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Litauen fürchtet Russland - NATO garantiert Sicherheit

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Litauen fürchtet Russland - NATO garantiert Sicherheit

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Litauen sorgt sich um seine Sicherheit. Und das macht sich bemerkbar: Wiedereinführung der Wehrpflicht, Erhöhung des Verteidigungsbudgets, Eröffnung einer Logistikzentrale der NATO in der Hauptstadt Vilnius, gemeinsame Militärmanöver mit Soldaten aus Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Deutschland und den USA, Forderung nach stärkerer NATO-Truppenpräsenz im Baltikum… Russland protestiert, spricht von “Hysterie” – so der russische Botschafter in Vilnius.

Beginnen wir unsere Reise durch Litauen mit Bettenbauen. Das müssen Rekruten können. Veda und Vilius sind ein perfektes Team. Wir sind in einer Kaserne in Litauen. Hier werden Wehrpflichtige ausgebildet. Zwar schaffte Litauen den Wehrdienst 2008 ab. Doch dann annektierte Russland einen Teil der Ukraine. Seitdem fürchten auch die Balten, dass Russland sich weitere Teile des ehemaligen Sowjetimperiums zurückholen möchte. Veda, eine Studentin, und Vilius, ein Barmann, tragen Uniform, weil Litauen aus Angst vor Russland den Wehrdienst jetzt wieder einführt hat.

Vedas Vater spricht Polnisch, ihre Mutter Russisch. Vilius wuchs in einer Litauisch sprechenden Familie auf. Eine ganz unverblümte, direkte Frage an die russischsprachige Veda: Wäre es ein Problem für Dich, im Falle eines russischen Einmarsches auf der Seite Litauens zu kämpfen? Veda Golovac: “Nein, überhaupt nicht. Ich würde Litauen verteidigen. Ich wurde in Litauen geboren, ich wuchs hier auf, bin hier zur Schule gegangen, leiste hier meinen Wehrdienst. Meine Heimat ist Litauen.”

Ihr Wehrdienstkollege Vilius Siniauskas meint: “Im Zivil-Leben ist es schon noch so, dass die Sprachgruppen geschlossene Klicken bilden, je nachdem ob man Russisch, Polnisch oder Litauisch spricht. Doch hier bei der Armee trifft jeder jeden, man ist dauernd in Kontakt – und wir fühlen uns ebenbürtig, ganz egal welche Sprache wir sprechen, wir sind gleich.”

Litauen beobachtet die sich seit Jahren ankündigende Veränderung der Sicherheitslage in Europa und Eurasien mit größter Sorge: Georgien, Ukraine… Manche Bürger und auch etliche Politiker Litauens befürchten eine Wiederauflage des Ukraine-Szenarios in den baltischen Staaten.

In Vilnius sind wir mit Verteidigungsminister Olekas verabredet. Stalin deportierte seine Eltern – deshalb wurde er in Sibirien geboren. Olekas bekleidete das Amt des Verteidigungsministers bereits im Jahr 2008 – damals schaffte er die Wehrpflicht ab. Im vergangenen Jahr, 2015, führte er sie wieder ein – und begründet das mit der veränderten Sicherheitslage auf dem europäischen Kontinent und der potentiellen Bedrohung Litauens durch die Russische Föderation. Olekas will nicht ausschließen, dass Russland die NATO eines Tages mit einer Aktion in den baltischen Staaten “testen” will. Jetzt hat sein Ministerium eine Broschüre herausgegeben mit dem Titel: “So überleben sie den Krieg”. Andererseits bezeichnen sowohl Regierungs- wie auch NATO-Offizielle die augenblickliche Sicherheitslage in den baltischen Staaten als “stabil”.

“Stellt Russland heute eine Bedrohung dar? Ja oder nein?”, will Euronews von Verteidigungsminister Juozas Olekas wissen.

