Fahrradwege, Vorfahrtsschilder und Stopschilder, an denen man unbedingt stoppen muss, das ist eigentlich neu für mich…”, erzählt Fares, während er am Steuer sitzt. Fahrlehrer Dirk gibt ihm Ratschläge, damit der Syrer gut auf Deutschlands Straßen unterwegs ist. “Je länger die Fahrstunde geht, umso sicherer fühlst Du Dich”, sagt Dirk aus Erfahrung, “dann lehnst Du Dich wieder nach hinten und hast nur noch eine Hand am Lenker… und so können wir die Prüfung nicht schaffen, das ist unmöglich so…” Der Fahrlehrer sagt, wie man es richtig macht: “Wenn Du jetzt hier nur eine Hand am Lenker hast, das sieht zwar harmlos aus, aber mit einer Hand kannst Du nicht ausweichen, nur so am Lenkrad, ne! Und wenn da jetzt auf einmal ein Fußgänger auf die Strasse springt, dann musst Du auf einmal übergreifen, das geht nur schnell, wenn man beide Hände am Lenker hat.”

Die DRK-Fahrschule richtet sich an alle Menschen mit besonderen Bedürfnissen: an Senioren, die ihren Führerschein auffrischen möchten, an Flüchtlinge, an Menschen mit Behinderung – demnächst auch an Freigänger im Strafvollzug vor der Entlassung. Kostenlos ist das nicht. Auch Fares bekommt nichts geschenkt. Er zahlt selbst. Aber das DRK organisiert ein kostengünstiges Ratenzahlungsangebot. Und für solche Flüchtlinge, die nachweisen können, dass sie den Führerschein unbedingt für ihre Ausbildung oder Arbeit benötigen, gibt es weitergehende Fördermöglichkeiten.

Fahrlehrer Dirk ist ein alter Hase, der Mann ist die Ruhe selbst. Kein Wunder, mit zwei Jahrzehnten Berufserfahrung, davon einige bei der Bundeswehr. Gefahren hat Dirk schon so gut wie alles, selbst Panzer. Er erklärt uns, dass es derzeit Überlegungen in Deutschland gibt, bis Ende des Jahres Führerscheinprüfungen auch auf Arabisch abzunehmen. Mit Fares redet Dirk Deutsch, das klappt problemlos, denn Fares hat bereits vor der Flucht aus Syrien angefangen, bei einem Bekannten Deutsch zu lernen. Und nach der Ankunft in Deutschland stürzte sich Fares Hals über Kopf in die neue Sprache, büffelte von morgens bis abends. Mit Erfolg legte er die Sprachprüfung ab, die ihm für den Zugang zur deutschen Universität abgefordert wird. Gelegentlich flicht er eine Redewendung oder einen passenden sprachlichen Ausdruck in das Gespräch ein.

Fares geht ins Sprach-Café, ein Angebot der Stadt Bielefeld. Die Idee: Spielen und sprechen. Dabei helfen Freiwillige. Allein in Bielefeld gibt es 2000 ehrenamtliche Helfer. Während die Fortgeschrittenen im Sprach-Café ihr Deutsch aufpolieren, kämpfen die Neuankömmlinge eine Tür weiter noch mit den Grundlagen. Anerkannte Flüchtlinge bekommen bis zu 900 Stunden Unterricht, mehr als in vielen anderen EU-Staaten. Doch es fehlt an Lehrern. Mari bringt den Menschen im REGE-Port Bielefeld, einer Anlaufstelle für Flüchtlinge, die deutsche Sprache bei – das ist nicht immer ganz einfach. Sie verrät uns ihre Methode:

“Man muss sehr viel mit Körpersprache arbeiten, sehr viel mit Bildern und Körpersprache, das ist das A und O. In solchen Gruppen, in Flüchtlingskursen, machen wir sehr viel mit Bewegung: Also wir stehen im Kreis oder wir sitzen auf dem Boden”, erläutert sie.

