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Russische Reaktionen auf Hooligan-Gewalt

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Russische Reaktionen auf Hooligan-Gewalt

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Die Europameisterschaft in Frankreich war erst wenige Tage alt, da wurde sie bereits von Gewalt überschattet. In Marseille lieferten sich Hooligans aus Russland, England und Frankreich Schlachten, untereinander und mit Anwohnern. In Nizza gab es Zusammenstöße zwischen Einheimischen und nordirischen Fans, und in Lille machten deutsche Hooligans Jagd auf ukrainische Fans, auch die Reichskriegsflagge und der Hitlergruß wurden hier von Deutschen gezeigt.

Ein Zwischenfall erregte besonders viel internationales Aufsehen: Am Ende des Spiels zwischen Russland und England in Marseille griffen russische Hooligans im Stadion englische Zuschauer an. Die Hooligans sollen gut organisiert gewesen sein, sagen Ermittler und Augenzeugen.

Der französische Staatsanwalt Brice Robin sagte, etwa 150 “extrem trainierte” russische Hooligans seien an den Ausschreitungen zwischen Fangruppen in Marseille beteiligt gewesen. “Sie sind gekommen, um sich zu schlagen”, sagte er.

Auch in mehreren Medienberichten hieß es, dass es sich bei den Hooligans um Personen handeln könnte, die bewusst für die Gewalt nach Frankreich gekommen seien und gut darauf vorbereitet gewesen seien.

Russland, das in zwei Jahren die WM ausrichtet und 2020 auch einer der EM-Gastgeber sein soll, steht am Pranger. Die UEFA beschloss, das Land vom Turnier auszuschließen, sollte es erneut zu Gewalt russischer Hooligans kommen.

Der Kreml verurteilte die Krawalle inzwischen als “absolut inakzeptabel”. Man setze darauf, dass sich russische Bürger und Fans an die Gesetze des Landes halten, in dem sie sich aufhalten, so Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Und auch der russische Fußballverband sowie die Vereinigung russischer Fußballfans riefen die Besucher der EM auf, friedlich zu bleiben. Allerdings kamen auch zustimmende Worte: Der stellvertretende Duma-Präsident Igor Lebendew verteidigte die Gewalt (siehe unten im Beitrag).

Indes sehen sich viele russische Fans zu Unrecht in der Kritik. Warum so hart gegen Russland vorgegangen werde, aber nicht gegen England oder Deutschland, immerhin seien auch von dort gewalttätige Hooligans nach Frankreich gekommen, fragen viele.

Wir haben einige Reaktionen von russischer Seite für Sie zusammengetragen.


MEDIEN

Die russische Sportpresse hat auf einen Tweet des früheren britischen Fußballers und jetzigen BBC-Kommentators Gary Lineker reagiert, der russische Hooligans als “Tiere” bezeichnet hatte.

So veröffentlichte Championat einen Artikel über betrunkene englische Fußballbesucher in Lille, die beleidigende Gesänge angestimmt hatten und die russische Flagge durch den Dreck zogen, während die französische Polizei zusah. Die Überschrift zum Artikel lautet: “Wer sind hier die Tiere, Gary?” Und weiter: “Lineker will, dass die EM die “russischen Tiere” loswird. Aber was glauben seine Landsleute, was sie da tun?”

Kommersant schrieb vor dem Spiel Russland – Slowakei in Lille: “Russische Fans könnten zu einem neuen Konflikt provoziert werden, in dem sie bereits zu den Schuldigen erklärt wurden.”

Sport Express, Russlands größe Sportzeitung, titelte: “Team und Anhänger, lasst Euch nicht gegenseitig im Stich!”. Damit bezieht sich Sport Express auf den Umstand, dass die Mannschaft bei erneuten Ausschreitungen russischer Hools in einem Stadion automatisch vom Turnier ausgeschlossen wird. Die Zeitung zeigt auf die Veranstalter und titelt: “Frankreichs Schwindel: Wie die Organisatoren die EM 2016 verspielt haben.”

Das Blatt forderte aber auch, Russland müsse die Fangewalt dringend in den Griff bekommen. “Die Anhänger fliegender Fäuste werden sich bis zur WM 2018 nicht in Luft auflösen”, warnte die Zeitung.

Der franko-russische Blog Le courrier de russie veröffentlichte den Augenzeugenbericht eines Russen, der die Krawalle in Marseille miterlebt hat (Französisch).


POLITIK

Russlands Sportminister Witali Mutko sagte, einige Fußballfans hätten Schande über sein Land gebracht. Gleichzeitig wiegelte er etwas ab. “Unsere Fans werden ständig provoziert”, sagte er vor dem Spiel gegen die Slowakei. Daher könne es wieder Ausschreitungen russischer Fans geben. Allerdings würden die Russen oft zu Unrecht beschuldigt.

Der rechtsnationale Politiker Igor Lebedew, Vizepräsident des Parlaments und Sohn des ultrarechten Abgeordneten Wladimir Schirinowski, twitterte seinerseits, es sei “nichts falsch an kämpfenden Fans”. Und er gab seinen “Jungs” ein “Weiter so” mit auf den Weg. Lebedew ist auch Vorstandsmitglied des russischen Fußball-Verbandes.

Auch Wladimir Markin, Leiter der russischen Ermittlungsbehörde, zeigte keine allzu große Reue. Er spottete vielmehr über das Entsetzen, das die russischen Schläger in Europa ausgelöst haben. Markin schrieb bei Twitter: “Sie wundern sich, wenn sie einen echten Mann sehen, der aussieht, wie ein Mann aussehen soll. Sie sind nur daran gewöhnt, Männer bei Schwulen-Paraden zu sehen.”

Der kommunistische Duma-Abgeordnete Waleri Raschkin schrieb für Echo Moskwy einen Artikel mit der Überschrift: “Nur eine kranke Gesellschaft kann stolz auf die Schwachköpfe unter den Fußballfans sein”. Er sagte, diejenigen, die für die Gewalt verantwortlich seien, sollten in Russland vor Gericht gestellt werden, sobald sie aus Frankreich zurück seien.


SPORTLER

Der russische Fußballer Artjom Dsjuba sagte, englische Hooligans sollten nicht in Schutz genommen werden, auch sie seien Schuld an der Gewalt. Er verstehe die Reaktion der britischen Medien nicht, die den Eindruck vermittelten, Englands Anhänger seien harmlos. Das sei Heuchelei, so Dsjuba.

Russlands Trainer Leonid Sluzki kritisierte die englischen Fans dafür, dass sie die russische Hymne ausgebuht haben. Das sei eine schwere Verletzung aller ethischer Normen, so Sluzki in einem Interview.

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