“Wir haben die Aggression in der Ukraine kennengelernt, das extrem aggressive Verhalten im Luftraum über der Ostsee, die nicht angekündigten Militärmanöver in der Nähe unserer Grenzen. Russland hat den Willen und sagt das auch ganz offen, dass es bereit ist, seine Streitkräfte auch ausserhalb der russischen Grenzen einzusetzen um seine angeblichen Probleme zu lösen. – Die verstärkte NATO-Präsenz ist eine sehr gute Initiative um russische Aggression zu verhindern.”

Als Antwort auf zahlreiche Luftraumverletzungen und gigantische Manöver russischer Streitkräfte hat die NATO beschlossen, in den baltischen Staaten, Polen, Bulgarien und Rumänien kleine Logistik-Zentren einzurichten, die NATO Force Integration Units.

Angelo Miguel Simoes ist Sprecher der NATO Force Integration Unit in Litauen: “Die NATO könnte – falls von Litauen darum gebeten – innerhalb kürzester Zeit 5000 Soldaten hierherbringen, dazu brauchen wir nicht mehr als 48 bis 72 Stunden.” Die NATO zählt hier in erster Linie auf die Lufttransportkapazitäten der USA und die in Norditalien stationierten US-Fallschirmjäger. Da die litauischen Streitkräfte – wie auch diejenigen der Nachbarstaaten Lettland und Estland – zahlenmäßig sehr begrenzt sind, könnte ein Angriff vermutlich nicht sofort zurückgeschlagen, aber doch zumindest verzögert werden.

Im Krisenfall sind diese 5000 NATO-Soldaten die sogenannte Speerspitze der NATO, also die ersten NATO-Kampftruppen vor Ort,gefolgt, falls nötig, von den 40.000 Soldaten der schnellen Eingreiftruppe. Artikel fünf des NATO-Vertrages garantiert allen Mitgliedstaaten Hilfe im Falle eines Angriffs.

Ein dänischer Major, Vibe Michelsen, nimmt uns mit in den litauischen Wald, der Jeep rast über schmale Forstwege. Mitten im Wald treffen wir auf schweres Gerät, gepanzerte Fahrzeuge, Gefechtsstände, Soldaten mit in Tarnfarbe geschminkten Gesichtern. Hier wird gerade der Ernstfall trainiert: “Unser Auftrag ist es, die Interoperabilität mit unseren NATO-Partnern zu üben”, erklärt Michelsen, “so dass wir in Gruppen zusammenarbeiten und geschlossen kämpfen können.”

Einerseits wirkt Major Michelsen recht zufrieden: “Wir haben es geschafft, 400 Militärfahrzeuge und 1400 Soldaten aus Dänemark hierherzubringen.” Doch der Transport per Schiff, von Dänemark bis zum litauischen Hafen Klaipeda, kostet Zeit, viel Zeit. Auf NATO-Ebene wird darum diskutiert ob und in welchem Umfang schweres Material, gepanzerte Fahrzeuge, Waffen direkt in Polen, Litauen, Lettland und Estland deponiert werden sollten. Militärs wie Michelsen sind dafür, bezeichnen es als nützlich, wenn sie ihre Aufgabe – Verteidigung gegen einen Angriff – erfolgreich ausführen wollen. Auch die Regierungen Polens und der baltischen Staaten fordern umfangreiche Waffen- und Materialdepots der NATO auf ihrem Boden. Doch einige NATO-Regierungen zögerten, es geht auch um ein politisches Signal: soll man sich Russland gegenüber konziliant verhalten oder ein “starkes Signal” an Moskau schicken? Diese Frage beherrschte die interne NATO-Debatte der vergangenen Monate und Jahre.

