Eilmeldung

Sie lesen gerade:

Abtreibung - das große Schweigen

insiders

Abtreibung - das große Schweigen

Mit Unterstützung von

Sophie Claudet:
“Valerie, Sie kommen gerade aus Malta zurück. Wir haben in Ihrer Reportage gesehen, wie schwierig es ist, über Abtreibung zu sprechen. Wie haben Sie die Frauen davon überzeugt, mit ihnen zu reden?”

Valerie Gauriat:
“Es war nicht einfach. Ich habe mehrere Gespräche geführt am Telefon, per Mail, über Skype und Facebook. Sie hatten wirklich Angst davor zu reden. Es ist für jede Frau schwierig über Abtreibung zu sprechen, egal ob es legal ist oder nicht. Wir haben ihnen schriftlich versichert, dass wir ihre Identität nicht bekanntgeben würden. Dadurch haben sie Vertrauen gefasst. Andererseits wollten sie über ihre Erfahrung sprechen und die Tatsache, dass ich eine ausländische Journalistin bin, die für einen internationalen Sender arbeitet, machte es ihnen einfacher. Es mag widersprüchlich klingen, aber sie konnten der ganzen Welt davon erzählen, aber nicht ihrer eigenen Mutter oder Schwester.”

Sophie Claudet:
“Manche haben also zum ersten Mal offen darüber geredet?”

Valerie Gauriat:
“Ja. Eine Frau, die mit uns sprach, hatte mit 40 eine Abtreibung. Sie hatte es noch nie jemanden gesagt. Wir waren in Kontakt mit einer anderen Frau, die im Ausland lebt und die nicht in der Reportage ist. Sie war bereit mit uns zu reden, solange sie anonym bleibt, denn ihr Partner wußte nichts von der Abtreibung.”

Sophie Claudet:
“Aber was ist mit der Ärztin, die in der Reportage vorkommt? Sie ist nicht einmal Gynäkologin, wollte aber nicht gefilmt werden. Warum?”

Valerie Gauriat:
“Sie ist nicht Gynäkologin, aber sie erklärte uns, dass sie bereits ein Risiko eingeht, wenn sie in einer Art und Weise über Abtreibung spricht, aus der hervorgeht, dass sie zumindest für eine Lockerung des Verbots ist. Sie könnte sowohl ihre Lizenz als auch ihren Ruf und ihre Patienten verlieren.”

Sophie Claudet:
“Eine Abtreibung auszuführen oder zu unterstützen ist strafbar.”

Valerie Gauriat:
“Wenn man eine Abtreibung ausführt, drohen einem bis zu vier Jahre Haft. Und selbst wenn man Frauen Ratschläge gibt oder sie in irgendeiner Form unterstützt, drohen einem Strafen.”

Sophie Claudet:
“Da Abtreibung verboten ist, müssen die Frauen ihre Babys bis zum Geburtstermin austragen. Werden sie trotzdem während ihrer Schwangerschaft medizinisch betreut?”

Valerie Gauriat:
“Natürlich. Malta ist ein entwickeltes Land und sie bekommen die üblichen Tests: Ultraschalls und so weiter. Man kann auch eine Fruchtwasseruntersuchung bekommen. Aber mir wurde gesagt, dass sie das in manchen Fälle gar nicht erst machen, da Abtreibung verboten ist und es nicht mit ihrem Glauben und ihren Überzeugungen vereinbar ist.”

Sophie Claudet:
“Die Frauen in Malta können nicht abtreiben. Gibt es aus diesem Grund mehr Babys mit Behinderungen als in anderen europäischen Ländern?”

Valerie Gauriat:
“Das geht aus den offiziellen Statistiken hervor. Malta hat die höchste Rate an Neuralrohrdefekten in der Europäischen Union. Und beim Down-Syndrom ist das Land auf dem zweiten Platz, zwischen Irland und Polen, Länder, die sehr restriktive Abtreibungsgesetze haben. Die Statistiken zeigen also, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Abtreibungsverbot und der hohen Zahl an Behinderungen und Geburtsfehlern gibt.”

Nächster Artikel

insiders