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Abtreibung? In Malta tabu

Schwangerschaftsabbruch ist in Malta verboten. In jedem Fall, auch bei Gefahr für die Gesundheit oder nach einer Vergewaltigung. Bis zu drei Jahre

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Abtreibung? In Malta tabu

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Schwangerschaftsabbruch ist in Malta verboten. In jedem Fall, auch bei Gefahr für die Gesundheit oder nach einer Vergewaltigung. Bis zu drei Jahre Gefängnis drohen Frauen, die dabei erwischt werden, Ärzte und medizinisches Personal riskieren ebenfalls Haftstrafen. Für die betroffenen Frauen kommt zu der Notlage, in der sie sich meist befinden, die Heimlichtuerei gegenüber Freunden und Nachbarn hinzu. Und es sieht derzeit nicht so aus, als ob sich an der Gesetzeslage in näherer Zukunft etwas ändern wird. Warum bleibt Malta in dieser Hinsicht hinter den anderen europäischen Staaten zurück?

“Ich war 17… und wurde schwanger. Ich entschied mich, nach England zu fahren und abtreiben zu lassen”, erzählt eine Maltesin, die anonym bleiben will. “Irgendwas lief beim Eingriff schief, denn ich wachte mittendrin auf, ich wollte vom OP-Tisch runter. Sie sagten nein, nein, und drückten mich auf den Tisch zurück. Dann haben sie sich, glaube ich, beeilt, sie haben die Operation beschleunigt. Denn am nächsten Tag, als ich wegfuhr, hatte ich große Schmerzen, und im Flugzeug begannen starke Blutungen, mit vielen Blutklumpen.”

“Es war kurz vor meinem 44. Geburtstag”, berichtet eine andere. “Ich habe mich mit meinem Mann beraten, und wir entschieden, dass es für unsere Familie und unsere vier Kinder das Beste ist, abzutreiben. Das ist hart, vor allem, weil man sich mit niemandem in Malta darüber austauschen kann. Du musst das als Geheimnis bewahren, als ob du etwas Falsches getan hast.”

Geständnisse, die diese Frauen niemals offen vor der Kamera gemacht hätten. In Malta riskieren sie für eine Abtreibung 18 Monate bis drei Jahre Gefängnis, selbst bei einer Vergewaltigung oder Gefahr für ihre Gesundheit.

Bleiernes Schweigen

Über dem Thema lastet bleiernes Schweigen: Abtreibung ist in Malta ein Tabu. Keiner will offen darüber reden, selbst die nicht, die straffreien Schwangerschaftsabbruch wοllen. Es gibt sie, sie sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Aber offen zeigen sie sich nicht.

Paul Vincenti hingegen spricht frei heraus. Der Geschäftsmann ist eine der Galionsfiguren der maltesischen Bewegung ““Geschenk des Lebens”“:http://www.lifemalta.org/home2/: “Für mich und die Mehrheit der Leute in Malta, die wir glauben, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt, ist es undenkbar, dass man einen anderen Menschen töten kann, nur weil er unerwünscht ist. Wir sehen uns als Bewegung für das Leben, nicht als Abtreibungsgegner. Es ist unrecht zu töten. Es ist unrecht, ein Kind zu töten, aber es ist richtig, eine Mutter in solch einer Lage zu unterstützen.”

Staatliche Hilfe für Teenage-Mütter

Auf der Mittelmeerinsel mit ihren rund 450.000 Einwohnern ist Mutterschaft heilig. Unter Schirmherrschaft des Bildungsministeriums hilft ein psychosoziales Beratungszentrum minderjährigen Schwangeren. Gut fünfzig Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren nutzen hier ein Hilfsprogramm während der Schwangerschaft und in den ersten Wochen nach der Niederkunft. “Das Programm hilft ihnen, ganz bewusst ihre Rolle anzunehmen, nicht nur als junge Mutter, sondern auch als Schülerin, als Frau, möglicherweise auch als Partnerin in einer Beziehung und in ihrer Familie”, erklärt die Leiterin Melanie Bonavia.

