Eilmeldung

Eilmeldung

Festivalchef Thierry Frémaux: Cannes ist "the place to be"

Das Filmfestival von Cannes rückt mit Riesenschritten näher: Dieses Jahr mit einem besonders großen Aufgebot von Stars laut Thierry Frémaux, dem

Sie lesen gerade:

Festivalchef Thierry Frémaux: Cannes ist "the place to be"

Schriftgrösse Aa Aa

Das Filmfestival von Cannes rückt mit Riesenschritten näher: Dieses Jahr mit einem besonders großen Aufgebot von Stars laut Thierry Frémaux, dem Generaldeligierten für die künstlerische Leitung des größten Filmfestivals der Welt. Letzte Station vor dem Roten Teppich und der Croisette ist das Institut Lumière in Lyon, dessen Direktor Frémaux ist. Wir treffen uns mit ihm in der Halle, in der die Brüder Lumière ihren ersten Film drehten, mit Arbeitern, die aus ihrer Fabrik kamen.

Meinung

Man geht nach Cannes, um die aktuell Besten zu sehen.


Biografie: Thierry Frémaux

  • fing 1983 am Institut Lumière in Lyon an zu arbeiten
  • wurde 1995 Direktor des Institut Lumière
  • Filmfestival von Cannes: seit 2000 künstlerischer Leiter, seit 2007 Direktor
  • erschuf und organisiert das Festival Lumière seit 2009. Letzter Preisträger: Martin Scorsese

euronews-Reporter Frédéric Ponsard:
“Guten Tag Thierry Frémaux und vielen Dank, dass Sie uns an diesem symbolträchtigen Ort empfangen.Kann man Ihre Arbeit in Cannes mit der eines Fußballtrainers vergleichen – Sie sind ein Fußballfan – denn man muss die Filme genauso wie die Spieler aussuchen und viele aussortieren – bricht Ihnen das jedes Jahr das Herz?”

Thierry Frémaux, Generaldeligierter für die künstlerische Leitung des Filmfestivals von Cannes sowie Direktor des Institut Lumière in Lyon:
“Ja, es bricht mir das Herz, denn zuerst haben wir natürlich 1800 Filme angeschaut – ich will nicht behaupten, dass alle gut sind – aber unter den 1800 gibt es 200-300 Filme, die dem Anspruch der offiziellen Auswahl von etwa 50 Filmen entsprechen. Es gibt 20 Filme im Wettbewerb und welche, die in der Rubrik ‘Un Certain Regard’ laufen. Und es gibt viele Filme, die uns gefallen, die wir aber nicht nehmen können. Das bricht einem das Herz. Und es gibt viele Leute, die man mag und nicht einladen kann, das ist auch sehr schade. Und wir hören oft die Anmerkung, den Vorwurf, die Kritik: ‘Es ist immer ein bisschen das Gleiche’. Darauf könnte man mit etwas Humor antworten: ‘Sehen Sie 1800 Filme und es bleibt trotzdem bei Ken Loach, den Brüdern Dardenne und Woody Allen’! Und herzzerreißend ist auch, weiterhin den Regisseuren treu zu sein, obwohl klar ist, dass sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, ihrem Höhepunkt – auf jeden Fall unter den Besten – sein müssen, um es in die offizielle Auswahl zu schaffen. Und wir müssen auch noch Platz für die junge Generation lassen.”

euronews:
“Bei der Ankündigung der Auswahl haben Sie selbst gesagt, die diesjährige Ausgabe bietet ein Staraufgebot.”

Thierry Frémaux:
“Ja, dabei muss man sagen, sie sind nicht Stars, weil sie Stars in Cannes sind, sondern sie sind Stars, weil sie in den Filmen spielen. Heute wird man von gleich auf jetzt ein Star. Man sagt das Wetter an und wird ein Star. Man spielt im Reality-TV und ist ein Star. George Clooney und Julia Roberts spielen im Film von Jodie Foster, die als Schauspielerin ein Star war und als Regisseurin einer wurde. Und wir sehen eine Marion Cotillard, die sowohl mit Xavier Dolan dreht, diesem jungen Wunderkind aus Quebec, und Nicole Garcia, also zwei völlig unterschiedlichen Regisseuren, aber sie macht ihren Job als Schauspielerin. Das Gleiche gilt für Kristen Stewart, die auch dabei ist – mehr als das übrigens – denn sie spielt die Hauptrolle in dem Film von Woody Allen, für die sie nur sehr wenig Gage bekam, das absolute Gewerkschaftsminimum, wie alle Schauspieler bei Woody Allen. Und dann sieht man sie in einem ganz anderen Film, dem Film von Olivier Assayas. Dort spielt sie eine kleine moderne Amerikanerin in Paris, die ihr Leben mit simsen verbringt. All diese Leute sind da, weil sie Filme begleiten. Es sind zuerst die Filme, die wir auswählen.”

euronews:
“Aber es gibt natürlich auch einige Berühmtheiten, die fehlen, wie beispielsweise Scorsese oder Kusturica, konnte sein Film nicht bewertet werden?”

Thierry Frémaux:
“Die beiden Filme waren noch nicht fertig. Der Film von Scorsese kommt im Dezember 2016 in die Kinos, am Ende des Jahres und Marty, er braucht keine Verzögerung bei der Postproduktion, er profitiert davon. Und für Emir Kusturica ist es das Gleiche, er brauchte drei-vier Jahre, um diesen Film zu machen. Er hat mir bereits eine sehr lange Version gezeigt. Zurzeit ist er beim Schnitt und ich denke, wir werden den Film im Herbst sehen.”

euronews:
“Was macht Cannes zu dem glamourösesten, zu dem Festival mit dem meisten Medienrummel und zum größten Filmfestival der Welt?”

