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Jamala: Du kannst Schmerz nicht spielen, ohne Schmerz zu fühlen

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Jamala: Du kannst Schmerz nicht spielen, ohne Schmerz zu fühlen

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Maria Korenyuk, euronews
Die Ukraine hat den größten europäischen Musikwettbewerb, den Eurovision Song Contest zum zweiten Mal gewonnen. 2004 war es Ruslana mit ihrem Song “Wild Dances”, 2016 holt die Krimtatarin Jamala denn Sieg nach Kiev.

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Jamala, schön, das Sie da sind, und herzlichen Glückwunsch noch einmal! Wir würden gern wissen, ob Sie damit gerechnet haben zu gewinnen?

Jamala
Es war nicht leicht, das ist mal sicher. Es war sogar schwer zu gewinnen, weil mein Lied eigentlich nicht in den Wettbewerb gepasst hat. Von Anfang an hieß es, mein Lied sei schräg, traurig und so weiter… Und es war nicht einfach das Lied entsprechend persönlich, ja beinahe intim zu singen, wo es doch eigentlich mehr um “leichte Kost” geht im Wettbewerb.

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“1944” ist nicht nur der Titel des Gewinnerliedes, sondern auch ein schweres Jahr in der Geschichte der Krimtataren. Im Mai 1944 befahl Josef Stalin die Deportation der Krimtataren aus ihrer Heimat. Sie sagten, die Geschichte des Liedes ist die Geschichte ihrer Familie, wie waren Sie betroffen?

Jamala
Es war am Morgen des 18. Mai 1944, gegen drei Uhr morgens, als die Geheimpolizisten kamen und sagten: “Packt eure Sachen!” Sie ließen ihnen eine viertel Stunde… Meine Ur-Großmutter Nazalkhan hatte fünf Kinder – vier Söhne, eine Tochter. Sie wurden in einen Güterzug verladen und nach Zentralasien verschickt. Sie verbrachte mehrere Wochen in dem Zug, ohne Essen, ohne Wasser, ihre kleine Tochter starb. Mir war klar das ich darüber schreiben musste.

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2014 passierte einiges auf der Krim, Sie wissen was ich meine: die Annexion durch Russland, die Unterdrückung und Repressionen für die Krimtataren. Verarbeiten Sie die Ereignisse, war das der Auslöser, den Song “1944” zu schreiben?

Jamala
All das brachte Trauer in mein Leben, und vielleicht ist das der Grund warum das Lied gerade jetzt entstand. Ich betone es immer wieder, ich habe über die Ereignisse von 1944 geschrieben, deswegen heißt das Lied auch so.


Biography: Jamala

  • Jamala (eigentlich Susana Jamaladinova) ist ukrainische Komponistin, Sängerin und Schauspielerin
  • Sie wurde 1983 in Osh geboren, der ehemaligen Kirgisischen Sowjetrepublik. In den späten 80ern zog sie auf die damals ukrainische Krim, die Heimat ihres Vaters
  • Sie ist studierte Opernsängerin, war an der Tchaikovsky National Music Academy der Ukraine
  • Jamala singt auf Ukrainisch, Krimtatarisch, Russisch und Englisch

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Ihr Eltern leben noch immer auf der Krim, sie leben in einer Gemeinschaft mit anderen Krimtataren, die verfolgt wird. Hat sich etwas daran geändert nachdem Sie den ESC gewonnen haben, wurde ihren Eltern vielleicht sogar zu ihrem Sieg gratuliert?

Jamala
Es gibt viele Glückwünsche, eine Menge Menschen kommen zu ihnen nach Hause. Sie sind dankbar, manche bringen sogar Kuchen! Sogar für die Menschen auf der Krim, die nicht Pro-Ukraine sind, selbst für sie war es “ihr” Sieg. Es hat vielleicht nicht lang gehalten, aber es waren Tage der Gemeinsamkeit.

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Wie sind Sie zur Musik gekommen, durch ihre Familie?

Jamala
Das waren meine Eltern, absolut. Sie sind Musiker, mein Vater spielt Akkordeon, meine Mutter spielte Klavier – sie war Musiklehrerin und unterrichtet heute noch. Bei uns gab es immer Familienfeste, auf denen wurde gesungen – auf ukrainisch, griechisch, armenisch, Lieder aus Aserbaidschan… es gab eine Menge Musik bei uns zu Hause, wir haben Musik gelebt.

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Wie haben Sie sich auf ihren Auftritt vorbereitet? Was machen Sie bevor sie auf die Bühne gehen, haben Sie ein Ritual? Wie macht man ein Lied lebendig, einen Auftritt erfolgreich?

Jamala Bei “1944” war das sehr schwierig. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie es 1944 war. Wenn bei einem Wettbewerb vor dem eigenen Auftritt jemand auf der Bühne etwas singt wie “Soldiers of love, soldiers of love” und dann hast du selbst drei Minuten, um die Bedeutung deines Liedes rüber zu bringen… Ich habe mich in eine Stimmung versetzt, so dass ich mit Tränen in den Augen auf die Bühne gegangen bin. Du kannst Schmerz nicht spielen ohne Schmerz zu fühlen, das funktioniert nicht, niemand wird dir glauben!

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Sie sind eine erfolgreiche Sängerin, sind jetzt über die Ukraine hinaus bekannt. Sie haben ihre Schauspielkarriere gestartet und sind eine Person der Öffentlichkeit: Präsident Poroschenko sagte, Sie seien als Unicef-Botschafterin nominiert, Sie werden von politischen Parteien umworben. Sind Sie bereit etwas anderes zu tun als zu singen?

Jamala Oh nein, das möchte ich nicht! Wissen Sie, was ich dachte, als ich direkt nach dem Sieg nach Hause kam? Ich möchte ein neues Album schreiben. Ich möchte mich in irgendeinem Keller verstecken, mit meinen Musikern, und einfach nur Musik machen. In die Politik gehen? Um keinen Preis der Welt! In der Politik ist kein Platz für Gefühle! Und ohne Gefühle kann ich nicht leben, und deshalb ist die Politik nichts für mich.

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Jamala, wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde erst einmal Pause machen, nach dem Stress mit dem Eurovision Song Contest, aber Sie gehen jetzt auf Tour mit ihrem neuesten Album – woher nehmen Sie die Inspiration, woher kommt die Energie?

Jamala
Um ehrlich zu sein, Menschen inspirieren mich. Als ich in Kiew am Flughafen begrüßt wurde, habe ich vor Freude geweint, zusammen mit Kindern, die weinten, mit Erwachsenen, die weinten… Es war irgendwie… Ich weiß nicht, es ist schwer zu beschreiben. Menschen können dir deine Energie nehmen, aber sie können dir auch Energie geben! Die größte Freude und die größte Inspiration kommt von anderen Menschen. Und sicher, man kann auch Urlaub machen, ich liebe das Wasser, das Meer, den Ozean, Flüsse, Seen.. aber ich habe gerade keine Zeit dafür. Jetzt will ich singen. Ich will den Menschen das Beste geben was habe

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Jamala, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!

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