Zurück in die Niederlande. Auch Mutea drückt wieder die Schulbank. In beiden Ländern wird diskutiert, Integrationsverweigerer zu bestrafen, beispielsweise indem Leistungen gekürzt werden. Das niederländische System verbindet bereits heute Anreize mit Sanktionen, erklärt uns Sprachschul-Leiterin Lonia:

“Jeder Flüchtling bekommt einen 10.000-Euro-Kredit von der niederländischen Regierung, um damit Sprachkurse zu finanzieren und Holländisch zu lernen”, sagt sie. “Falls der Flüchtling innerhalb von drei Jahren alle Sprachtests besteht, wird der Kredit in einen Zuschuss umgewandelt. Wer nicht besteht, muss das Geld zurückzahlen.”

In Amsterdam haben wir uns mit einem der führenden Migrationsforscher der Niederlande verabredet, Godfried Engbersen. Nur einer von drei anerkannten Flüchtlingen im arbeitsfähigen Alter hat eine bezahlte Arbeit – steht in der eben unter seiner Federführung veröffentlichen Studie.

“Keine Zeit verlieren”, ist die Kernaussage des Professors – und der Titel seiner Handlungsempfehlung, die auf dem Tisch der niederländischen Regierung liegt. Der Gedankengang der Forschere ist eigentlich recht einfach: statt zunächst das Ergebnis der immer noch recht langwierigen Anerkennungsverfahren abzuwarten, anschließend den Spracherwerb zu organisieren, dann im Anschluß die berufsqualifizierende Ausbildung und schließlich – Jahre später – die Arbeitsplatzsuche, sollte man doch alles gleichzeitig angehen. Hört sich gut an – aber ist es auch machbar?

Der heutige Zustand jedenfalls scheint problematisch: Selbst qualifizierte Flüchtlinge sind lange arbeitslos, Humankapital wird vergeudet. Städte und Gemeinden in den Niederlanden sollten mehr tun, um Integration zu ermöglichen, empfiehlt der Soziologe Godfried Engbersen. So wie in Deutschland.

“In den Niederlanden war die Integration von Flüchtlingen in der Vergangenheit ein Fehlschlag”, meint er. “Ich habe über Flüchtlinge in den Niederlanden eine Langzeitstudie durchgeführt: es dauert (im Schnitt) fünf Jahre, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Integration muss vor allem in den ersten drei Jahren beschleunigt werden”, sagt Engbersen.

Doch klappt die Arbeitsmarktintegration in Deutschland wirklich besser? Klaus Siegeroth ist Geschäftsführer von REGE-Port,, einer Einrichtung der Stadt Bielefeld. Dort wird versucht, Flüchtlinge mit Arbeitgebern zusammenzubringen, Ausbildungswege mit Migrantenlebensläufen zu koppeln, konkrete Orientierungshilfe zu geben – oder einfach einmal eine Betriebsbesichtigung zu organisieren.

Einerseits unterstreicht Siegeroth die hohe Motivation der meisten Flüchtlinge. Doch andererseits: “Es ist schwer, Flüchtlinge rasch auf den Arbeitsmarkt zu vermitteln, weil die Qualifikation und das Sprachniveau häufig nicht da ist”, erläutert Siegeroth. “Das braucht viele Jahre, auch sprachlich, wie wir sie qualifizieren. Auch ein Flüchtling braucht bei uns mindestens vier bis fünf Jahre, um das Qualifikationsniveau zu erreichen. – Die Illusion, in ein oder zwei Jahren haben wir sie im Arbeitsmarkt, wenn wir das tun, dann liegen wir völlig falsch. Da frustrieren wir alle Seiten.”

Fares hat einen Job gefunden – denn er spricht Kurdisch, Arabisch – und gut Deutsch. Im Auftrag des Roten Kreuzes hilft er Neuankömmlingen in einer Bielefelder Notunterkunft auf dem Weg durch den deutschen Behörden-Dschungel, beim Ausfüllen oder Übersetzen von Formularen, beim Gang zum Arzt… Sein Tipp an alle Neuankömmlinge: Deutsch lernen, Deutsch lernen, Deutsch lernen.

Fares stellt mir Sipan aus Syrien vor. “Können Sie schon das lateinische Alphabet? Das ABC…?”, frage ich ihn. Sipan zeigt mir sein Deutsch-Arbeitsheft und legt los: “A – B – C – E – F…”

Sipan und Fares möchten sich hier eine Zukunft aufbauen, ein neues Leben – schaffen sie das? Fares ist da guter Dinge: “Ja, das schaffen wir, das ist nicht unmöglich, wenn man ein Ziel hat, dann schafft man das einfach.”