Thierry Frémaux:
“Das liegt daran, dass das Festival auf vier Säulen steht: Es baut auf den Autoren, d.h. auf dem Kino auf. Es gibt eine künstlerische Glaubwürdigkeit. Man geht nach Cannes, um die aktuell Besten zu sehen. Wir sagen nicht die besten des Jahres, denn – wie wir es bei Martin Scorsese oder Kusturica gesehen haben – für Cannes ist nicht alles fertig. Dann gibt es den Glamour, wir haben bereits darüber gesprochen. Dann gibt es eine Industrie, einen Filmmarkt. Die Leute kommen nicht nur, um an den Strand zu gehen, oder Filme zum Spaß anzusehen. Sie kommen, um zu arbeiten. Einkäufer, Verkäufer, Verleiher, Produzenten, Regisseure. Eine Reihe von Menschen kommen – jetzt auch Fernsehleute – weil es ihr Job ist. Und dann die Presse, Ihr alle, die zu der gelungenen Mischung von Cannes beitragen. Aber eine Presse, die sich natürlich für den Roten Teppich interessiert, aber auch für alles andere. Und im Grunde ist das auch ein bisschen unsere Aufgabe. Es tut mir leid, das auf Englisch zu sagen: Cannes muss ‘the place to be’ sein, der angesagte Ort.”

euronews:
“Jedes Jahr gibt es große Trends. In diesem Jahr laufen 21 Filme im Wettbewerb, 14 kommen vom alten Kontinent.”

Thierry Frémaux:
“Die Frage der Produktion stellt sich heute eher mit der Frage: ‘Ist das Kino noch die Sache, die zählt, mit all diesen TV-Serien, mit dem Internet, das eine wichtige Rolle spielt’. Aber das ist Kino. Eine TV-Serie ist Kino, es ist die Sprache des Kinos. Die Sprache des reinen Fernsehens ist das, was wir gerade machen, Information, Live-Übertragungen, Fußball. Allerdings stellt sich die Frage nach dem ‘ins Kino gehen’ neu. In China, einem Land im wirtschaftlichen Aufschwung, eröffnet man Dutzende von Kinos jede Woche. Und dieses Jahr – ich meine 2015 – wurde China zum wichtigsten Land für das Kino in der Welt. Man sieht also, wenn ein Land im wirtschaftlichen Aufschwung ist, ist Kino eines der wichtigsten Dinge.”

euronews
“Kommen wir zum Festival zurück. Wie erlebt man das Tag für Tag? Sie, der Sie vielleicht die beste Position haben, um die Jurymitglieder, die Schauspieler zu beobachten. Wie sieht ein typischer Tag des Festivalchefs aus?”

Thierry Frémaux:
“Ich bin gegen 9 Uhr am Morgen in meinem Büro. Um 10 Uhr beginnt bereits der Empfang der ersten Gruppen mit Pressekonferenzen, Fototerminen. Ich präsentiere unheimlich viele Filme. Das ist wichtig, denn man hat Leute eingeladen, die muss man empfangen. Und dann habe ich eine Menge Treffen mit ausländischen Delegationen. Ich sehe die Jurymitglieder, mit denen man seltsamerweise nicht über die Auswahl spricht – wir reden nur über den Regen oder das gute Wetter! Mittags habe ich einen Tisch im Restaurant, an dem ich mit Pierre Lescure, dem Festivalpräsidenten, Gäste empfange, seien es Schaupieler oder Filmschaffende. Und am Abend gibt es Partys, Filme und Posieren auf dem Roten Teppich. Bei den Feten liege ich in der Regel vor drei Uhr morgens im Bett. Man braucht mindestens fünf Stunden Schlaf. Unter fünf Stunden ist es in der Regel schwierig, klar zu denken.”

euronews
“Cannes, damit verbindet man Glamour und Glanz. Und dann gibt es seit einigen Jahren diesen Schuss Rock’n Roll. Bono war schon da. In diesem Jahr kommt Iggy Pop, über den eine Dokumentation von Jim Jarmush gezeigt wird und dann noch eine Hommage an Prince. Waren Sie es, der diesen Touch Rock’n Roll einbrachte?”

Thierry Frémaux:
“In der Tat, Musik ist wichtig. Es gibt diese schöne Einleitung mit dem Marsch im Stück ‘Karneval der Tiere’ von Saint-Saens. Und wir haben in der Tat seit einigen Jahren mehrere Initiativen, Konzerte am Strand, Konzerte auf dem Roten Teppich gefördert. U2 haben auf ihre Art 60 Jahre Cannes gefeiert und einige Songs vom Roten Teppich für eine riesige Menschenmenge zum Besten gegeben. Und ja, Iggy Pop wird kommen. Welche Art von Hommage es für Prince und Bowie geben wird, wissen wir noch nicht.”

euronews:
“Letzte Frage für dieses Interview: Sie stehen seit fast 15 Jahre an der Spitze des Festivals von Cannes: Ihre schönste Erinnerung?”

Thierry Frémaux:
“Darauf pflege ich zu antworten: Meine schönste Erinnerung ist meine erste. Das ist der Film “Moulin Rouge” von Baz Luhrmann. Das war mein erster Roter Teppich mit Nicole Kidman, wir wurden gute Freunde und sie ist auch eine Art Maskottchen für das Festival für mich geworden. Es gibt nur gute Erinnerungen, selbst die schlechten sind auf ihre Art gut. In der Geschichte des Kinos gibt es Höhen und Tiefen, und das ist auch ein Teil der Schönheit. So wie das Leben nicht nur aus schönen Dingen besteht. Und manchmal entdeckt man, dass die Momente des Leidens auch die stärksten Momente waren.”

euronews:
“Thierry Frémaux, vielen Dank und ein erfolgreiches Festival.”