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Schotten sagen: "Brexit, nein danke"

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Schotten sagen: "Brexit, nein danke"

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Am 23. Juni entscheiden die Briten in einem Referendum über einen möglichen Austritt aus der EU. Bleiben oder nicht bleiben? Die schottische Antwort auf diese Europa-Frage klingt überraschend eindeutig: Wir sind Europäer!

Schottland will nicht raus

Unser Schottland-Trip beginnt auf Schloss Gordon, hoch oben im Norden. Ein ganz besonderer Tag: Tausende Besucher sind gekommen: ob jung, ob alt – die Hochland-Spiele sind das Ereignis des Jahres. Die Schotten haben ihren Spaß an allem was schwer ist: Steineschleudern, Hammerwerfen und der absolute Höhepunkt: Tauziehen.

60 bis 75 Prozent der Schotten wollen, dass Großbritannien Mitglied bleibt in der Europäischen Union – auch die jugendlichen Musiker der Gruppe “Footerin’ Aboot”. Amber Thornley, die Sängerin der Band, sagt: “Klar, Schottland will nicht raus aus der EU. Doch die meisten Engländer stimmen für konservative Parteien und wollen Europa verlassen. Wenn Großbritannien tatsächlich aus der Europäischen Union austritt, dann erzeugt das Spannungen – und Schottland wird dann seinerseits aus Grossbritannien austreten.”

Ein wichtiger Tag für Amber und ihre Freunde: heute stellen sie ihre erste CD vor.Doch wie sieht ihre Zukunft aus?

Wunsch nach Unabhängigkeit

Wir fahren nach Macduff. Die Fischer hier sind wütend auf Europa. Wegen der Fisch-Quoten. Kinder wachsen in Armut auf. Junge Menschen verlassen Macduff. Doch Ross Cassie macht für den Niedergang der kleinen Hafenstadt London verantwortlich: die britische Regierung schaue weg, nur Europa helfe. – Ross ist lokaler Abgeordneter der Scottish National Party: linksgerichtet, pro-europäisch – und stärkste politische Kraft in Schottland.

Er erzählt: “Hier in Macduff kann man ganz konkret sehen, dass die Europäische Union etwas bewirkt: die Aufschleppe zum An-Land-Ziehen von Schiffen wurde teilweise von der Europäischen Union bezahlt. – Wenn Großbritannien entscheiden sollte, die Europäische Union zu verlassen, dann stünden solche Fördergelder nicht länger zur Verfügung – und Städte wie Macduff und andere kleine Gemeinden überall in Schottland wären dem Verfall anheim gegeben – statt wirtschaftlich zu erblühen, wie sie sollten.”

Es gibt Pläne, den Hafen zu vertiefen und damit Aufträge für die Reparatur-Werft an Land zu ziehen. Auf dem Spiel stehen Arbeitsplätze. Doch die Menschen hier glauben nicht, dass London die Millionen bewilligt. Die Unabhängigkeitsdebatte schlägt erneut Wellen: “Das schottische Volk wäre ausgesprochen verärgert, wenn es vom Rest des Vereinigten Königreiches gegen seinen Willen aus der Europäischen Union herausgeschleppt würde. Als Folge davon hätten wir natürlich weitere Debatten innerhalb Schottlands über unseren Platz im Vereinigten Königreich,” so Ross Cassie.

Whiskey-Hersteller sind gegen Brexit

Das schottische Hochland – eine Landschaft voller Schlösser und Brennereien. John Harvey McDonoughs Familiengeschichte ist seit 1770 eng mit Whisky verknüpft. Doch sein Großvater machte Bankrott. John lernte das Handwerk in China. Nach zwanzig Jahren Asien wagte er die Rückkehr und baute die Brennerei neu auf. John kennt die Welt. Und will, dass Großbritannien in der EU bleibt. “Wir sind gross im Geschäft. Wir machen etwa 80 Prozent unseres Umsatzes in China und Taiwan. Doch auch der europäische und nordamerikanische Markt wachsen. Unser Geschäftsfeld ist riesig – und unser Absatzmarkt die Welt. Die Europäische Union ist ein sehr wichtiger Teil dieser Welt,” so John.