Deborah Bartolo ist heute Grundschullehrerin, hilft aber immer noch regelmäßig im Zentrum aus, das ihr selbst vor fünf Jahren unter die Arme griff. Sie ist überzeugt: “Wir haben das gesamte Programm durchlaufen und kamen als stärkere Persönlichkeiten daraus hervor. Ich glaube, dass jedes Leben verdient, geboren zu werden, und jedes Leben verdient Wertschätzung. Es lag in meiner Verantwortung – was konnte ich da machen? Wenn du Hilfe suchst, findest du sie auch, und wirst es schaffen.”

Zur Abtreibung nach Großbritannien

Nicht jede kann – oder will – diesen Weg wählen.

Die Frauen fahren dann in britische Kliniken, oder nach Sizilien, das näher ist. Heimliche Schwangerschaftsabbrüche auf Malta selbst sind rar, so gut wie inexistent: Die Ärzte riskieren vier Jahre Gefängnis – und Berufsverbot.

Unter den Medizinern werde das Thema ebenfalls totgeschwiegen, klagt eine Ärztin, die ebenfalls anonym bleiben will. Offen darüber zu reden, würde sie ihren Ruf kosten, wenn nicht gar ihre Zulassung. Aber: “Die meisten Leute, die knallhart gegen Abtreibung sind, können ja trotzdem nicht verhindern, dass es Abtreibungen gibt. Ich kenne Fälle, da reisten die Frauen unter Beruhigungsmitteln nach Hause und mit Blutungen, das ist Tatsache… Eine Frage, die möglicherweise leichter zu diskutieren wäre, sind Abtreibungen bei Föten ohne Überlebenschancen. Ich selbst habe gesehen, wie innerhalb von wenigen Stunden zwei Kinder mit Anenzephalie geboren wurden, also ohne Hirn, und mit Edwards-Syndrom, bei dem die Kinder auch nicht lange überleben. Und da waren die Mütter, die sie ausgetragen hatten, und die sie nun im Brutkasten sterben sehen mussten. Wie kommt man damit klar? Wie lebt man danach weiter?”

“Ein Trauma ist unvermeidbar”

Eleanor Borg ist Psychotherapeutin. Sie leitet ein Programm, das von der Pro-Life-Organisation “Geschenk des Lebens” zur Unterstützung von Schwangeren in Notlage eingerichtet wurde. Frauen, die auch über Abtreibung nachdenken. Ein Trauma sei unvermeidbar, sagt sie: “In Malta ist Abtreibung illegal, und es gibt viele Ängste vor möglicher Verurteilung: Wenn ich zum Beispiel diese Erfahrung machen müsste, könnte ich Angst haben, darüber mit jemandem zu reden. Ich würde das für mich behalten, hätte keine Möglichkeit, den Kummer zu überwinden, da ich nicht trauern könnte. Diese Erfahrung wird im Innern eingeschlossen, über die Jahre werden die Symptome schlimmer, und das hat viele Auswirkungen auf das Leben der Frau.”

Das bestätigt auch die Frau, die mit 17 abtreiben ließ: “Wenn man das alles heimlich machen muss, und solche Angst hat, erwischt zu werden, Angst vor den Konsequenzen hat, davor, was die Leute in so einer kleinen Gemeinde über einen sagen werden – das sind Traumata! Es ist keine leichte Entscheidung, und wir sollten nicht in solch eine Lage gedrängt werden, wie ich mit 17! So verletzbar, voller Furcht, voller Scham! Damals war es die beste Entscheidung. Ich bereue sie nicht!”

Die Mutter der vier Kinder bereut ebenfalls nicht, abgetrieben zu haben: “Vorher war ich Pro-Life. Ich hätte nie gedacht, dass auch mir das passieren würde. Aber es passierte, es kann jedem passieren. Ich bin keine Kriminelle, ich bin eine liebende Mutter, und ich glaube, ich habe es vor allem getan, weil ich mich um meine vier Kinder sorge.”