Er nimmt uns mit zum Bielefelder Integration Point der Agentur für Arbeit, hier wird Flüchtlingen geholfen. Farbige Zettel bieten Arbeit. Aber Fares will nicht im Hotel- und Gaststättengewerbe arbeiten. Er will an die Universität. Doch die Zahl der Medizinstudienplätze ist beschränkt, der Numerus Clausus hoch. Was nun? Fares hat einen Termin mit Jobcoach Ann-Kathrin Zarfl. “Ich wollte nun von Ihnen wissen, was Sie mir empfehlen können?”, fragt er, nachdem er ihr seine Situation geschildert hat.

“Ich habe Sie jetzt richtig verstanden, dass sie jetzt erst ein mal das Medizinstudium im Fokus behalten möchten”, so Zarfl. “Und sollten Sie dann immer noch keinen Studienplatz bekommen, könnten Sie immer noch darüber nachdenken, ob Sie erst mal als Vorläufer vor dem Studium eine Ausbildung zum Gesundheitskrankenpfleger, im Bereich Altenpflege oder OP-Assistenz oder sowas machen, damit Sie da schon Erfahrungen sammeln und damit ihre Chancen auf einen Studienplatz dauerhaft erhöhen können.” Als Nahziel vereinbaren beide, dass sich Fares zunächst einmal um einen Praktikumsplatz in einem Bielefelder Krankenhaus kümmert. Da hat Fares bereits einen Fuß in der Tür: ein guter Bekannter arbeitet dort und hat ihm genau erklärt wo und wie man sich bewerben muss.

Auch Mutea in den Niederlanden bekommt Tipps, wenn auch nur ehrenamtlich. Jobcoach Simone ist selber arbeitslos – und versucht, Mutea energisches Auftreten und die niederländische Do-it-yourself-Methode näher zu bringen.

“Da Sie als Niederländerin die Mentalität der hier lebenden Menschen gut einschätzen können, sind Sie möglicherweise in der Lage, mir einen Rat zu geben”, so Mutea. “Vielleicht können Sie mir dabei helfen, einen Arbeitsplatz zu finden.”

“Was wichtig ist: Bleiben Sie motiviert”, rät Simone. “Ansonsten machen Sie eigentlich alles richtig. Wir probieren jetzt einmal unterschiedliche Formulierungen Ihres Lebenslaufes aus – und bringen da ‘mal ein bisschen Pfeffer rein…”

Mutea möchte ein normales Leben – und das tun, was alle (oder zumindest viele) Niederländer tun: “Ich will Steuern zahlen”, sagt er. “Ich will mich in diesem Land als vollwertiger Staatsbürger fühlen.”

Damit Integration funktioniert, sollte der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden, empfiehlt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Bielefeld bemüht sich, die Stadt hat – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise – in kürzester Zeit ein durchdachtes Handlungskonzept auf die Beine gestellt. Fares bemüht sich auch, in kürzester Zeit hat er Deutsch erlernt, findet sich zurecht im Durcheinander von Zulassungsvorschriften, bürokratischen Regeln und Richtlinien. Doch die Zukunft ist ungewiss. Zum Wintersemester will er sich erneut an allen deutschen Universitäten bewerben, die Medizin anbieten. Sein syrischer Abiturdurchschnitt ist sehr gut, mit einem offiziellen Schlüssel umgerechnet auf das deutsche Notensystem hat Fares den Numerus Clausus fast erreicht – aber eben nur fast. Vielleicht gelingt es, mit Wartezeit und Notenschnitt doch noch einen Platz zu ergattern?

“Ich denke immer noch daran, wenn ich Arzt werde, dann werde ich nach Syrien zurückfahren, wenn es da besser geworden ist”, sagt er. “Dann arbeite ich als Arzt in meinem Land und helfe den Leuten, das werde ich gerne machen.”

