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Sexuelle Belästigung: Strafgesetze allein reichen nicht

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Sexuelle Belästigung: Strafgesetze allein reichen nicht

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Mehr als die Hälfte der Frauen sind einer europaweiten Erhebung zufolge seit ihrem 15. Lebensjahr schon mindestens einmals sexuell belästigt worden. Vor allem Frauen aus Nordeuropa berichten darüber – hier redet man offener über so etwas. Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte in Wien befragte 42.000 Frauen für ihre Studie zu sexueller Gewalt. Joanna Goodey, Leiterin der Abteilung Freiheiten und justizielle Rechte bei der Grundrechte-Agentur, erläutert, warum gerade viele gebildete, beruflich erfolgreiche Frauen sexueller Belästigung zum Opfer fallen.

Sophie Claudet, euronews:
“In Ihrer Studie, die 2014 veröffentlicht wurde, steht, dass jede zweite Frau in der EU schon einmal sexuell belästigt wurde. Ganz oben auf Liste findet man Schweden und Dänemark mit 80 und 81 Prozent Frauen, die von sexueller Belästigung berichten. Das widerspricht dem landläufigen Bild von den skandinavischen Ländern, in Sachen Geschlechtergleichheit sehr fortschrittlich zu sein.”

Joanna Goodey, EU-Agentur für Grundrechte:
“Bei einem höheren Grad an Gleichberechtigung der Geschlechter kann man damit rechnen, dass die Frauen bestimmte Verhaltensweisen nicht hinnehmen. Wenn in einigen Ländern Gleichberechtigung über Jahre oder Jahrzehnte üblich ist, sind die Frauen auch eher bereit, über ihre Erlebnisse zu sprechen und zu sagen, dass bestimmte Handlungen inakzeptabel sind. Und sie sind offener, mit einem Interviewer bei einer Umfrage über solche Erfahrungen zu sprechen. In anderen Ländern wird es immer noch als Privatangelegenheit angesehen, wenn eine Frau sexuell belästigt wird. Wir haben bei unserer Erhebung zum Beispiel festgestellt, dass die Frauen in südlichen und südöstlichen Ländern Europas oft weniger gewillt sind, über Erfahrungen wie häusliche Gewalt mit Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten zu sprechen. Während sie in skandinavischen Ländern offener darüber reden. Da ist das etwas, das man nicht verbergen muss. Und deshalb waren die Frauen in der Studie eher bereit zu sagen, ja, das ist mir passiert, das ist nicht akzeptabel.”

euronews:
“Der Studie zufolge läuft eine Frau umso mehr Gefahr, sexuell belästigt zu werden, je gebildeter und beruflich arrivierter sie ist. Warum?”

Joanna Goodey:
“Wenn Frauen aufsteigen, arbeiten sie wahrscheinlich in einer normalerweise männerdominierten Berufswelt. Wenn Sie zum Beispiel in der Wirtschaft arbeiten oder im Finanzwesen, oder wenn Sie Firmendirektorin werden, dann fordern Sie die Geschlechterstereotype heraus. Außerdem arbeiten Sie in höheren Positionen mit mehr Männern zusammen, so steigt das Risiko der Gewalt. Wenn Frauen in typischen Frauenberufen mit vielen Frauen zusammenarbeiten, in der Pflege und in der Kinderbetreuung zum Beispiel, dann stellen sie die Geschlechternormen nicht so in Frage. Außerdem: Je gebildeter eine Frau ist, desto mehr ist ihr wahrscheinlich auch bewusst, dass bestimmte Verhaltensweisen inakzeptabel sind. Desto weniger ist sie gewillt, sich mit bestimmten Verhaltensweisen abzufinden.”

euronews:
“Wie können wir sexuelle Belästigung eingrenzen oder stoppen?”

Joanna Goodey:
“Seit mehreren Jahren gibt es Gesetze zur Gleichberechtigung, und diese umfassen auch sexuelle Belästigung. Das Problem ist, wenn man ein Gesetz hat, muss man ihm auch Geltung verschaffen, man muss den Leuten die Gesetzeslage bewusst machen. Wir haben außerdem eine neue Konvention vom Europarat, die Istanbul-Konvention, in der sexuelle Belästigung ebenfalls angesprochen wird. Mehrere EU-Staaten haben sie unterzeichnet und ratifiziert. Aber man muss die Leute in dieser Frage erziehen. Erziehung ist etwas für Jungen und Mädchen, für Männer und Frauen klassenübergreifend, für Arbeitgeber – viele, viele Akteure müssen da mit eingebunden werden, damit das bestehende Gesetz auch in der Realität wirken kann.”

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