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Texas: Zuflucht für Flüchtlinge aus aller Welt - nach aufwendigem Verfahren

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Texas: Zuflucht für Flüchtlinge aus aller Welt - nach aufwendigem Verfahren

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Einwanderung ist eins der vorherrschenden Themen beim Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Als Einwanderernation gerühmt, steht das Land heute im Spannungsfeld zwischen Terrorangst nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und San Bernardino in Kalifornien, und internationalem Druck, mehr syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Das Aufnahmeverfahren für Flüchtlinge ist kompliziert und langwierig. Doch wer das Glück hat, für die Ansiedlung zugelassen zu werden, bekommt auch Hilfe.

Texas – Hafen für Flüchtlinge aus aller Welt

Houston, Texas. Vier Millionen Einwohner, die Stadt mit dem zweitbuntesten Völkergemisch in den USA, nach New York. Und Nummer Eins in den Vereinigten Staaten bei der Aufnahme von Flüchtlingen, Flüchtlingen aus der ganzen Welt: Von Vietnam und Birma über Afghanistan bis Irak und jüngst Syrien. Von speziellen Agenturen bekommen sie Hilfe, um ihr neues Leben in Houston einzurichten.

Maher Jandari, seine Frau und die fünf Kinder kamen vor einem Jahr hierher, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien. 125 Syrer haben sich seit Beginn des Krieges in Houston niedergelassen. “Ich habe das Land verlassen, weil das tägliche Leben immer schwieriger wurde”, erzählt Maher. “Die Lage in Syrien war sehr schlimm, alles wurde zerstört, jeder tötete jeden, aber man wusste nicht, wer tötet wen. Sogar mich haben sie gegen die Wand gestellt und drohten, mich umzubringen.”

Er wollte nach Amerika, nicht nach Europa fliehen: “Es gibt hier eine Art seelische Ruhe, trotz der Sprachbarriere und der kulturellen Unterschiede. Ich bin glücklich, weil ich mich sicher fühle. Was ich in arabischen Ländern nicht empfand.”

In den vergangenen fünf Jahren nahm Texas über 42.000 Flüchtlinge auf, mehr als andere Bundesstaaten.

Doch dann eine Kehrtwende: Nach dem Schock der Anschläge von Paris im November teilte der Gouverneur von Texas in einem Brief an Präsident Obama mit, Texas werde keine syrischen Flüchtlinge mehr hereinlassen. Von der Justiz wurde dieser Vorstoß aber ausgebremst, mit Verweis auf das bundesweit geltende Flüchtlingsgesetz.

Sind 10.000 syrische Flüchtlinge in diesem Jahr zu viel?

Der Gouverneur von Texas ist kein Einzelfall. Präsidentschaftsbewerber Donald Trump, bekannt für markige Parolen über Einwanderung und Moslems, findet auch die von der Obama-Regierung geplante Ansiedlung von 10.000 syrischen Flüchtlingen bedenklich. Und mit dieser Zahl stehen die USA im internationalen Vergleich noch weit hinten. Doch, so Trump: “All diese Leute, die sie aus Syrien hereinlassen wollen: Wir finanzieren Visa-Programme. Denken Sie darüber mal nach. Leute, von denen wir nicht wissen, wer sie sind, woher sie kommen. Und die sind jung, die sind stark, und es sind eine Menge Männer. Wenn man sich diese Zuwanderung ansieht, fragt man sich, ob das nicht vielleicht das letzte Trojanische Pferd ist.”

“Wer als Terrorist kommen will, spart sich das Flüchtlingsverfahren

Ali Al Sudani kam 2009 als Flüchtling aus dem Irak nach Houston. Heute ist er US-Staatsbürger und leitet den Flüchtlingsdienst bei einer interreligiösen Wohlfahrtsorganisation, den Interfaith Ministries Houston. Über die Reden von Trump und anderen Politikern kann er nur lachen: “Ich finde es lächerlich, wenn ich so etwas höre. Wenn Terroristen oder radikale Gruppen in dieses System hier eindringen wollen, ist das Flüchtlingsverfahren wohl nicht der schnellste Weg, um in die Vereinigten Staaten oder in ein anderes Land hineinzukommen. Man kann sich beim Unterstützungsprogramm der Vereinigten Staaten für Flüchtlinge bewerben, aber hat keine Garantie, auch zugelassen zu werden. Flüchtlinge unterliegen den stärksten und umfassendsten Kontrollen – mehr als jeder andere Reisende, der in die USA kommt.”

Der Aufnahmeprozess ist strikt und langwierig und kann gut zwei Jahre in Anspruch nehmen. Doch wer einmal zugelassen wird, bekommt auch Unterstützung. Neben Sprachunterricht bekommen die Flüchtlinge auch Unterstützung bei Wohnungs-, Schul- und Arbeitssuche. Eine Englisch-Lehrerin verweist auf den breiteren Sinn des Sprachunterrichts: “Die meisten der Schüler hier sind in ihrem Heimatland niemals zur Schule gegangen. Dies ist vielleicht die einzige Gelegenheit für sie, Bildung zu bekommen, und es ist fantastisch, dass wir ihnen das geben können.”

Vom Flüchtling zum Juristen und Restaurantbesitzer

Eine afghanische Dorfkneipe mitten in Houston: Einige der Angestellten sind Flüchtlinge, wie der Besitzer, der vor 17 Jahren aus Afghanistan kam. Omer Yousafzai studierte in Houston Jura, machte seinen Abschluss und arbeitete in einer Agentur der Flüchtlingshilfe, bevor er sein eigenes Restaurant eröffnete. Nie habe er sich diskriminiert gefühlt, sagt er und wirft rechten Politikern und Medien vor, verbal zu zündeln, wo gar kein Feuer sei:
“Ich bin Moslem, ich liebe dieses Land. Ich habe für die Regierung gearbeitet, und ich würde es immer wieder tun, wenn sie mich um Hilfe bäten, ich würde das gern tun. Aber wenn man Muslime ausschließt, weil sie eine Bedrohung sind? Wenn ich eine Bedrohung wäre, würden Sie mir nicht hier gegenüberstehen. Ich gebe Leuten zu essen, ich biete Dienstleistungen an, und ich könnte Menschen schaden, wenn ich wollte. Und die Leute um mich herum, da gibt es Hunderte und Tausende in dieser Stadt, die Moslems sind. Allein die Pakistaner, eine Gemeinde von über hunderttausend. Wenn das schlimme Leute wären, dann würde es doch stündlich, alle Minute lang irgendwelche Vorfälle geben.”

Der Syrer Maher Jandari hofft – wie die Flüchtlinge, die sich vor ihm in Houston niederließen, schlicht auf sichere Zuflucht. Auf Vorschläge wie den von Trump, angesichts der Terroranschläge Moslems vorübergehend nicht ins Land zu lassen, reagiert er allergisch: “In allen Ländern der Welt gibt es Terroristen. Und Regimetreue und Regierungsgegner. Die ganze Welt hat an der Zerstörung Syriens teil. Es reicht, einen Anschlag in den Vereinigten Staaten oder eine Explosion in Deutschland zu haben, und man wird sagen, da steckt ein Syrer dahinter. Aber natürlich nicht. Die Syrer sind die Sündenböcke für die ganze Welt geworden.”

Weitere Informationen zum Thema:

www.unhcr.org/resettlement.html

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