Während Russland bei seinen Militärmanövern oft weit über 100.000, gelegentlich bis zu 150.000 Soldaten aufmarschieren lässt, begnügt sich die NATO meist mit zehnmal weniger: Im Juni, kurz vor dem NATO-Gipfel in Warschau, übten 10.000 NATO-Soldaten im Rahmen des Manövers “Säbelhieb” den Verteidigungsfall im Baltikum. Der litauische Teil des NATO-Manövers nennt sich “Eiserner Wolf”, daran nahmen Truppen aus Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Litauen, Dänemark und aus den USA teil. Kurz zuvor organisierte Polen das Großmanöver Anakonda mit 25.000 Soldaten aus 22 teilnehmenden Staaten

Die NATO-Mitglieder haben das Vertrauen in die Berechenbarkeit russischer Entscheidungen verloren. Auch darum baten die baltischen Staaten und Polen um eine verstärkte NATO-Präsenz. Gastgeberland Litauen ist zufrieden mit dem Manöververlauf. Hier im Wald kommandiert Kapitän Navasaitis Algirdas. Seine Bilanz: “Die Zusammenarbeit klappt ganz hervorragend und bei der Kooperation der unterschiedlichen Staaten und Streitkräfte gibt es nicht die geringsten Schwierigkeiten.” Algirdas findet es gut und notwendig, dass die NATO die Entwicklungen in Osteuropa genau beobachtet – und sich auf jeden denkbaren Fall vorbereitet.

Die NATO wird 4000 Soldaten im Baltikum und in Polen stationieren. Kanada, Grossbritannien, die USA und Deutschland übernehmen die Führung der vier Bataillone. Diese NATO-Truppenpräsenz in Estland, Lettland, Litauen und Polen ist etwas Neues – und wird von Russland scharf kritisiert: angeblich widerspreche das zwischen Russland und der NATO getroffenen Abmachungen. Die NATO verneint das, die Zahl der im Osten stationierten Soldaten sei insgesamt relativ gering und ausserdem handele es sich genau genommen nicht um eine permanente Stationierung, da die Truppen nach einem ausgeklügelten Rotationsprinzip regelmäßig ausgetauscht würden.

Hier im litauischen Wald treffen wir auch amerikanische Luftlandetruppen, Gewehr im Anschlag liegen sie hinter Bäumen und Büschen, sichern ein in der Manöverübung “Eisen-Wolf” umkämpftes Gebiet. Wir fragen US-Offizier Christopher Salisbury nach seinem Auftrag: “Im Zusammenspiel mit unseren Partnern üben wir seit fünf Tagen Bewegungskampf, Angriffs- und Verteidigungsoperationen. – Es hat sich herausgestellt, dass die Kommunikation mit den Partner-Nationen gut funktioniert, bislang.” Salisbury und seine Fallschirmtruppen sind üblicherweise in Italien stationiert, im Krisenfall werden sie innerhalb weniger Stunden eingeflogen. Erster Teil der Übung für Salisbury und seine US-Soldaten war die Sicherung einer (laut Manöverplanung) bedrohten Landepiste im Herzen Litauens über die weiterer Nachschub an Truppen und Material herangeschafft werden kann.

Polen, Estland, Litauen und Lettland bemängeln, dass die vier Bataillone, die nun hier stationiert werden sollen, nicht ausreichen, einen russischen Einmarsch abzuwehren. Doch durch die 4000 hier stationierten NATO Soldaten verlöre ein Angreifer Zeit… die NATO könnte Truppennachschub organisieren. Darüber hinaus sind die vier multinationalen Bataillone auch ein politisches Signal an Moskau: die NATO verteidigt im Ernstfall jedes Mitglied, auch Estland, Litauen und Lettland.

Die Führung des NATO-Bataillons in Litauen wird Deutschland übernehmen. Bereits während der Übung “Eiserner Wolf” war Deutschland mit dabei. Im Wald, hinter einer eingefallenen Hausruine, treffen wir einen deutschen Schützenpanzer und Oberstleutnant Marc-Ulrich Cropp, er ist der Chef hier: “Für uns stellt es mittlerweile keine Herausforderung mehr dar, das Material über weite Strecken mit der Bahn, das Personal durch die Luft und teilweise spezielles Gerät über Land zu transportieren.”

