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Der vergessene Krieg: Exklusiv-Reportage aus dem Jemen

Seit über einem Jahr tobt im Jemen der Krieg zwischen der arabischen Militärkoalition und den Huthi-Rebellen.

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Der vergessene Krieg: Exklusiv-Reportage aus dem Jemen

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Seit über einem Jahr tobt im Jemen der Krieg zwischen der arabischen Militärkoalition und den Huthi-Rebellen. Der Waffenstillstand vom April ist brüchig. Euronews filmte jüngst im Kriegsgebiet.

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"Alle Seiten haben Kriegsverbrechen begangen, die arabische Koalition, die Huthis und Huthi-feindliche Gruppierungen."

Es ist eine unübersichtliche Gemengelage: Auf der einen Seite die saudisch geführte Koalition zur Unterstützung des vertrieben Präsidenten Hadi, Hadi-loyale Armeeteile und Kämpfer sogenannter Volkskomitees – auf der anderen Seite die Huthi-Rebellen, unterstützt von Hadis Langzeitvorgänger Saleh und Saleh-loyalen Truppenteilen sowie Stammesmilizen – daneben Al-Qaida, IS und andere Gruppierungen.

Süden unter Kontrolle der Regierungstruppen – Ziel der arabischen Koalition nicht erreicht

Im Süden haben sich die von der arabischen Koalition unterstützten Hadi-Truppen durchgesetzt und versuchen, weiter nach Norden vorzudringen. Durchhalteparolen eines Offiziers: “Wir versichern unserm Volk, dass wir nicht aufgeben und nicht ein Fleckchen Erde hergeben, wir werden weiter vorrücken bis zur Liquidierung des letzten Huthis und der letzten Truppenteile, die Ex-Präsident Saleh unterstützen.”

Im März 2015 hatte die Koalition von Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten ihre Luftangriffe gestartet, nachdem die aus dem Nordjemen vorrückenden schiitischen Huthis die Hauptstadt Sanaa eingenommen hatten und auch die Hafenstadt Aden zu übernehmen drohten. Dorthin hatte sich Präsident Hadi zurückgezogen. Die Stadt ist strategisch wichtig, hier verläuft die Schiffahrtpassage vom Roten Meer zum Indischen Ozean. Inzwischen ist Aden wieder unter der Kontrolle der Koalition.

Trotz hoher Militärpräsenz: Befriedet ist die Stadt noch nicht – Schauplatz von Anschlägen, die unter anderem den Gouverneur von Aden im Dezember das Leben kosteten. Die Dschihadistenmiliz IS übernahm dafür die Verantwortung.

Der neue Gouverneur Aidroos al-Zubaidi gibt sich kampfbereit: “Wir sind bereit, alle Städte aus den Händen der Huthis zu befreien, mit legalen, friedlichen und militärischen Mitteln. Wir wollen Ehre und Religion von den Huthis befreien, denn sie sind eine verirrte Gattung, die sich vom jemenitischen Volk und seinen Traditionen entfernt hat und von außen, vom Iran, unterstützt wird.”

Dschihadisten werden zum dritten Protagonisten

In der chaotischen Lage, in der sich der Jemen derzeit befindet, bauen die Dschihadisten ihren Einfluss im Süden aus, so auch Al-Qaida. Ihre Anschläge richten sich oft gegen Hadi- und koalitionstreue Soldaten. Sie wird so zum dritten Protagonisten in Konflikt.

Nordjemen fest in der Hand der Huthi-Rebellen

Weiter von Aden im Süden in die Hauptstadt Sanaa. Im September 2014 nahmen die Huthi-Rebellen sie ein, mit tausenden Kämpfern ihrer Ansar-Allah-Bewegung. Seitdem haben sie die völlige Kontrolle hier und überhaupt im Nordjemen das Sagen. Die Huthis nahmen eine Übergangsverfassung an, erklärten das Parlament für aufgelöst und setzten als Interimsregierung einen Revolutionsrat ein – an dessen Spitze steht Mohammed Ali al-Houthi.

Er schaut hinter den Konflikt: “Wer sind letztlich die Verlierer? Die Verlierer sind die Söhne der arabischen und moslemischen Völker. Im Süden versuchen unsere Feinde, terroristische Elemente zu verankern, die sie angeblich bekämpfen.” Al-Houthi wähnt vor allem die USA hinter der Militärintervention von außen: “Wir glauben nicht, dass Saudi-Arabien aus eigenem Antrieb an diesen Krieg teilnimmt, sondern dass man ihm befohlen hat, die führende Rolle dabei zu übernehmen. Wir glauben, dass die USA diesen Krieg anführen. Sie dirigieren die Militäroperationen, sie bestimmen, welche Ziele bombardiert werden, und sie legen die Koordinaten fest.”

Unterstützung für die Huthis von Stammesfürsten und Militärangehörigen

Die Huthis können auf die Unterstützung vieler Stammesfürsten setzen. Die Stämme sind immer noch das Rückgrat der jemenitischen Gesellschaft. Außerdem haben sich ihnen etliche Militärangehörige angeschlossen, die immer noch hinter Ex-Präsident Saleh stehen. Die jemenitischen Rebellion 2011 fegte diesen nach Jahrzehnten aus dem Amt, Einfluss hat er immer noch. Die jemenitische Regierung wirft den Huthis außerdem vor, von der libanesischen Hisbollah unterstützt zu werden.

Unsere Dreharbeiten führen weiter nach Saada, ganz im Nordwesten des Landes. Ein Bild der Verwüstung. Hier ist einst die Huthi-Bewegung entstanden, aufgrund von Mangel an Ressourcen und wirtschaftlicher Marginalisierung. Hier lebten sie vor Jahrzehnten in einem faktisch unabhängigen Reich. Die Stadt Saada ist die Hochburg der Ansar-Allah-Bewegung und eine der Städte, die am nächsten an Saudi-Arabien angrenzen und die dadurch mit am stärksten vom Krieg getroffen wurden. Saudi-Arabien und die Huthis beschuldigen sich gegenseitig der Grenzverletzung.
 
Es ist nicht der erste Krieg, der hier geführt wird, schon im vergangenen Jahrzehnt war die Gegend Schauplatz von Kämpfen und blutiger Rebellion der zaidistischen Huthis gegen die Regierung – damals gegen Saleh. Tausende starben, Hunderttausende flüchteten.

Luftangriffe “Gemetzel”

Und auch im jüngsten Krieg ist die Leidtragende die Zivilbevölkerung.
Der UN-Menschenrechtskommissar brandmarkte die saudischen Luftangriffe jüngst als Gemetzel.

Amnesty-International-Mitarbeiterin Rasha Mohamed findet klare Worte: “Alle Seiten haben Kriegsverbrechen begangen, die Koalition, die Huthis und Huthi-feindliche Gruppierungen. Wir sind in alle Gouvernements gefahren. Wir haben dokumentierte Bodenangriffe aller bewaffneten Gruppen in Aden und Taizz. Wir haben gesagt, dass zu diesem Zeitpunkt alle Konfliktparteien Kriegsverbrechen begangen haben, und dass dies sofort von der internationalen Staatengemeinschaft verurteilt werden muss.”