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Streit um generelles Abtreibungsverbot in Polen

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Streit um generelles Abtreibungsverbot in Polen

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In Polen wird heftig ums Thema Abtreibung gestritten – auf den Straßen und in der Politik. Maria hat ihre Entscheidung bereits getroffen. Die junge Frau hat abgetrieben. Sie war schwanger, nach dem sie von einer Gruppe Männer brutal vergewaltigt worden war. Die Abtreibung war die bisher schwerste Entscheidung ihres Lebens, sagt sie. “Ich habe einen inneren Kampf mit meinen Gedanken und Gefühlen ausgefochten. Dabei ging es nicht um die Kirche, meine Eltern oder meine Freunde, denn die hätten mir nicht helfen können. Das war eine schwere Zeit für mich.”

Die Vertreter der sogenannten “Pro-Leben”-Bewegung wollen Abtreibungen generell verbieten – nur bei Fällen, in denen Leib und Leben der Mutter gefährdet ist, soll es Ausnahmen geben. “Kinder sterben oft unter großen Schmerzen” oder “Sie können diese Verbrechen durch ein Gesetz stoppen” sind ihre Slogans. Dabei sind die polnischen Gesetze bereits vergleichsweise strikt: Frauen können ihre Schwangerschaft nur dann auf legale Art und Weise beenden, wenn ihre Gesundheit gefährdet ist, sie vergewaltigt wurden oder das Kind schwerbehindert wäre.
Das Bürgerbegehren für ein weitergehendes Verbot wird von der katholischen Kirche unterstützt. Die Abtreibungsgegner sehen sich im Aufwind.

Mariusz Dzierzawski von der Stiftung “Recht auf Leben” zeigt bei einer Demonstration auf ein Poster, auf dem ein blutiger Fötus zu sehen ist. “Diese Poster hängen in Dutzenden polnischen Städten. Dank ihnen hat sich die öffentliche Meinung verändert. Die Menschen sehen, dass Abtreibung nichts anderes ist als grausamer Mord. Deswegen sind mehr und mehr Polen überzeugt davon, dass das Leben jedes Kindes geschützt werden muss.”

Die Abtreibungsgegner beziehen sich oft auf die Zeit, als die Kommunisten an der Macht waren. Frauen hatten damals das Recht abzutreiben, wurden aber zum Teil auch unter Druck gesetzt. “Meiner Mutter, die Lehrerin war, wurde damit gedroht, dass es ihrer Karriere schaden könnte, wenn sie ein drittes Kind bekommen würde”, sagt der Abtreibungsgegner Fryderyk Migaczewski. “Deswegen hatte sie eine Abtreibung. Das hätte auch ich sein können.”

Die Verfechter für härtere Gesetze müssen 100.000 Unterschriften sammeln, um ihr Anliegen im Unterhaus des Parlaments einbringen zu können. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie diese zusammenbekommen. Regierungschefin Beata Szydło stellte sich Ende März hinter die Abtreibungsgegner, ruderte danach aber wieder zurück. Ihre konservative Partei PiS ist in der Frage gespalten. Etwa zwei Drittel der Wähler wollen Umfragen zufolge keine härteren Abtreibungsgesetze. Doch die katholische Kirche macht Druck auf die Regierungspartei. Vertreter der Opposition kritisierten das Vorhaben.

Auch die Gegner strikterer Abtreibungsgesetze sind auf den Straßen. Sie wollen noch weiter gehen und fordern, dass die Gesetze gelockert werden und Abtreibungen in den meisten Fällen legal werden. Auch dafür sammelt eine Initiative von Frauenrechtsgruppen Unterschriften.

Karolina Wieckiewicz kritisiert die bestehenden Gesetze. Sie arbeitet bei einer Hotline, die Frauen, die abtreiben wollen, bei juristischen Problemen berät. Sie und ihre Mitstreiterinnen haben eine Facebook-Initiative gegen die “Pro-Leben”-Bewegung gestartet. “Frauen werden gedemütigt”, so Wieckiwicz. “Ihre Entscheidungen werden infrage gestellt. Sie haben nicht das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft beenden wollen und sie müssen viele Hindernisse überwinden, bis sie tatsächlich eine Abtreibung vornehmen lassen können. Oft werden sie getäuscht, was die wahren Risiken angeht. Etwa wenn die Schwangerschaft ihr Leben oder ihre Gesundheit gefährdet. Sogar ernsthafte Geburtsfehler werden verschwiegen. Untersuchungen werden in die Länge, sodass die Frauen erst dann von schweren Schäden am Fötus erfahren, wenn es für eine Abtreibung zu spät ist.”

Maria verfolgt die Entwicklungen der Debatte auf Facebook. Aber sie sagt, dass sie selbst nicht aktiv werden will. Für sie komme es auch nicht in Frage, Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken, zu beraten: “Ob sie abtreiben will oder nicht, kann nur die Frau selbst entscheiden. So war es auch bei mir. Wenn der Fötus Abnormalitäten aufweist, sollten beide Elternteile entscheiden. Niemand anders.”

Maria hatte Glück. Sie hatte eine gute gynäkologische Betreuung. Auch Romuald Debski lehnt schärfere Abtreibungsgesetze ab. Dem Frauenarzt zufolge wären strengere Regelungen sowohl für die Patientin als auch für den Arzt oder die Ärztin schlecht. “Ein Arzt, der eine Abtreibung vornimmt, um das Leben der Frau zu retten und dabei den Tod eines ungeborenen Kindes verursacht, könnte laut dem Gesetzesvorschlag bis zu drei Jahre ins Gefängnis kommen”, so Debski. “Das wäre das Ende der pränatalen Diagnostik und Therapie. Wir wären keine richtigen Geburtshelfer mehr. Die Ärzte würden nicht versuchen, das Leben einer Frau zu retten, wenn sie riskieren, dafür bestraft zu werden.”

Maria sagt, sie denke noch oft an die Zeit, als sie ihre Abtreibung hatte. “Ich frage mich immer noch, ob es auch anders hätte laufen können. Aber ich denke, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, dieses Kind großzuziehen. Dazu war ich nicht bereit. Es war nicht der richtige Zeitpunkt.”

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