Keine Gesetzesänderung in Sicht

Die maltesische Regierung schließt zum heutigen Zeitpunkt jegliche gesetzliche Milderung aus. Die beiden großen Parteien, die im Land Regierung und Opposition stellen, sind dagegen – ebenso wie 60 Prozent der Malteser, wie kürzlich eine Umfrage zeigte. Renee Laiviera von der Nationalen Kommission zur Förderung der Gleichstellung- (NCPE).aspx meint: “Wir haben in den vergangenen Jahren bestimmte Gruppen innerhalb der Gesellschaft gesehen, die sich in der Frage bewegten. Die sechzig Prozent, die dagegen sind, zeigen sogar schon einen Wandel: Früher waren es viel mehr. Dennoch bleiben beide politischen Parteien bei derselben Position. Deshalb, denke ich, ginge es nur mit einer öffentlichen Debatte: Die Gruppe, die eine Veränderung will, muss für eine öffentliche Debatte sorgen.”

Unter der sozialdemokratischen Regierung wurden dennoch sehr progressive Gesetze verabschiedet wie die Zivilehe für Homosexuelle und das Recht, sein Geschlecht frei zu wählen. Aber eine öffentliche Debatte über die Abtreibung bleibt ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Teil liegt das am Katholizismus, der in der maltesischen Gesellschaft stark verankert ist – aber nicht nur.

Katholizismus, soziale Kontrolle und Inselmentalität

Unsere Suche nach Soziologen, die uns das Phänomen erklären könnten, blieb weitgehend vergeblich: Selbst sie wollten sich nicht vor der Kamera dazu äußern. Schließlich fanden wir im Dorf Zabbar Erleuchtung – einem Dorf mit der Madonna als Schutzheiliger, und dann auch noch in der Straße der Unbefleckten Empfängnis. Dort trafen wir die Sozialpolitikforscherin Andrea Dibben.

Nach ihrer Erkenntnis ist Mutterschaft in Malta nicht nur wegen des Einflusses der Kirche heilig. Neben der Sorge vor sozialer Verurteilung gebe es auch noch die Angst vorm Vordringen fremder Werte, die der maltesischen Identität entgegenstehen – was schon beim EU-Beitritt der Insulaner eine Rolle spielte: “Malta ist sehr klein. Deshalb haben Elemente der sozialen Kontrolle wie etwa soziales Stigma viel mehr Wirkung als in größeren Gesellschaften. Außerdem stand die Insel 7.000 Jahre lang unter Kolonialherrschaft. Es gibt da eine Angst vor Invasion, und zwar nicht nur vor physischer Invasion, sondern auch begrifflicher Invasion – die Vorstellung, dass unsere Gedanken, unser Lebensstil, unsere nationale Identität und unser Verhalten untergraben werden durch den Einfluss liberalerer Länder.”

Statt Abtreibung die Pille danach

Einfluss, dem sich manche Frau allerdings gern aussetzt. Abtreibung ist zwar noch ein Tabuthema, aber über die Pille danach, die ebenfalls in Malta verboten ist, wird schon offener gesprochen. Francesca Fenech Conti hat eine Facebook-Gruppe nur für Frauen gegründet, um die öffentliche Debatte darüber anzustoßen: “Über die Pille danach, Verhütung im Notfall und das Fortpflanzungsrecht der Frauen müssen wir reden.” Sie und ihre Mitstreiterinnen wie Nikita Zammit Alamango von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind sich einig: Es müssten sich vor allem mehr Frauen hervorwagen – wenn sie etwas ändern wollten, sei offene Diskussion nötig.

“Wir wollen wenigstens über die Möglichkeit einer Wahl reden. Die Wahlmöglichkeit, die wir zurzeit haben, ist gefährlich”, warnt Fenech Conti: “Die meisten Frauen nehmen im Notfall nicht die Pille danach, die in anderen Ländern am Ladentisch verkauft wird, sondern einfach eine Menge normaler Verhütungspillen. Und das kann gefährlich sein. Wir wollen eine informierte Diskussion anzetteln. Wir hoffen, dass wir jetzt am Anfang eines Wandels stehen für die Zukunft in Malta – für die Frauen in Malta.”