Eilmeldung

Sie lesen gerade:

EZB startet umstrittenen Kauf von Unternehmensanleihen

wirtschaft

EZB startet umstrittenen Kauf von Unternehmensanleihen

Werbung

ALL VIEWS

Tap to find out

Die Europäische Zentralbank (EZB) erwirbt im Rahmen ihres Wertpapierkaufprogramms über rund 80 Milliarden Euro im Monat nun auch Unternehmensanleihen. Die EZB will mit dem Erwerb von Firmenanleihen deren Renditen drücken, so die Refinanzierungsbedingungen für Unternehmen verbessern und damit die Wirtschaft ankurbeln. Dabei immer fest im Blick: Das selbst gesetzte Inflationsziel von unter, aber dicht bei 2 Prozent.

Schon seit März 2015 pumpt die Europäische Zentralbank (EZB) Monat für Monat Abermilliarden in den Finanzmarkt, unter anderem über den Kauf von Staatsanleihen. Dennoch fielen die Verbraucherpreise im Mai um 0,1 Prozent. Das Inflationsziel von knapp unter 2,0 Prozent ist in weite Ferne gerückt.

Jetzt wird die EZB zum Gläubiger kleiner und großer
Firmen. Unter Experten ist diese Maßnahme hochumstritten. Nicht wenige stellen die Wirksamkeit in Frage, andere warnen vor massiven Marktverwerfungen und einige halten den Kauf von Firmenanleihen durch
die Notenbank für schlicht rechtswidrig. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, spricht von einem «verzweifelten Akt». Skeptischer Kommentar der Neuen Zürcher Zeitung: “Das dürfte auch viele unerwünschte Folgen haben.” Clemens Fuest, Präsident des deutschen Ifo-Instituts, warnt: Risiken könnten durch die EZB vergemeinschaftet werden.

Unter dem Titel «Corporate Sector Purchase Programme» oder CSPP dürfen Anleihen von Unternehmen mit guter Bonität und Sitz in der Eurozone bis zu einem Volumen von 70 Prozent aller ausgegebenen Papiere einer Emission gekauft werden. Ausgenommen sind Anleihen von
Banken und von Unternehmen im Staatsbesitz.

«Die Regeln ermöglichen es der EZB, eine große Vielfalt von Unternehmensanleihen zu kaufen», erklärt Philip Gisdakis von der Großbank Unicredit. Eine einzige gute Kreditbewertung im Bereich Investmentgrade durch eine der führenden Ratingagenturen reicht. Selbst wenn die übrigen Agenturen das Papier als Ramsch einschätzen,
darf es auf dem Kaufzettel auftauchen.

Twitter-Kritik:

Nach einer Aufstellung des Finanzdienstleisters Bloomberg kommen damit bis zu 1.049 Unternehmensanleihen im Volumen von 620 Milliarden Euro in Frage.

Sollte die EZB beim Kauf von Unternehmensanleihen zu stark aufs Gaspedal treten, könnte der Markt schnell austrocknen, meint David Kohl, Deutschland-Chefvolkswirt der Schweizer Bank Julius Bär. Privatanleger, die sich ebenfalls für solche Papiere interessieren, dürften in die Röhre schauen. Sie müssen möglicherweise auf Angebote
mit zweifelhafter Bonität ausweichen. «Damit wird der nächste Markt kaputt gemacht», kritisiert Kohl.

Für Anleger ist es wegen der extrem niedrigen Zinsen ohnehin schon schwierig, Anlagemöglichkeiten mit
akzeptabler Rendite bei überschaubarem Risiko zu finden.
Bereits die Ankündigung des Programms im März hatte zu starken Marktreaktionen und einem Rückgang der Renditen geführt. Besonders deutlich war diese Entwicklung in der Automobilbranche. «Im Autosektor klappten die Risikoaufschläge teilweise um fast 50 Prozent zusammen», so Ulrich Kirschner von der Landesbank Helaba.

Die Zinsaufschläge, die bei Firmenanleihen im Vergleich zu Staatsanleihen verlangt werden, brachen ein, ohne dass sich etwas an der Risikoeinschätzung für das betreffende Unternehmen geändert hatte.

Grundsätzlich will die EZB, dass nicht nur große Firmen aus starken Ländern der Eurozone profitieren, sondern auch kleinere Firmen aus der Peripherie des Währungsraums. Das Problem: «Es wird für die EZB schwierig werden, Anleihen von kleineren und mittelständischen
Unternehmen zu kaufen, weil diese Firmen oft kein
Investmentgrade-Rating haben», sagt Experte Gisdakis.
Nach Einschätzung von Folkerts-Landau werden vor allem Unternehmen von dem Kaufprogramm profitieren, die ohnehin keine Probleme mit der Finanzierung haben. Ob die Firmen deswegen mehr investierten, sei dagegen fraglich.

su mit Reuters, dpa

ALL VIEWS

Tap to find out

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden.euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

Nächster Artikel