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Italiens Banken nach dem Stresstest

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Italiens Banken nach dem Stresstest

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Italiens größtes Sorgenkind hatte vorgesorgt. Nicht einmal eine Stunde vor Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse präsentierte die kriselnde Bank Monte dei Paschi di Siena einen milliardenschweren Rettungsplan. Kurz darauf stand fest, dass die angeschlagene MPS im Stresstest wie erwartet das schlechteste Zeugnis erhält. Obwohl das Geldhaus seine Schwierigkeiten angehen will und die anderen italienischen Institute nicht so schlecht abschnitten wie befürchtet: Die grundlegenden Probleme bleiben.

Die 1472 gegründete Monte dei Paschi will mehr als die Hälfte ihrer faulen Kredite abgeben und eine Kapitalerhöhung über fünf Milliarden Euro umsetzen. Der Berg fauler Kredite in Höhe von insgesamt etwa 360 Milliarden Euro ist eines der größten Probleme italienischer Banken. Der Wert entspricht etwa einem Drittel all dieser Kredite mit hohem Ausfallrisiko in der EU und ist auch ein Erbe der jahrelangen Rezession, unter deren Folgen die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone noch immer ächzt. «In Italien leiden die Banken weiter unter der Wirtschaftskrise des´Landes. Es fehlt Wachstum, um Erträge zu erzielen und Verluste aus faulen Krediten auszugleichen. Dieses Problem bleibt bestehen», sagte Martin Hellmich, Bankenprofessor für Risikomanagement an der Frankfurt School of Finance, der Deutschen Presse-Agentur. Italiens Regierungschef Matteo Renzi urteilte am Sonntag, das Problem der faulen Kredite zu lösen, sei die «beste Wachstumsmaßnahme». Denn die Banken stecken in einem Teufelskreis: In ihrer Situation können sie keine neuen Kredite gewähren, was das Wirtschaftswachstum bremst. Doch gerade die Geldhäuser sind wiederum auf eine florierende Wirtschaft angewiesen, um ihre Bilanzen aus eigener Kraft zu stärken. Auch Philipp Wackerbeck, Strategieberater und Bankenexperte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC, betont: «Die italienische Bankenkrise ist damit aber nicht überstanden. Der Markt wird weiter Druck auf sie ausüben, ihre Bilanzen zu bereinigen.» Beim Stresstest 2014 waren neun italienische Banken durchgefallen. Leider sei im Nachgang wenig passiert, um die Schwächen der Institute zu beheben, kritisiert Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Privatbankenverbandes BdB. Auch die Experten Daniel Gros und Willem Pieter de Groen vom Brüsseler Think Tank CEPS urteilen: «Die italienischen Banken sind bei allen bisherigen europäischen Stresstests seit 2010 gescheitert oder waren nah dran.» Analysten sehen weitere tiefgreifende Probleme in Italien. An vielen Stellen gibt es jahrelanges Missmanagement und Vetternwirtschaft, für die niemand zur Rechenschaft gezogen werde. Dazu kommt eine viel zu laxe Kreditvergabe, darüber hinaus ist der Bankensektor völlig überdimensioniert, stark zersplittert und wenig effizient. Politik und Banken sind in Italien eng miteinander verwoben – aus einer Bankenkrise könnte daher auch schnell eine Staatskrise werden. Das Problem der Banken beschäftigt die Regierung schon seit Monaten. Renzi steht innenpolitisch stark unter Druck, oberste Priorität hat für ihn, Kleinanleger bei möglichen Bankenrettungen zu verschonen – was jedoch den EU-Regeln widerspricht. «Ich will nicht, dass die Bürger von heute für die Verantwortung der Politik aus der Vergangenheit zahlen müssen», sagte er der Zeitung «La Repubblica». Vergangenes Jahr brachte sich in Italien ein Rentner um, der bei einer Bankenrettung all seine Ersparnisse verloren hatte – und viele Wähler gaben der Regierung die Schuld dafür. Seine Priorität sei es, «Kontoinhaber und den Sparer zu schützen», die nach EU-Regeln bei einer Bankenrettung zahlen müssten, sagte Renzi. «Sie sollen wissen, dass es in Italien eine Regierung gibt, die sich um sie kümmert.» In Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten wächst die Angst vor einem politisch instabilen Italien. Im Herbst steht das wichtige Referendum über die geplante Verfassungsreform an, das Renzi mit seinem eigenen Schicksal verknüpft hat. Im Falle einer Niederlage könnten Italien Neuwahlen drohen – ein Schreckensszenario für die EU, da dann möglicherweise die europakritische und unberechenbare Fünf-Sterne-Bewegung an die Macht kommen könnte.

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