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Sexistische Kommentare auf der Straße: In Portugal kein Kavaliersdelikt mehr

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Sexistische Kommentare auf der Straße: In Portugal kein Kavaliersdelikt mehr

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Anmache, Pfiffe oder sexistische Bemerkungen auf der Straße: Welche Frau hat das nicht schon mal erlebt? In Portugal ist diese Art von verbaler sexueller Belästigung inzwischen strafbar. Doch das neue Gesetz ist umstritten – und in der Gesellschaft setzt sich das Bewusstsein für dieses Delikt noch nicht durch.

In Porto, Portugals zweitgrößter Stadt, findet man ohne Probleme Frauen, die schon mal auf der Straße mit sexistischen Bemerkungen belästigt wurden:

“Sie sagen: “Komm, steig mit mir in die Kiste” oder beleidigen uns “hey, bist du scharf”, solche Dinge, die wirklich unangenehm sind.”

“Ein viel älterer Mann sagte zu mir, du bist scharf, komm zu mir! Ich bin weggelaufen, weil ich Angst bekommen habe.”

“Ich fühle mich beschmutzt, denn keiner möchte gern so angemacht werden von jemandem, den man nicht kennt. Und wenn ältere Männer dir so etwas hinterherrufen, ist es noch schlimmer, es ist ekelhaft. Wir könnten ihre Töchter oder sogar Enkelinnen sein!”

All diese jungen Portugiesinnen wurden in den vergangenen Monaten auf der Straße verbal sexuell belästigt. Da nützt es auch nichts, dass dies seit dem vergangenen Jahr in Portugal unter Strafe steht. Der Artikel 170 des portugiesischen Strafgesetzbuchs wurde geändert, und nun werden “verbale Vorschläge sexuellen Inhalts mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe von bis zu 120 Tagessätzen” bestraft. Bei Opfern unter 14 Jahren können es sogar drei Jahre Haft werden. Ziel ist, vor allem Minderjährige zu schützen, die solchen Belästigungen besonders wehrlos ausgesetzt sind.

Mehr dazu:
www.info.arte.tv
auf portugiesisch: expresso

Nachträglicher Beweis für Anmache auf der Straße schwierig

Soweit das Gesetz. Die Praxis ist komplizierter.
Strafrechtsexperte André Lamas Leite: “Um eine Verurteilung zu erreichen, müssen wir erstens beweisen, dass das Opfer von der Bemerkung belästigt wurde. Und zweitens, dass es eine Äußerung sexuellen Inhalts war. Wenn jemand einer Frau sagt, dass sie gut aussieht, oder ein Kompliment über einen Körperteil der Frau macht, ist das keine Formulierung mit sexuellem Inhalt.”

Was man hier Piropo nennt – Kompliment – ist in Portugal gang und gäbe. Weiterhin. Der Ausruf “Es toda boa!”, der übersetzt so viel heißt wie “Hey, du bist scharf!”, bleibt auch weiterhin straffrei, trotz der Gesetzesänderung. Weil im Portugiesischen der Inhalt nicht offen sexuell ist.

Sexuelle Belästigung, Flirt oder freie Meinungsäußerung?

Hinzu kommt, dass viele Frauen nicht einmal von der Gesetzesänderung gehört haben.
Und der Vorstoß wurde der Öffentlichkeit schlecht verkauft: Etliche Portugiesen verstanden die Gesetzesänderung als Versuch, ihnen die in Portugal üblichen Komplimente zu verbieten – also die freie Meinungsäußerung. Ihnen das Flirten zu verbieten – das gab schlicht Anlass zu Spott. Die Befürworter wollten hingegen erst einmal in der Gesellschaft das Bewusstsein für diese Art von sexueller Belästigung schärfen. Absolut nötig, meint auch Strafrechtsexperte Lamas Leite. Viele Verurteilungen nach diesem Gesetz erwartet er aber nicht: “Erstens ist es ein Verbrechen, das angezeigt werden muss, und den meisten ist gar nicht bewusst, dass solche Bemerkungen mit sexuellem Inhalt ein Verbrechen sind. Außerdem nehmen viele solche Kommentare eher als einen Flirt, eine Anmache, sogar als ein Kompliment wahr.”

Wir fragten bei der Polizei, ob schon Anzeigen eingegangen seien, bekamen aber keine Zahlen, da laut Behörden die Anzeigen nicht nach verbaler oder körperlicher sexueller Belästigung unterteilt werden. Bei der Polizei speziell in Porto wurde noch kein solcher Fall gemeldet.

In den Köpfen muss sich erst einmal etwas ändern

Die Frauenrechtsorganisation UMAR kämpft in Portugal seit Jahren dafür, die verbale sexuelle Belästigung strafbar zu machen. Doch mit der aktuellen Gesetzeslage sind die Frauen hier nicht zufrieden, sie sei zu unübersichtlich, zu viele verschiedene Artikel im Strafrecht: “Die Gesetzesänderung reicht nicht zum Schutz der Opfer, was die Beweislage für das Delikt angeht. Wir wollen, dass sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz in einem einzigen, umfassenden Gesetz strafbar gemacht wird”, sagt UMAR-Mitglied Tatiana Mendes.

Ihnen ist klar, dass Gesetze allein nicht reichen, um etwas in den Köpfen zu ändern. Deshalb führt UMAR Aufklärungskampagnen in Schulen durch, um schon bei den Kindern das Bewusstsein für Diskriminierung und sexuelle Agression zu schärfen. Kleine Fortschritte sehen sie, zumindest bei der Jugend: Bei 13 Prozent der Schüler zwischen 12 und 18 Jahren habe sich in den Umfragen vor und nach mehrjährigen UMAR-Projekten die Einstellung zu geschlechtsspezifischer Gewalt geändert.

Mehr dazu:
Brüll zurück
“www.emma.de”: http://www.emma.de/artikel/gegenwehr-bruell-zurueck-265335
Frauen gegen Gewalt e.V.

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