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Wackelkandidat Großbritannien: Sorgenkind für Deutschland?

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Wackelkandidat Großbritannien: Sorgenkind für Deutschland?

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Versöhnlich und den Forderungen David Camerons offen gegenüber. Von Anfang an hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die europäischen Verhandlungen unterstützt, um den EU-Austritt Großbritanniens zu verhindern. Und ohne direkt auf das Referendum der Briten am 23. Juni Bezug zu nehmen, sprach Merkel ihre Meinung immer wieder klar aus:

“Jeder sagt es aus seiner Perspektive. Ich sage es aus meiner Perspektive: Wir wünschen uns ein starkes, wirtschaftlich prosperierendes Großbritannien in der Europäischen Union. Und die eigentliche Entscheidung liegt weiterhin bei den Bürgerinnen und Bürgern Großbritanniens”, sagte sie im April in Berlin. Bei einer anderen Gelegenheit:

“Es gibt das Signal, dass wir uns alle, wie wir hier sitzen, glaube ich, wünschen, dass Großbritannien Teil der Europäischen Union bleibt. Aber dass dies natürlich von den britischen Wählerinnen und Wählern zu entscheiden ist.”

Und Anfang Juni in Berlin: “Und wenn man mal an die Handelsabkommen denkt, die für Deutschland wichtig sind, für Großbritannien, für alle von uns wichtig sind, kann ein Land alleine überhaupt nicht solche guten Ergebnisse erzielen. Deshalb glaube ich, ist es in unser aller Nutzen, aber es könnte auch im britischen Nutzen sein, wir bringen unser ganzes Gewicht in die Verhandlungen ein, als Teil der Europäischen Union. Und das wird für die Menschen in Großbritannien besser sein, qualitativ besser sein, als wenn das von außen geschieht. Da bin ich mir ganz sicher.”

Soweit offizielle Regierungsmeinung. Aber wie ist die Stimmung in Deutschland. Dazu befragte euronews-Reporter Christoph Debets René Pfister, den Leiter des Hauptstadtbüros des Spiegels:

euronews-Reporter Christoph Debets:
“Die Entscheidung, die treffen die Briten, aber was hält man anderenorts vom Brexit? Jetzt gehen wir nach Deutschland, in Berlin ist uns René Pfister vom Spiegel zugeschaltet. Guten Tag Herr Pfister.”

René Pfister, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros:
“Hallo, ich grüße Sie.”

euronews:
“Wenn Deutschland sich ein Abstimmungsergebnis wünschen könnte, welches wäre das?”

René Pfister:
“Wenn man auf die Regierung sieht, dann ist es ganz eindeutig, dass Großbritannien in Europa, in der EU bleiben soll. Und ich glaube, das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Auf der einen Seite war es immer so, dass Angela Merkel in London einen Verbündeten hatte, wenn es darum ging, wirtschaftspolitische Themen in Brüssel durchzusetzen. Diese ganze Frage ‘Sollen wir Schulden machen, oder sollen wir lieber einen marktliberalen Kurs fahren?’ Da hatte Merkel in der britischen Regierung immer einen Verbündeten und das wünscht sie sich auch, dass das so bleibt. Das ist das eine.
Und das andere ist, glaube ich, dass Großbritannien durch seine Vergangenheit als Empire, durch den Commonwealth, natürlich ganz andere internationale Kontakte hat als andere europäische Staaten und außenpolitisch viel vernetzter ist, als viele, die in Europa Teil der EU sind. Und das wünscht man sich, auch weiter zu nutzen. Und natürlich ist Großbritannien auch durch seine ‘Special Relationship’ zu den USA ein Bindeglied zwischen Europa und den USA.”

euronews:
“Jetzt haben Sie gesagt, wenn es nach der Regierung geht, die würde sich wünschen, dass Großbritannien in der EU bleibt. Gibt es andere, bedeutende Gruppen, die das in Deutschland anders sehen?”

René Pfister:
“Also ich sehe das nicht. Es gibt Teile in der AfD, die sich wünschen, dass Großbritannien Europa verlässt. Aber dass es eine breite politische Bewegung gibt, die das fordert, das kann ich nicht erkennen. Also die SPD ist da ganz eindeutig auf der Seite der Kanzlerin, die Grünen sowieso. Und selbst die AfD ist in der Frage gespalten.”

euronews:
“Und wenn es jetzt anders käme, wie würde Deutschland reagieren?”

René Pfister:
“Ich glaube, das Erste, was die Regierung tun würde, ist die Situation zu kalmieren. Es ist ja im Moment schon ganz auffällig, dass Angela Merkel sich zu dem Thema gar nicht äußert und versucht, den Europagegnern in Großbritannien überhaupt keine Angriffsfläche zu bieten. Und ich glaube, was passieren wird, wenn Großbritannien sich tatsächlich dazu entscheiden würde, die EU zu verlassen, dann würde Merkel sich an die Spitze der Bewegung derer stellen, die es zwar bedauert, aber sagt: ‘Das bedeutet auf keinen Fall das Ende der EU’. Wir werden weiter dafür kämpfen, dass Europa geeinigt bleibt, dass die Konsequenzen dieses Austritts so klein wie möglich bleiben. Also, das Programm, dass dann anlaufen wird, heißt Beruhigung.”

euronews:
“Wie würde eine EU mit einem Wackelkandidaten Großbritannien, der trotzdem drin bleibt, denn aussehen? Sorgt man sich da in Deutschland?”

René Pfister:
“Ich glaube, man sorgt sich ganz grundsätzlich um den Zustand der EU im Moment, weil die Flüchtlingskrise natürlich gezeigt hat, dass Europa enorm auseinanderdriftet. Was der Wunsch der Bundesregierung war, ist, dass insbesondere die Flüchtlingskrise etwas Einigendes hat. Dass alle sich bereit erklären, zu der Lösung der Flüchtlingskrise beizutragen. Und was man ja dann erlebt hat, ist, dass die Flüchtlingskrise Europa eher noch weiter auseinandergetrieben hat. Die große Sorge im Moment ist, dass die zentrifugalen Kräfte, also die Kräfte, die Europa auseinander treiben, immer stärker werden, und dass man das nicht mehr in den Griff kriegt. Und das ist etwas, was uns noch in den nächsten vielen Jahren beschäftigen wird, die Frage: Ob man überhaupt einen gemeinsamen Konsens findet für dieses Europa.”

euronews:
“Ein Brexit könnte für Deutschland teuer werden. Fünf Milliarden britische Euros werden fehlen. Die Deutschen zahlen 15 Milliarden ein. Also keine große Sache, wenn sie dafür aufkämen?”

René Pfister:
“Die finanzielle Frage ist jetzt nicht so entscheidend. Da wird man schon dafür aufkommen können. Am Geld wird es nicht scheitern. Es ist eher die Frage, ob das nicht ein Symbol der Desintegration ist, dass Europa dann noch viel mehr ganz grundsätzliche Fragen stellen wird, dass andere Europagegner Aufwind erhalten und Europa dann vor der Frage steht, ob es ganz grundsätzlich auseinanderfällt.”

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