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Leben mit dem Krieg in der Ostukraine: Nastya (6) verliert ihre Haare

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Leben mit dem Krieg in der Ostukraine: Nastya (6) verliert ihre Haare

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Nicht immer ist der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine in den Schlagzeilen – zu Unrecht, wie die Menschen in den umkämpften Gebieten Tag für Tag schmerzlich erfahren.
Zwei Jahre nach der Annexion der Krim wirft der Kreml der Ukraine vor, Anschläge auf der Krim verüben zu wollen, angeblich mit dem Ziel, die Lage kurz vor den Wahlen in Russland und auf der Krim im September zu destabilisieren. Ein russischer Geheimagent und ein Soldat seien getötet worden. Die Ukraine weist all diese Vorwürfe entschieden zurück. Angesichts der Lage ist der russische Präsident Wladimir Putin davon überzeugt, dass Friedensgespräche für die Ostukraine momentan keinen Sinn machen. Diese waren eigentlich am Rande des G20-Gipfels Anfang September geplant.

Es wird viel darüber spekuliert, was genau passiert ist. Klar ist aber: Die Spannungen zwischen der Ukraine und Russland nehmen nicht erst seit diesen Ereignissen wieder zu. Bereits seit zwei Monaten verschlimmert sich die Lage im abtrünnigen Osten der Ukraine wieder. Das bestätigen internationale Beobachter und NGO-Mitarbeiter vor Ort.

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Die Vereinten Nationen berichten, dass im Juni und Juli 2016 in den Verwaltungsbezirken Donezk und Luhansk 20 Zivilisten getötet und weitere 122 verletzt wurden. Das sind die höchsten Opferzahlen seit 2015.

Trotz des Waffenstillstands sind die Bewohner der sogenannten “Grauen Zone” und angrenzender Gebiete immer noch regelmäßigen Bombardements ausgesetzt. Schwere Waffen, die eigentlich seit dem 2014 vereinbarten Protokoll von Minsk verboten sind, werden weiterhin eingesetzt.

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Euronews-Reporterin Natalia Liubchenkova war in der Stadt Marjinka unterwegs. Marjinka liegt im Donezker Oblast, also dem Donezker Verwaltungsgebiet. Natalia Liubchenkova sprach mit den Bewohnern über deren Alltag seit der Krimannexion.

Vor 2014 wohnten noch 10 000 Menschen in Marjinka. Inzwischen sind viele Bewohner angesichts der andauernden, gewalttätigen Angriffe geflohen. Und obwohl ein paar von ihnen zurückgekommen sind, hat die Stadt heute nur noch 6000 Einwohner.

Seit Kriegsbeginn wurden in Marjinka 39 Zivilisten getötet.

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Die Front ist nur ein paar Hundert Meter von den Wohngebieten Marjinkas entfernt. Die Anwohner mussten sich deshalb daran gewöhnen, regelmäßig in unterirdischen Kellern Schutz zu suchen, ob nun in ihrem eigenen Haus oder anderswo. Solche Keller wurden extra neu gebaut.

Die sechsjährige Nastya und ihre Mutter Inna zeigten der Reporterin einen dieser Keller im Hinterhof ihres Hauses. Früher wurde der Keller dazu genutzt, Lebensmittel zu lagern. Aber seitdem Ausbruch des Krieges muss die Familie ihn während der Bombardierungen als Bunker benutzen.

An underground shelter

Meistens wird nachts gekämpft, wenn die militärischen Beobachtermissionen nicht unterwegs sind. Die Anwohner berichten jedoch, dass auch schon bei Tag gekämpft wurde.

Manchmal verbringen Nastya und ihre Familie nicht nur ein paar Stunden im Schutzkeller, sondern ganze Nächte.

Nastyas Gesundheit leidet sehr unter dem Leben in ständiger Angst – jederzeit könnte sie Explosionen hören. Jederzeit kann es sein, dass sie so schnell wie möglich Schutz suchen muss oder sich verstecken. Irgendwann begannen ihre Haare auszufallen. Zwar konnte ihr das örtliche Krankenhaus weiterhelfen. Nastyas Haare wachsen inzwischen wieder nach. Schlimmer ist ihre psychische Verfassung, es wird wohl noch lange dauern, bis es ihr irgendwann wieder besser geht.

Betroffene Kinder wie Nastya gibt es viele. Am 10. August schlug eine Bombe in einem Haus in Marjinka ein. Zwei Kinder wurden dabei verletzt. Einer der freiwilligen humanitären Helfer, Sergiy Kosyak, teilte diese Bilder auf seinem Facebookprofil, um um Hilfe zu bitten.

Die Bewohner von Marjinka leben in Not, unter größter Anspannung und in einer sehr instabilen Lage. Trotzdem halten sie an ihren Zukunftsträumen fest – nämlich daran, dass sie endlich in Frieden leben können.

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Fotos: Natalia Liubchenkova
Deutsche Fassung: Theresa Steudel

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