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Europas Glyphosat-Schlacht

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Europas Glyphosat-Schlacht

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Monatelang haben sich die EU-Mitgliedstaaten davor gedrückt, eine Entscheidung über die Verlängerung oder Nichtverlängerung der Marktzulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat zu fällen; gewissermaßen verstecken sich die Regierungen hinter der EU-Kommission. Ergebnis ist nun eine weitere Übergangslösung: die EU-Kommission erlaubt die Verwendung und Vermarktung von Glyphosat für einige weitere Monate – bis im Jahr 2017 die Europäische Chemikalienagentur ECHA ihre Fachexpertise über das Molekül abgeliefert haben wird…dann muss erneut entschieden werden. Euronews-Reporter Hans von der Brelie hat sich in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern umgesehen, denn in Deutschland tobt die Auseinandersetzung zwischen Glyphosat-Gegnern und Glyphosat-Befürwortern besonders heftig.

So sieht ein Feld nach der Glyphosat-Dusche aus: schön sauber und grün. Null Unkräuter. Einige Kilometer weiter: Beim Bio-Bauern blüht es bunt – auch zwischen den erntereifen Getreidehalmen. Wir sind unterwegs im Nordosten Deutschlands. Chemie auf dem Feld: gut oder schlecht, notwendig oder überflüssig? Die Debatte tobt. Die EU-Kommission wollte Glyphosat ursprünglich erneut für 15 Jahre erlauben. Dafür fand sich bei den EU-Mitgliedstaaten keine Mehrheit, auch nicht für den modifizierten Kommissionsvorschlag, das Molekül für zehn oder neun Jahre zu genehmigen. Seit Monaten gab es nur kurzfristige Übergangslösungen: häppchenweise Mini-Genehmigungen für einige Monate. Jetzt sollen (wieder einmal) weitere Studien Klarheit schaffen, ob das Molekül gefährlich ist – oder harmlos. Im Klartext: Mitgliedstaaten und EU-Kommission schieben sich die Verantwortung zu, die “heiße Kartoffel” der Glyphosat-Genehmigung (oder eines Glyphosat-Verbots) will keiner so gerne in die Finger nehmen. Selten war ein landwirtschaftliches Verbraucherschutzthema so umstritten.

Sowohl die Berichterstattung in vielen Medien wie auch die politische Debatte gewinnt an Schärfe: die EU-Kommission wirft manchen Mitgliedstaaten vor, sich bei diesem unpopulären Thema hinter Brüssel verstecken zu wollen. Und in der Tat: monatelang drückten sich die EU-Staaten vor einer Entscheidung.

Es mehren sich offenbar Fälle, bei denen Glyphosat unter Umständen eine unrühmliche Rolle spielte. Wir fahren nach Ostdeutschland.Michael Rubin lebt von seinen Ziegen. Er produziert Käse, ja sogar Ziegenmilch-Eis. Familien-Ausflügler lieben Rubins Ziegen nahe der polnischen Grenze. Doch eines Tages trieb der Wind eine Glyphosat-Wolke bis zum Ziegenhof...

“Sie sehen, dass hier rundherum ist nur Getreide, rundherum wird nur gespritzt. Ich liege jetzt mit meinen knapp 16 oder 17 Hektar, die wir hier haben an Wiese, mittendrin”, sagt Rubin.

108 Ziegen warten aufs Melken. Früher waren es mehr. Vor 18 Jahren hatte der ostdeutsche Betrieb einen guten Start. Doch als der Euro kam, halbierten sich laut Rubin die Gewinne. Rubin entließ Angestellte, änderte sein Geschäftsmodell und überlebte die Krise – dann kam die Glyphosatwolke… und tötete 34 Ziegen.

Rubin: “Ich glaube, weil das kurz vor der Rapsernte war und dass der Raps ja totgespritzt wird, hier bei uns jedenfalls, dass die Tiere davon Schaden genommen haben, weil sie damals, als gespritzt wurde, wohl in der Nebelwolke standen. Die haben so Krämpfe bekommen, war auch begleitet mit Durchfall und dann sind die einfach umgefallen.”

