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Stevia: Süß und umstritten

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Stevia: Süß und umstritten

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Süßer als Zucker, ohne Kalorien und nicht schädlich für die Zähne: Das verspricht der Süßstoff Stevia. Er wird aus einer kleinen Pflanze gewonnen, die ursprünglich aus Südamerika stammt, aber heute auch andernorts, zum Beispiel in Malaga angebaut wird. Immer mehr Landwirte in Spaniens heißem Süden satteln auf den Stevia-Anbau um, weil das mehr einbringt.

Sergio Martín, Landwirt: “Vorher habe ich Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Kartoffeln angebaut. Aber die Aussichten für diese Art von Landbau sind düster. Deswegen bin ich auf eine andere Anbauform umgestiegen. Denn Stevia ist eine Pflanze, die nicht von Schädlingen befallen wird und dreimal im Jahre geerntet werden kann. Wir haben vor vier Jahren gesät und mussten bis jetzt kein weiteres Mal aussäen.”

Die konzentrierte Süße, die aus Stevia gewonnen wird ist 200 bis 300 Mal süßer als gewöhnlicher Haushaltszucker, aber enthält praktisch keine Kalorien und wird bei einer zuckerarmen Diät empfohlen. Besuch er der spanischen Fabrik Stevigran, in der der Ersatzzucker gewonnen wird. Der Betreiber der Anlage erläutert den Prozess.

José Luís Rosua: “Wir erhalten kiloweise trockene Blätter, die wir erhitzen, um die Inhaltsstoffe zu extrahieren. Nach dem ersten Erhitzen erhalten wir dieses Produkt, das noch nicht der Europäischen Reglementierung entspricht. Wir müssen es filtern. Dieser Prozess findet in mehreren Etappen statt, mit Mikro-, Nano- und Ultrafiltern, bis wir ein gereinigtes Produkt erhalten. Dieses kann in verdünntem Zustand vermarktet werden, so lange es 95 Prozent Steviolglcosid enthält. Es wird normalerweise als reines Steviapulver angeboten.”

Nicht ganz so perfekt, wie behauptet

Das Unternehmen verwandelt das Pulver zu Süßstofpastillen – eine Alternative zu Zucker. Immer mehr Produkte mit dem Pflanzensüßstoff stehen in unseren Supermarktregalen, seit er 2011 in der EU als Lebensmittelzusatzstoff unter dem Kürzel E 960 zugelassen wurde. Man findet Stevia in Milchprodukten, Getränken und Marmeladen. Ganz so perfekt, wie behauptet, ist der Ersatzzucker aber auch nicht. Ernährungswissenschaftler warnen vor übermäßigem Verbrauch und fordern weiterreichende Untersuchungen über die Auswirkungen von Stevia auf den Organismus.

José Miguel Mulet, Polytechnische Universität Valencia: “Man findet es in vielen Supermarktprodukten, sollte aber sorgfältig auf das Etikett schauen. Wenn Stevia drauf steht, bedeutet es, das Inhaltsstoffe dabei sind, nicht aber die Pflanze ansich, weil sie nicht für den Verzehr zugelassen ist. Das Problem mit der Pflanze ist, dass sie pharmakologische Auswirkungen hat. Sie kann zu Unfruchtbarkeit beim Mann führen und den Blutdruck senken, unter Umständen auf bedrohliche Weise.

Ein anderes Problem, ist das Stevia Diabetikern als Heilmittel empfohlen wird, was ein großer Fehler ist. Stevia kann kein anderes Diabetes-Mittel ersetzen. Es handelt sich lediglich um einen Süßstoff, der für Diabetiker geeignet ist, weil ser nicht den Blutzuckerspiegel erhöht wie Saccharin oder Aspartam.”

Zulassungspflichtig oder nicht?

Die Vermarktung der Steviapflanze und ihrer Blätter ist in der EU nach vor verboten. Für einen Präzedenzfall sorgte eine deutsche Molkerei, die vor Gericht erstritt, dass es sich bei ihren mit Stevia-Tee gesüßten Joghurts um kein neuartiges und damit auch nicht um zulassungspflichtiges Lebensmittel handelte. Die spanischen Stevia-Produzenten fordern dasselbe Recht für alle.

Leovigildo Martín, APYCSA (Vereinigung der Vertreiber von Stevia-Produkten in Andalusien): “Stevia wird in Europa als traditionelles Lebensmittel konsumiert, ist also kein neuartiges Lebensmittel. Die EU sollte dieses Dossier schließen, damit die Bürger ebenso Stevia verkaufen und verzehren können, wie Tee oder Kamille.”

Kritische Stimmen bemängeln schließlich, dass der Zuckerersatz Stevia zum größten Teil ein Industrieprodukt ist, das unter Verwendung chemischer Stoffe entsteht. Dennoch werben viele Lebensmittelhersteller mit dem Bild einer Steviapflanze und dem natürlichen Ursprung des Süßstoffs.

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