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Massaker an Armeniern: "Völkermord"- ja oder nein?

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Massaker an Armeniern: "Völkermord"- ja oder nein?

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Am Donnerstag hat der deutsche Bundestag ungeachtet scharfer Proteste der Türkei die Massaker an den Armeniern vor rund 100 Jahren als Völkermord eingestuft. Die umstrittene Resolution dazu wurde am Donnerstag fast einstimmig verabschiedet. Auch wenn die Verfolgung von Minderheiten in der Geschichte immer wieder vorkam, ist der juristische Begriff “Völkermord” verhältnismäßig neu.

Was ist vor 101 Jahren passiert?

Begonnen hatte die Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich am 24. April 1915. An diesem und den darauffolgenden Tagen wurden die armenischen Eliten Konstantinopels verhaftet, deportiert und ermordet. Im Schatten der Wirren und Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs hatte das jungtürkische Regime, das sich 1913 an die Macht geputscht hatte, beschlossen, das Land von „inneren Feinden“ zu „säubern“. Die osmanische Führung verdächtigte die christliche Minderheit, mit dem Kriegsgegner Russland zu kollaborieren. Historiker sprechen
von systematischer Verfolgung. Vom Frühjahr 1915 bis Anfang 1917 dauerten die Massaker und Deportationen. Wie viele Armenier insgesamt starben, lässt sich nur ungefähr ermitteln. Unabhängige Historiker gehen heute von 800.000 bis 1,5 Millionen Opfern aus.

Wie wird “Völkermord” definiert?

Als Folge des Holocausts verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 1948 das «Übereinkommen über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermordes». Erst die im Januar 1951 in Kraft getretene Konvention machte den Genozid zum
völkerrechtlichen Straftatbestand.

Gemäß Artikel 2 der UN-Konvention handelt es sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, «begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören». Dabei geht es nicht nur um systematisches Töten, sondern auch um die vorsätzliche Verschlechterung von Lebensbedingungen sowie um Zwangsabtreibungen oder -adoptionen.

Auch wenn der Begriff «Völkermord» an das millionenfache Morden des Nazi-Regimes erinnert, spielt die Zahl der Opfer gemäß Konvention keine Rolle. Mit ihrer Ratifizierung haben sich die UN-Mitglieder verpflichtet, Verbrechen dieser Art zu verhüten und zu bestrafen.

Welche Länder haben die Massaker an Armeniern als “Völkermord” eingestuft?

Mit der Armenien-Resolution wird Deutschland das 29. Land, das die Massentötungen von Armeniern als Genozid einstuft.

Hier eine Karte von den Ländern, die den armenischen Völkermord anerkennen und das Datum der offiziellen Anerkennung.

Außerdem haben noch einige andere regionale Parlamente und Regierungen die Massentötungen von Armeniern während des 1. Weltkriegs als “Genozid” anerkannt:

  • Großbritannien: Wales, Schottland und Nordirland
  • Spanien: Baskenland, Katalanien, Aragonien, Navarra, Balearen
  • USA: 44 von 50 Bundestaaten
  • Australien: New South Wales, South Australia

“Völkermord”- ja oder nein?

Eine Antwort auf die Frage, ob die Massaker an den christlichen Armeniern vor 100 Jahren einem Völkermord gleichkommen, ist sehr emotional. Bei den Massakern an den Armeniern 1915 kamen Schätzungen zufolge zwischen 800 000 und 1,5 Millionen Angehörige der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich ums Leben. Die juristische Frage ist: ist dies vorsätzlich geschehen? Um den Tatbestand des “Völkermords” zu erfüllen müssen diese Handlungen in der Absicht begangen werden, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.

Türkei: Die Türkei – Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches – geht von deutlich weniger Toten als den Schätzungen von Historikern aus und lehnt den Ausdruck «Genozid» entschieden ab. Die Massaker waren nicht gegen die Armenier als Volk gerichtet, sondern gegen Feinde der Nation. Die türkische Meinung zu der Anerkennung der Massentötungen als “Völkermord” durch Regierungen: Es sei nicht Aufgabe von Parlamenten, sondern von unabhängigen Historikern, die Vorgänge von damals aufzuklären. Hier erklärt unsere Euronews-Korrespondent Bayraktar Bora auf englisch mehr

Armenien: Die Erinnerung an den in ihrer Augen ganz deutlichen Völkermord stellt – neben Religion und Sprache – die stärkste gefühlsmäßige Klammer dar, die das über rund 120 Staaten der Welt verstreute armenische Volk eint. Der 24. April wird als „Völkermord-Gedenktag“ begangen und ist einer der wichtigsten nationalen Feiertage der Republik Armenien und des armenischen Volkes. An ihm pilgern alljährlich Hunderttausende zum Völkermord-Mahnmal in Eriwan. Hier finden sie mehr zur armenischen Seite auf englisch

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