Eilmeldung

Sie lesen gerade:

Gemeinsam oder getrennt? Zwillinge in der Schule

learning world

Gemeinsam oder getrennt? Zwillinge in der Schule

Mit Unterstützung von

Sollten Zwillinge besser in dieselbe Schulklasse gehen oder in verschiedene? Welche Argumente sprechen dafür und dagegen, wie entscheiden die Eltern? In einer bosnischen Kleinstadt, der selbst ernannten “Stadt der Zwillinge”, vertreten Lehrer und Eltern die Meinung, dass die Kinder besser zusammen unterrichtet werden. In England begleiteten wir ein Zwillingspaar, das auf verschiedene Schulen geht, und befragten eine Expertin zum Thema.

Zwillinge motivieren sich gemeinsam mehr und helfen sich bei den Hausaufgaben

In der bosnischen Stadt Buzim mit ihren rund 20.000 Einwohnern trifft man auf besonders viele Zwillingspaare. In der Grundschule allein finden sich zwanzig. Nach Erfahrung der Lehrer ist es für die Kinder in den ersten Schuljahren leichter, wenn sie in dieselbe Klasse gehen. Schließlich haben sie sich zuvor, als Kleinkinder, meist als unzertrennlich erlebt.

“Sie sind gern zusammen. Sie beharren vielleicht nicht darauf, aber wir kennen ihre Bedürfnisse normalerweise ziemlich gut, und dazu gehört auch, zusammen in derselben Klasse zu sein. Sie teilen ihre Bücher und Schulsachen und sie lernen auch gerne zuhause zusammen”, hat Lehrerin Emina Alesevic beobachtet.

Gemeinsam beschulte Zwillinge motivierten und ermutigten sich besser gegenseitig, ist die Erfahrung hier. Buzims Bürgermeister Agan Bunic will das Potenzial der vielen Zwillinge in der Stadt noch weiter ausschöpfen: “Unsere Aufgabe ist, Buzim als ‘Stadt der Zwillinge’ zu fördern, wir wollen hier Zwillingstreffen und -konferenzen veranstalten, sowohl auf nationalem wie internationalem Level. Wir hoffen, dass wir dadurch Leute von außerhalb anlocken können, inklusive Wissenschaftler, und das wäre für alle von Nutzen.”

Buzims Zwillinge gehen sowohl in der Grund- als auch in der weiterführenden Schule in dieselbe Klasse – und das meist aus freien Stücken. Das hat gelegentlich noch einen anderen Vorteil für sie, erklärt die Lehrerin Emina Alesevic: “Wenn sie sich sehr ähnlich sehen, bei Schwester- oder Brüderpaaren, dann tauschen sie manchmal einfach die Plätze und der eine von ihnen beantwortet die Frage für den anderen, der die Anwort nicht weiß.” Von Nachteil ist, das wissen viele verwechselbare Zwillinge aus Erfahrung, dass sie auch gelegentlich die Schelte für den anderen miteinstecken müssen.

Nach den ersten gemeinsamen, unzertrennlichen Jahren entdecken die Zwillinge auch in Buzim allmählich ihre Individualität. Die älteren sieht man dann schon auf getrennten Wegen zur Schule gehen – jeder lieber mit seinen eigenen Freunden.

Getrennte Klassen ermöglichen Zwillingen mehr Individualität

In Großbritannien treffen wir auf Harvey und Emily, 13 Jahre alt und als Zwillinge nichts Außergewöhnliches: In den Industrieländern hat sich die Zahl der Zwillings- und Mehrlingsgeburten in den vergangenen vierzig Jahren teilweise fast verdoppelt. Die auf Mehrlinge spezialisierte Erziehungswissenschaftlerin Pat Preedy erklärt, warum: “Erstens haben Fruchtbarkeitsbehandlungen zugenommen – mehr Menschen können jetzt darauf zurückgreifen. Zweitens gibt es mehr Spätgebärende – die Leute beginnen später mit der Familienplanung. Und ältere Frauen neigen dazu, mehr als einen Eisprung in einem Zyklus zu haben. Hinzu kommt, dass Mehrlinge oft zu früh geboren werden. Und heute ist die medizinische Versorgung von Frühgeborenen besser und damit die Überlebensrate für Mehrlinge wie insgesamt für Frühgeborene höher.”

Bei der Entscheidung, ob die Zwillinge getrennt oder gemeinsam eingeschult werden sollten, empfiehlt Pat Preedy den Eltern, sich die individuellen Bedürfnisse eines jeden Kindes genau anzusehen, und andererseits die Beziehung zwischen den beiden Kindern. Sie hat bei ihrer Forschung drei Beziehungskategorien ausgemacht:
“Die eine Kategorie sind die ‘eng Verbundenen’: oft fast identische Zwillinge, die gleich aussehen und sich sehr ähnlich verhalten. Das Gegenstück sind die extrem individuellen Paare, die nicht gern Zwilling sind, die sich oft dagegen auflehnen und darum kämpfen, sich als Individuen entwickeln zu können. Dann gibt es dazwischen noch eine große Gruppe, die ich als ‘ausgereifte Abhängige’ bezeichne: Zwillinge, für die es nicht das Wichtigste der Welt ist, dass sie Zwillinge sind. Es ist ein Teil von ihnen, aber sie empfinden sich auch als Individuen.”

Emily und Harvey gehören nach Einschätzung ihrer Eltern in diese dritte Kategorie. Sie gingen zunächst in derselben Schule in verschiedene Klassen, inzwischen wechselte Emily an eine andere Schule. “Wir haben von Anfang an gesagt, dass es besser ist, wenn sie auf verschiedene Schulen gehen”, erklärt ihre Mutter, “und ihr eigenes Leben und ihre eigenen Freunde haben. Wenn sie unabhängig voneinander sind, aber immer noch eng verbundene Geschwister.”

Laut Experten wie Pat Preedy spielen die Eltern die wichtigste Rolle bei der Entwicklung der Kinder. Ob Zwillinge gemeinsam unterrichtet werden, müsse man am besten im Einzelfall entscheiden – das Wichtigste sei, dass die Schule jedes Kind als Individuum behandele: “Ich wünschte mir, dass die Schulen eine Politik verfolgen, die keine ist, d.h. dass sie sich die Bedürfnisse dieser Kinder sowohl als Einzelperson als auch als Mehrling ansehen. Und dann flexibel sind: Also nicht sagen, wir lassen Zwillinge immer zusammen oder wir trennen sie immer. So können sie das Meiste für die Erziehung der Kinder herausholen.”

Nächster Artikel