Er ließ Proben untersuchen, der Tierarzt stimmte Rubin zu, konstatierte Vergiftungserscheinungen. Offenbar wurden die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstandsflächen nicht eingehalten und/oder bei Wind gespritzt. Doch Rubin reagierte zu langsam, versäumte, sofort Anzeige zu erstatten. Jetzt ist es zu spät, den wirtschaftlichen Verlust im fünfstelligen Bereich muss er selber wegstecken, einschließlich die Rechnung für Laboruntersuchungen und Tierkörperbeseitigung.

In Berlin wird gestritten: CDU/CSU sind für eine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung, eine mehrjährige Erlaubnis, das Molekül auf dem Europäischen Binnenmarkt – und damit auch in Deutschland – zu vertreiben und anzuwenden, so wie bereits seit Jahrzehnten üblich. Die Sozialdemokraten sind dagegen. Die Selbstblockade der Berliner Koalition führte vorüberhend sogar zu einer EU-Blockade: denn Deutschland enthielt sich mehrmals bei Glyphosat-Abstimmungen in Brüssel – woraufhin keine Mehrheit zustande kam: das Vertagungskarussell drehte sich immer rascher…

Die Internationale Agentur für Krebsforschung im französischen Lyon stufte Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” für den Menschen ein. Daraufhin kam es zu einem erregten Schlagabtausch zwischen Krebsforschungsagentur einerseits und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA andererseits, die das Mittel für unbedenklich hält. Glyphosat-Produzent Monsanto beruft sich auf die glyphosatfreundliche Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA. Monsanto-Sprecher Thoralf Küchler, den unser Euronews-Reporter im Schlosspark Charlottenburg in Berlin traf, meint zu der zunehmend glyphosat-kritischen Berichterstattung vieler Medien und zu der Veröffentlichung glyphosat-negativer Studien und Stellungnahmen mancher Wissenschaftler: “Ich glaube, das sind Aktivitäten im Rahmen einer großangelegten Campagne gegen Glyphosat. Auf der Basis der positiven Sicherheitsbewertung der EFSA kann es keine andere Entscheidung geben, als eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat. Und ich bin auch sehr zuversichtlich, dass das am Ende des Tages auch passieren wird.”

Glyphosathaltige Unkrautvernichter werden nicht nur in der Landwirtschaft eingesetzt – sondern auch in Parks und Privatgärten. Der Preis ist niedrig – auch hier, in der Münchner Innenstadt. Euronews-Reporter Hans von der Brelie kauft sich einen Liter-Kanister: “Ist ja überall frei verkäuflich, Glyphosat, Round-Up, in fast jedem Gartencenter. Kann man frei kaufen.” Allerdings muss man erst eine Bestätigung unterschreiben, dass man von einem Fachverkäufer über Risiken und Anwendungstechniken aufgeklärt wurde und das Unkrautvernichtungsmittel nur sachgemäß anwenden wird.

Glyphosatkritische Artikel und Reportagen häufen sich in der Tat, auch und gerade von durchaus seriösen Medien, wie beispielsweise der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Auch das deutsche Wochenmagazine Der Spiegel publizierte einen Artikel mit der Überschrift “Totgespritzt”. Glyphosat-Produzent Monsanto protestierte.

In den vergangenen Jahrzehnten stieg der Verkauf glyphosathaltiger Unkrautvertilgungsmittel rasant an. Viele Bauern haben traditionelle Bodenpflege (mit dem Pflug) teilweise durch den Griff zur Glyphosatspritze ersetzt. Die Zahl der Landwirte, die Glyphosat für praktisch, kostengünstig und gelegentlich sogar für alternativlos halten, ist gewaltig.

Einerseits ist es umstritten, ob Glyphosat krebsauslösend ist oder nicht. Unumstritten ist hingegen, dass es die Artenvielfalt einschränkt.

Die widersprüchlichen Gutachten und Gegengutachten stiften Verwirrung. Was sagt die deutsche Bundesregierung zu alldem? Das deutsche Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft richtete eine gesonderte Internet-Seite mit Fragen und Antworten zum Thema Glyphosat ein. Der (konservative) deutsche Landwirtschaftsminister hält Glyphosat für unbedenklich.