Die Traumata der jüngsten Vergangenheit sind immer noch da, im Kopf, in der Erinnerung. Als Mutea sich weigerte, als Personalverantwortlicher seiner Transport- und Logistikabteilung mit dem Regime in Damaskus zusammenzuarbeiten, wurde er von der syrischen Polizei verhaftet, kam ins Gefängnis, sah Menschen sterben. “Das Regime will eine Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung”, vermutet er. Sunniten werden aus verantwortlichen Positionen gedrängt, bedroht. Als Mutea nach einiger Zeit freigelassen wurde, gaben ihm gute Freunde einen Rat: wenn Dir Dein Leben lieb ist, flieh. Mutea geriet in Panik, zusammen mit Frau und Kindern wagte er die Flucht in einem Schlauchboot über das Mittelmeer. Er hatte Glück. Er überlebte.

Auch Fares erlebte Gewalt. Sein Vater kam als Oppositionspolitiker ins Gefängnis. 200 Meter vom Haus der Familie entfernt explodierte eine Bombe. Fares hatte Angst, zum Militärdienst eingezogen zu werden, töten zu müssen. Seine Familie organisierte die Flucht, für eine fünfstellige Summe reiste Fares mit dem Flugzeug nach Deutschland, landete in Nürnberg, gelangte über Zwischenstationen in Bayern schließlich nach Bielefeld.

Fares lädt uns ein: Ein kurdisches Fest, volles Haus, gute Stimmung. In Bielefeld leben viele Kurden, auch etliche Verwandte von Fares. Zwei Onkel und ein Cousin sind ebenfalls auf dem Fest. Fares tanzt. Es gelingt, das Blutvergießen in Syrien zu vergessen – wenn auch nur für einen kurzen Moment.

INSIDERS - The challenge of integration

Engbersen: ‘The integration of refugees in the past was a disaster’

Godfried Engbersen ist einer der führenden Migrationsexperten der Niederlande und Forschungsdirektor an der Erasmus-Universität. Euronews traf den Soziologieprofessor in den altehrwürdigen Gemäuern der Königlich-Niederländischen Akademie der Wissenschaften. “Keine Zeit verlieren: Von der Aufnahme zur Integration von Asylmigranten” lautet der Titel einer jetzt veröffentlichten Studie, an der Engbersen federführend mitschrieb und in der der niederländischen Regierung empfohlen wird, Gemeinden und Kommunen eine aktivere Rolle in der künftigen Integrationspolitik einzuräumen. Das Interview ist auf Englisch.

Siegeroth: Rasche Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen ist eine ‘Illusion’

Im Interview mit Euronews warnt Klaus Siegeroth, Geschäftsführer von REGE-Port Bielefeld, vor der “Illusion”, Flüchtlinge schon nach ein oder zwei Jahren in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Zwar seien Motivation und Lernbereitschaft vieler Flüchtlinge sehr hoch, doch “häufig sind Qualifikation und Sprachniveau nicht da”. Schließlich brauche auch ein Deutscher viele Jahre, um eine Fremdsprache oder berufliche Fähigkeiten zu erlernen, bei Flüchtlingen sei das nicht anders: “Auch ein Flüchtling braucht bei uns mindestens vier bis fünf Jahre, um das Qualifikationsniveau zu erreichen.” – REGE-Port ist eine Einrichtung der Stadt Bielefeld und hilft Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen bei Spracherwerb, Berufsorientierung und Ausbildungsplanung. REGE-Port setzt dabei auf eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Arbeitgebern, Ausbildungsbetrieben, Arbeitsagenturen, Migrationsbehörden und Ehrenamtlichen. – Das Interview ist auf Deutsch.

Zarfl: Flüchtlinge haben ‘Chancen bei Handwerks- und Gesundheitsberufen’

Kathrin Zarfl arbeitet als Flüchtlingsberaterin beim “Integration Point” der Bielefelder Agentur für Arbeit. Ihre Erfahrung: niemand sollte die mit dem Spracherwerb verbundenen Hürden unterschätzen. Andererseits sagt die Arbeitsvermittlerin aber auch: “Im Fachkräftebereich haben wir auf jeden Fall Bedarf”. Mit Berufsberatung und -orientierung für Flüchtlinge solle so früh wie möglich begonnen werden, meint Zarfl. – Das Interview ist auf Deutsch.