Freihandel ist gut für Export-Firmen lautet das Credo von David Frost. Der ehemalige britische Spitzendiplomat verhandelte für die Europäische Union weltweit Handelsverträge. Dann wechselte er an die Spitze des schottischen Whisky-Verbandes. Er betont: “Etwa vierzig Prozent unserer Ausfuhren gehen nach Europa. Wenn wir die Europäische Union verlassen, kommen Handelshürden. Und: wir sind nicht mehr Teil der Europäischen Freihandelsabkkommen mit Drittstaaten, ganz klar. Wenn dann Grossbritannien diese Abkommen neu aushandeln muss, wird das Zeit kosten. – Unser Interesse: wir wollen Teil des grösstmöglichen Marktes mit den niedrigstmöglichen Handelshürden sein. Der Europäische Binnenmarkt gibt uns genau das. Die Europäischen Freihandelsabkommen ebenfalls. – Warum sollten wir das alles aufgeben?”

Schotten halten zur EU

Ratten und Gewalt – bis vor kurzem war das Alltag hier in Glasgow. “The Gorbals” nennt sich das Viertel, das seit Beginn der Industrialisierung als übervölkerter Slum galt. Stadterneuerungsprojekte in den siebziger Jahren schlugen fehl. Gegen Drogenhandel und Sozialmisere hilft nur noch der Sprengmeister. Dieser Schuttberg war bis vor wenigen Tagen ein 24-stöckiges Hochhaus.

Gleichzeitig entstehen neue Sozialbauten. Diesmal wird auf Qualität gesetzt: weniger Stockwerke, weniger Bewohner, gut gesicherte, große Höfe – gut zum Spielen.

Cathrin und Michael laden uns ein. Als Geringverdiener mit vier Kindern sehen sie einen echten Unterschied zu früher:
“Du kannst nicht 200 Familien in ein Hochhaus pferchen. Wenn dann die Kinder groß werden, überall Drogen, Suff und Schlägertrupps, dann ist da ein echtes Risiko, dass die da mit reingezogen werden.” Michael fügt hinzu: “Was da heute abgeht, ist viel besser: dass mit dem Geld der Europäischen Union die ganze Stadterneuerung hier endlich mal vernünftig durchgezogen wird, also ich meine, das ist doch echt was Gutes.”

Cathrins Großvater kam aus Belgien, ihr Urgroßvater aus Frankreich, der andere aus Deutschland und irische Verwandte haben beide ebenfalls. Also dann mal Klartext: Was halten Sie von der Europäischen Union? Cathrin meint: “Nur weil wir hier in Schottland zur Welt kamen, sehen wir uns nicht ausschließlich als Schotten. Wir sind auch Europäer. Und wir sind stolz darauf, Europäer zu sein.” Michael pflichtet ihr bei: “Es wäre ganz schön bekloppt, sollte Großbritannien die Europäische Union verlassen…”

Wird Schottland das Referendum entscheiden?

Viele Schotten teilen die Überzeugung, dass Europa sich auch um die kleinen Leute kümmert, dass Europa Solidarität bedeutet. Gerade eben kündigte die Europäische Investitionsbank an, in Großbritannien 1,3 Milliarden Euro in den sozialen Wohnungsbau zu stecken.

Fraser Stewart, Direktor der New Gorbals Housing Association, erklärt: “Die Europäischen Investitionsbank war eine echte Hilfe: stabile Finanzierungsbedingungen zum halben Zins, das hat uns enorm viel Geld gespart. – Es gibt da eine klare Verbindung zwischen Europas Entschlossenheit, ärmere Gemeinden zu unterstützen und dem, was wir hier mit diesem Geld unternehmen. Und hoffentlich bleibt das so. Denn ohne Europas Hilfe wüsste ich nicht, wo wir eine derartige Finanzhilfe künftig herbekommen könnten.”

Wir beenden unseren Schottland-Trip dort, wo er begann: bei den Hochland-Spielen. Europas Zukunft liegt in den Händen der Schotten: sie könnten bei der Volksabstimmung den Ausschlag geben. Übrigens: Schottlands stärkster Mann heisst Lukasz Wenta…. und kommt aus Polen.

Fotos vom Insiders-Dreh mit Hans von der Brelie

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