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Zeitbombe Babyöl: Wenn Kosmetika die Hormone durcheinanderbringen

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Zeitbombe Babyöl: Wenn Kosmetika die Hormone durcheinanderbringen

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Welches Babyöl soll man kaufen, um seinem Kind auch wirklich nur Gutes zu tun und nicht langfristig zu schaden? Eine schwierige Auswahl: Konservierungsstoffe, Rohöl, Allergene… eine lange Liste von Zusatzstoffen, die die Eltern lieber vermeiden würden. Darunter auch die sogenannten endokrinen Disruptoren – Substanzen, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen können und im Verdacht stehen, später auch Krankheiten wie Krebs auslösen zu können.

Auguste ist vier Monate alt. Für seine Mutter kommt es nicht in Frage, Pflegeprodukte zu verwenden, die Chemikalien enthalten: “Es werden so viele unnötige Zusatzstoffe beigemischt, wie Konservierungsstoffe, und Substanzen, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen können. Ich finde das nicht nur unnötig, sondern vor allem schlecht für die Gesundheit: nicht gut für Erwachsene und noch weniger für Babys.”

Die französische Verbraucherorganisation UFC Que Choisir hat eine Liste von fast 250 Produkten zusammengestellt, die potenziell schädliche Inhaltsstoffe enthalten.

Wie etwa Methylisothiazolinon. Ein Konservierungsstoff, der 2013 in den USA als Allergen des Jahres ausgezeichnet wurde. Oder der Konservierungsstoff Phenoxyethanol, der ebenfalls Allergien auslösen kann. Und andere sogenannte hormonaktive Inhaltsstoffe oder “endokrine Disruptoren” – Stoffe, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen können.

Krebs, Diabetes, Unfruchtbarkeit: Folgen erst nach Jahrzehnten

Eine Zeitbombe, warnt Gaëlle Landry, Expertin für Kosmetika bei UFC: “Bei einem allergenen Produkt bekommen Sie Pickel, und am nächsten Morgen benutzen Sie es nicht mehr. Bei einem hormonaktiven Produkt sieht man die Wirkung nicht. Es ist noch abartiger, weil die Folgen 30 Jahre später auftreten.”

Manche Mediziner raten deshalb von Kosmetika ab, in denen hormonaktive Substanzen enthalten sind. Vor allem Kleinkinder und Schwangere sollten diese nicht benutzen. Und sie warnen vor einem “Cocktail-Effekt”, denn endokrine Disruptoren finden sich nicht nur in Pflegeprodukten, sondern können auch in der Nahrung, in der Luft und im Wasser vorkommen.

Pierre Souvet, der Vorsitzende der “französischen Vereinigugn für Gesundheit und Umwelt“http://www.asef-asso.fr/ schlägt Alarm: “Hormonaktive Substanzen werden besonders bei Schwangeren wirksam, und dies geben die Gifte an ihre Kinder weiter. Das kann die Programmierung der Zellen des Kindes verändern und später zu Krankheiten wie Krebs führen. Man weiß, dass die weitestverbreiteten Krebsarten mit den Hormonen zusammenhängen, wie Prostata- und Brustkrebs.”

Andere Experten bringen diese Stoffe mit Krankheiten wie Diabetes und Unfruchtbarkeit in Verbindung.

Kosmetikindustrie verweist auf Sicherheitstests

Was sagt die Kosmetikindustrie zur Liste der Verbraucherschutzorganisation? Anne Dux vertritt die französischen Kosmetikhersteller. Sie verweist auf die geltenen Vorschriften, die Sicherheits- und Verträglichkeitstests verlangen: “Diese Sicherheits-Evaluierung umfasst eine Bewertung aller Inhaltsstoffe in den Produkten, und diese Inhaltsstoffe sind sicher. Normalerweise kommen also keine Kosmetika auf den europäischen Markt, die gefährlich sind. Und die Schlussfolgerungen der Studie, die Sie zitieren, sind gelinde gesagt übertrieben.”

Dass diese Stoffe in den meisten Kosmetikprodukten enthalten sind, darüber gibt es keinen Streit. Uneins ist man über die Dosis. Was die Hersteller unbedeutend nennen, sehen andere als ernstzunehmendes Risiko. Pierre Souvet: “Die Dosis sei entscheidend, heißt es: Das gilt nicht mehr für diese Stoffe. Wir haben gezeigt, dass manchmal eine kleine Dosis einen negativeren Effekt hat als eine hohe Dosis.”

Anne Dux von der Kosmetikindustrie hält dagegen: “Das Amt für Lebensmittelsicherheit in Deutschland hat vor kurzem Wissenschaftler aus aller Welt und aus verschiedenen Bereichen versammelt, und diese Experten haben den Schluss gezogen, dass es bislang keinen wissenschaftlichen Beweis für dieses Phänomen gibt. Mit anderen Worten prangert man ein Phänomen an, von dem keiner weiß, ob es wirklich existiert.”

Wie das Risiko bewerten?

Beim Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland liest sich das ein bisschen anders: Bei einem Treffen internationaler Experten im April in Berlin einigten sich die Wissenschaftler zuerst einmal auf die Kriterien, nach denen das Gefahrenpotential hormonell schädigender Substanzen identifiziert werden kann.

Europaweit und auf nationaler Ebene regeln gesetzliche Vorgaben die Herstellung von Kinderpflegeprodukten und verbieten zum Beispiel bestimmte Stoffe. Die Hersteller haben außerdem freiwillig besonderes Augenmerk auf die Babyprodukte. Dennoch sagt Anne Dux vom französischen Verband der Kosmetikindustrie: “Die Haut eines Babys verhält sich in der Frage der Durchlässigkeit, also wie Moleküle durch die Haut hindurchkommen, genauso wie die Haut eines Erwachsenen. Nach wenigen Lebenswochen, sehr sehr schnell, gibt es keinen Unterschied zwischen der Haut eines Babys und der Haut eines Erwachsenen.”

“Wissenschaftlich ist das falsch”, widerspricht Gaëlle Landry von UFC Que Choisir. “Die ganz Kleinen haben eine viel empfindlichere Haut, sie ist viel dünner. Und da sie dünner ist, lässt sie auch die Moleküle leichter durch. Außerdem ist sie empfindlicher, weil sie nicht denselben Schutzmantel hat wie die Haut von Erwachsenen. Die Erwachsenen sekretieren Talg und Schweiß. Die ganz kleinen Kinder schwitzen wenig, sie haben nicht denselben Schutz durch Talg und Schweiß. Ihr Hydrolipidfilm auf der Haut schützt noch nicht vollständig.”

Lobby verhindert Verbot

Warum ersetzt die Industrie nicht einfach die suspekten Chemikalien durch natürliche Inhaltsstoffe? Einige wollen ihre Produktionsprozesse nicht verändern, andere halten Chemie für effizienter. Naturkosmetik-Firmen versuchen hingegen, Alternativen anzubieten.

Die EU-Kommission definierte jüngst endokrine Disruptoren als “chemische Stoffe, die das Hormonsystem von Mensch und Tier beeinflussen, … (und die) eine hormonelle Funktion und schädigende Wirkung” haben. Wie man diese Schädigung bewerten kann, daran arbeiten die Wissenschaftler noch. Umwelt- und Verbraucherschützer erhoffen sich mehr Aktion und schnellere Verbote. Und sitzen aber am kürzeren Hebel gegenüber einer starken Industrielobby.

Mehr Informationen dazu:
Bundesinstitut für Risikobewertung,
Bundesamt für Gesundheit der Schweizerischen Eidgenossenschaft
www.spiegel.de

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