Auch der Deutsche Bauernverband DBV startete im Internet eine glyphosatfreundliche Aufklärungscampagne: Faktencheck – Glyphosat im Ackerbau

Widerspruch kommt vom Pestizid-Aktionsnetzwerk PAN. Unter dem Titel Roundup & Co – Unterschätzte Gefahren, veröffentlichte PAN eine äusserst glyphosat-kritische Broschüre.

Mehr als 5000 Tonnen Glyphosat werden jährlich in Deutschland verkauft. 40 Prozent der deutschen Äcker kommen in den Genuß der Glyphosatdusche, von dort gelangt das Molekül in unser täglich Brot – und selbst ins Bier. Karl Bär vom Münchner Umweltinstitut hat Glyphosatrückstände in allen beliebten Biermarken nachgewiesen. Jetzt geht Bär auf Brüssel los:

‘‘Mein konkreter Verdacht ist, dass die Kommission sich mit den Herstellern abspricht – um die Wiederzulassung von Glyphosat möglichst durchzukriegen’‘, sagt er. “Wir haben das Problem, dass die Studien, die die Herstellerfirmen bei den Behörden abgeben, als Geschäftsgeheimnisse behandelt werden. – Für mich ist ein Glaubwürdigkeitsproblem da, nicht bei dem, der am Lautesten schreit, sondern bei dem, der das meiste Geld bekommt von Leuten, die das Zeug herstellen über das grad’ entschieden wird”, meint Bär.

Zurück in Berlin sind wir mit dem Vizepräsidenten des Bundesinstituts für Risikobewertung, Reiner Wittkowski, verabredet. Sein Credo: Wir sind unabhängig und nur unserer Wissenschaft verpflichtet. Das Institut erklärte Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung für unbedenklich. Daraufhin kamen Morddrohungen…

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA stützt sich bei ihrer positiven Glyphosat-Bewertung vor allem auf die Expertise der Berliner BfR-Kollegen. Reiner Wittkowski, Vizepräsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, erläutert: “Glyphosat in Muttermilch zum Beispiel oder Glyphosat im Bier – das sind ja keine qualitätsgesicherten wissenschaftlichen Studien. Und auch die Studien, die genannt wurden, zum Beispiel dass Missbildungen auftreten und so weiter, sind ja wissenschaftlich als nicht valide bewertet worden. Wenn Sie Ihr Haarshampoo trinken würden, dann wäre das auch nicht sachgemäß und auch nicht bestimmungsgemäß – dann würde es Ihnen auch nicht gut gehen…”, sagt er.

Die staatlichen Risikobewerter werfen Glyphosat-Gegnern wie Karl Bär vor, unseriöse “Facebook-Wissenschaft” zu betreiben. Um den Glyphosat-Grenzwert zu erreichen, müsse man täglich tausend Liter Bier trinken. Frage an Umweltschützer Bär: alles nur Panikmache der grünen Polit-Lobby?

“Ich möchte keine Angst schüren” erwidert Bär. “Ich werfe dem BfR vor, geschickte PR zu machen: diese Tausend-Liter-Aussage stimmt nur dann, wenn man so wie das BfR davon ausgeht, dass alle wissenschaftlichen Hinweise auf eine krebserregende oder endokrine Wirkung von Glyphosat falsch sind. Aber für den Fall, dass wir hier von einem wahrscheinlich krebserregenden Stoff sprechen (…), dann gilt nach europäischem Recht ein Minimisierungsgebot – und krebserregend gehört zu den drei cut-off-Kriterien, die wir bei Pestiziden in Europa bisher haben”, so Bär.

Die wissenschaftliche Gemeinde ist gespalten, die Berliner Koalition ist es – und die Europäische Union erst recht. Die Mitgliedstaaten drücken sich vor einer endgültigen Entscheidung – aus Angst vor den Wählern.

