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Kann man die Türkei mit Nazi-Deutschland vergleichen?

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Kann man die Türkei mit Nazi-Deutschland vergleichen?

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Schon seit einigen Wochen ist der Vergleich aufgetaucht – und nicht nur in den sozialen Medien. Doch seit einigen Tagen vergleichen nicht nur vehemente Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sein Vorgehen nach dem Putschversuch vom 15. Juli mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933.

Gegen solche Vorwürfe setzt sich Recep Tayyip Erdogan immer wieder zur Wehr. Er sei weder ein Alleinherrscher, noch ein Despot, erklärte der türkische Präsident auch an diesem Wochenende. Erdogan war in einer Direktwahl der Bürger am 10. August 2014 mit 51,79 % der Stimmen zum Präsidenten der Türkei gewählt worden.

An diesem Sonntag äußerte sich der FDP-Vorsitzende Christian Lindner in einem Interview zu Erdogan mit den Worten: “Wir erleben einen Staatsputsch von oben wie 1933 nach dem Reichstagsbrand: Er baut ein autoritäres Regime auf, zugeschnitten allein auf seine Person.”

Die Brandstiftung im Reichstag von Berlin 1933 war entscheidend für die Machtergreifung von Adolf Hitler und für die Nationalsozialisten ein Vorwand, um brutal gegen ihre politischen Gegner – und auch gegen die Juden vorzugehen. Während der Nazi-Herrschaft bis 1945 wurden mehr als 6 Millionen Juden ermordet und Andersdenkende systematisch bekämpft.

In der Türkei sind nach dem Putschversuch Zehntausende mutmaßlich Verantwortliche festgenommen und mehr als 60.000 Staatsbedienstete suspendiert worden.

Das türkische Staatsfernsehen hat die Versammlung “für die Demokratie und die Märtyrer” in mehrere Sprachen übersetzt live auf Youtube übertragen. Wobei das Vokular der Übersetzung wie die Bezeichnung für Recep Tayyip Erdogan als “Führer des türkischen Volkes” für deutsche Ohren durchaus gewöhnungsbedürftig war.
An der historischen Kundgebung in Istanbul an diesem Sonntag, auf der Staatspräsident Erdogan als Hauptredner auftreten sollte, nahmen auch Vertreter der türkischen Oppositionsparteien teil – nicht eingeladen war die pro-kurdische HDP, obwohl sich auch ihre Politiker gegen den Putschversuch gestellt hatten. Erdogan wirft der HDP, der zweitgrößten Oppositionspartei im Parlament, Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor.

Das harte Vorgehen Erdogans gegen mutmaßliche Putschisten wurde in der EU kritisch betrachtet. Allein der vom türkischen Präsidenten gebrauchte Begriff der “Säuberungen” verleitete zu den Vergleichen mit der NS-Zeit.

Wie zuvor der Österreichs Kanzler Christian Kern und Außenminister Sebastian Kurz forderte auch FDP-Chef Lindner ein Ende der Beitrittsgespräche der EU mit der Türkei.

Auf Twitter tobt die Schlacht zwischen Gegnern und Befürwortern des türkischen Präsidenten schon seit langem.

Auch auf der Euronews Facebook-Seite gibt es immer wieder Anspielungen. Das schreibt eine Zuschauerin unter dem Beitrag zur Anti-Putsch-Demonstration von Istanbul.

Zuweilen gibt es aber auch kritische Stimmen, die sich beispielsweise hinter die Forderung des deutschen Außenministers und der EU-Kommission stellen, die Beitrittsgespräche mit der Türkei nicht plötzlich abzubrechen.

In den sozialen Medien nennen zahlreiche User den türkischen Präsidenten “Erdolf” oder “Erdowahn”. Auch im Extra3-Video war ja von Erdowie, Erdowo die Rede gewesen. Diese satirische Kritik liegt inzwischen vier Monate zurück. Viel ist in der Türkei seither geschehen, doch dass Nazivergleiche wirklich helfen, die Ereignisse zu analysieren, daran sind Zweifel wohl angebracht.

Aus der Geschichte lernen, das ist sicher sinnvoll, wie in deutschen Schulen seit Jahrzehnten gelehrt wird – als Konsequenz aus der Nazizeit mit ihren unvorstellbaren Gräueltaten. Ist die Zeit wirklich vorbei, in der Deutsche – gerade wegen der Geschichte – mit Nazivergleichen und Kritik am Ausland besonders vorsichtig sein sollten?

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