Nach einigen Stunden Fahrtzeit kommen wir nach Tarauge. In der Stadt im Norden Litauens werden heute 392 jungen Litauer öffentlich auf dem Marktplatz vereidigt. Auch sie haben die “Eisenwolf”-Übung beendet… und ihren Wehrdienst. Verabschiedet werden sie mit Militärmusik, Angehörige und Freundinnen bringen Rosen, der Verteidigungsminister hält eine Rede und verteilt Auszeichnungen.

Auch Sergei bekommt vom Verteidigungsminister eine Urkunde – seine Eltern sind stolz auf ihren Sohn und die öffentliche Ehrung.Sergei gehört der russischsprachigen Minderheit an. Als Litauen den Militärdienst 2015 wiedereinführte, meldete sich Sergei freiwillig. Jetzt nimmt er Abschied von der “Eisenwolf”-Kaserne. Wir dürfen ihn mit der Kamera begleiten: Abgabe des Gewehrs, des Helms, der Uniform. Aus dem Spind holt Sergej seinen geliebten Lautsprecher und packt ihn in seine Tasche. Bevor er sich freiwillig meldete – und dadurch seinen Wehrdienst zu einem selbst bestimmten Zeitpunkt absolvieren konnte – war Sergei ein knappes Jahr in Großbritannien, legte in einem Club Musik auf und schuftete in einer Hühnerfabrik.

Bedauert er die Rückkehr nach Litauen und seine Wahl, sich zum Wehrdienst zu melden? Nein, sagt Sergei Kulikov, ganz und gar nicht: “Ich habe richtig entschieden. Diese neun Monate Wehrdienst haben mich verändert. Ich verstehe nun, dass es auf jeden Einzelnen ankommt, auch wenn es um das Schicksal eines ganzen Landes geht. Wir kämpfen nicht alleine, wir sind Tausende. Wir können Litauen verteidigen.”

Abschied nehmen – das gilt auch für die Zeit ständig sinkender Verteidigungsbudgets: 16 der 28 NATO-Staaten geben mehr Geld aus fürs Militär – auch Litauen.

Sergeis Familie lebt auf dem Land, in einem kleinen Dorf. Er lädt uns ein. Nach einer fast vierstündigen Autofahrt kommen wir an: ein wohnlich wirkendes Holzhaus, ein riesiger Garten, ein aufgebocktes Auto, ein Basketball hinter einem gemütlichen Gartenpavillon – dort hat sich Sergeis Familie versammelt, Freunde kommen vorbei, es gibt Kaffee und Pralinen.

Sergeis Vater ist Lokomotivführer, arbeitet bei der litauischen Eisenbahn, bedient Fernzüge. Anatolii kommt weit herum: nach Lettland, Weißrussland… Auch er leistete zu seiner Zeit Wehrdienst, zwei Jahre lang. Damals gab es noch die Sowjetunion. Nach der Grundausbildung sicherte er als Panzerfahrer die Südgrenze der Sowjetunion. Was hält Anatolii von der Wiedereinführung des Wehrdienstes in Litauen?

Anatolii Kulikov: “Eine gute Sache. Jeder taugliche junge Mann sollte Militärdienst leisten. Oft ist es so, dass junge Menschen keine Arbeit haben, viele haben Schwierigkeiten, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, wie verwöhnte Kinder. Denen täte der Wehrdienst gut, das ist eine Schule für’s Leben.”

Litauen wurde 2004 in die NATO aufgenommen, in einigen russisch-sprachigen Familien immer noch ein widersprüchlich diskutiertes Thema. Sergeis Vater möchte sich uns gegenüber nicht dazu äußern, NATO – das sei Sache der Politiker. Sein Sohn Sergei selber hat kein Problem damit: “Ich denke, es ist was Positives, dass Litauen mit der NATO Hand in Hand arbeitet. Ich habe meinen Militärdienst im Batallion “Eiserner Wolf” geleistet, das hat mich voll motiviert – deshalb habe ich mir auch einen eisernen Wolf auf die Brust tätowieren lassen. Es ist super, dass Litauen Mitglied der NATO ist.”

Sergeis Zukunftspläne? In ein paar Tagen will er eine Bewerbung losschicken. Sein Traum: Berufssoldat.

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