Hans von der Brelie: “Schon komisch, je länger man sich mit der Geschichte beschäftigt, merkt man, es geht nicht um Wissenschaft, es geht um Politik – also reden wir mal mit den Politikern…”

Im Deutschen Bundestag treffen wir den Grünen-Abgeordneten Harald Ebner, einen der profiliertesten Kämpfer gegen Glyphosat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung habe Studien, die eine Krebsgefahr bei Mäusen belegten, einfach aussortiert. Und nicht nur das…

“Das BfR hat in seinem Bericht reingeschrieben, dass es 1200 Studien auswerten musste, aber zugegeben, dass 850 davon übernommen wurden, inklusive Bewertungstext, so wie es die Antragssteller vorgelegt haben. Das finde ich – gelinde gesagt – einen Skandal”, meint Ebner. “Ich halte eine Neuzulassung zum jetzigen Zeitpunkt für nicht vertretbar, denn immer noch steht das Risiko der Krebsgefahr im Raum.”

Reiner Wittkowski vom BfR erwidert: “Alle diese Studien, alle diese Erkenntnisse, die es da gibt, sind in die Bewertungen, sind in die Ergebnisse eingeflossen, und zwar alle – und sind alle auf Evidenz geprüft worden und haben zu dem Ergebnis geführt, das wir kennen, nämlich: dass Glyphosat nicht krebserregend ist.”

Doch, widerspricht Ariane Failer. In Mecklenburg-Vorpommern züchtet sie Rennhunde – Salukis. Ihr Nachbar hat ihr gegenüber zugegeben, dass er seine Felder mit Round-Up spritzt.

Ihre Hündin Manoush leidet an Krebs. Und nicht nur sie. Failer begann die Zucht 1992. Bald darauf häuften sich die Krebsfälle bei Failers Hunden. Bislang starben zwölf ihrer Salukis an Krebs.

Europa wartet jetzt auf die Studie der Europäischen Chemikalien-Agentur. Irgendwann Mitte oder Ende 2017 könnte die vorliegen. Dann soll seitens der EU erneut über eine Glyphosat-Zulassung für den europäischen Binnenmarkt entschieden werden.

Ariane Failer misst mit energischen Schritten den Abstand zu Nachbars Feld: “Zehn Meter zwischen Grundstücksgrenze und dem Garten meiner Hunde – man kann hier nicht verhindern, dass der Wind das Glyphosat rüberweht, das geht überhaupt nicht”, erklärt Failer.

Dann zeigt sie uns Manoush, hält die Hündin mit dem wunderschön glänzenden Fell fest im Arm, redet beruhigend auf sie ein. Als Manoush sich auf den Rücken dreht, sehen wir es: mehrere handtellergrosse Tumorgeschwulste. “Die untere Milchleiste ist schon wegoperiert worden. Die zwei Tumoren sieht man – hier wächst was, hier auch… Also vier Tumoren auf derselben Milchleiste und… ist gut, Schätzchen, ach ja… meine Süße…” – Man spürt, Ariane Failer leidet mit ihren Tieren, kann die Tränen kaum zurückhalten. Sie weiß: Manoush hat nicht mehr lange zu leben.

Doch nicht immer ist es so einfach, wie es aussieht, denn Salukis sind – laut Wikipedia und britischen Tierärzten – bekannt für hohe Krebsraten. Andererseits hat Ariane Failer den Stammbaum Ihrer Hunde bis ins Jahr 1920 zurückverfolgt – und keine signifikante Häufung von Krebsfällen gefunden… Ihre Hunde verkrebsen erst seit dem massiven Einsatz von Glyphosat auf Nachbars Acker. Failers Schlussfolgerung: “Glyphosat sollte verboten werden.”

Im Rosengarten lädt sie uns ein zu einem Stück Kuchen, die Hunde tollen um uns herum. Failer hat ein bewegtes Leben geführt, in mehreren Berufen gearbeitet, unter anderem eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, sich in diesem Zusammenhang für das Thema Sterbebegleitung interessiert: “Sterben gehört zur Geburt – wenn es normalen Rhythmus hat, ok, aber nicht, wenn das durch Glyphosat beispielsweise vorzeitig geschieht”, sagt sie. Dann bricht ihre Stimme. Sie erinnert sich an den grauenhaften Krebstod eines ihrer Lieblingshunde: “Bushur hatte Schaum vor dem Maul und Blut. Der Tierarzt hat Herzmassage gemacht und ich habe versucht, ihn mit Mund-zu-Nase-Beatmung wiederzuholen – er hat noch aufgeschrien… und dann war er tot…keine zwei Jahre alt… Wir haben kein Recht, ihnen ihr Leben zu vergiften.”


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