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Lehman-Pleite: Acht Jahre Vertrauenskrise und kein Ende

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Lehman-Pleite: Acht Jahre Vertrauenskrise und kein Ende

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Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 markierte den Höhepunkt der
Finanzkrise und zog die ganze Welt in Mitleidenschaft. Auslöser des Debakels, das nur mit Hilfe milliardenschwerer Rettungspakete bewältigt werden konnte, war der fragile US-Häusermarkt. Acht Jahre später schwelt die Finanz- und Schuldenkrise immer noch. Der weltweite Schaden wird auf bis zu sieben Billionen (7.000.000.000.000) Euro geschätzt, gut zweimal die deutsche Wirtschaftsleistung 2015.

Das “Lehman-Wochenende” vor dem Absturz war filmreif. Vorgeschichte und Folgen beschäftigen Volkswirte und Bankenfachleute bis heute.

DIE FAKTEN

Im Zuge der Finanzkrise ab 2007 musste die Bank zunächst knapp 3 Milliarden Euro abschreiben. Im April 2008 hatte das Institut eine Kapitalerhöhung von 3,5 Milliarden Euro durchgeführt, eine weitere in der Höhe von 4,4 Milliarden Euro folgte im Juni 2008.

Dann, am 10. September 2008, kündigte angeschlagene US-Bank Verluste in Höhe von 3,5 Milliarden Euro für das dritte Quartal 2008 an. Richard S. Fuld, Jr., damals Vorstandschef von Lehman Brothers, wollte daraufhin den Mehrheitsanteil an der Investmentsparte verkaufen, die Gewerbeimmobilien und weitere illiquide Vermögenswerte ausgliedern.

Die Verkaufsbemühungen waren jedoch wenige Tage später gescheitert. Am 15. September 2008 musste Lehman Brothers die Insolvenz gemäß Chapter 11 des US-Insolvenzrechts beantragen. Nachdem die US-amerikanische Regierung drei große Banken (Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac) mit Milliarden US-Dollar gestützt hatte, war der politische Druck, nicht noch weitere Banken aufzufangen, so groß geworden, dass der damalige US-amerikanische Finanzminister Henry Paulson – Ex-Investmentbanker bei Goldman Sachs und Gegenspieler von Lehman-Chef Richard Fuld – nach der Absage der britischen Barclays-Bank, sich an Lehman zu beteiligen, keine weitere Unterstützung bereitstellte. “Too big to fail” war ausgehebelt.

Wenige Tage nach der Insolvenz waren nur noch 170 Mitarbeiter für Lehman Brothers tätig, 24.988 waren unter dem Insolvenzverwalter Bryan Marsal in wenigen Tagen gekündigt worden.

DIE VORGESCHICHTE

Jahrelange Kreditexzesse hatten in des USA zu einer riesigen Spekulationsblase geführt. Laut Mehrheitsvotum einer Expertenkommission im US-Kongress (Januar 2011) war in erster Linie diese Immobilienblase der entscheidende Faktor für die Lehman-Pleite, begünstigt durch eine Niedrigzinspolitik, eine laxe Regulierung des Bankensektors und eine fehlende Regulierung der Schattenbanken.

DIE FOLGEN

Die Finanzkrise veranlasste mehrere Staaten, die Existenz großer Finanzdienstleister (unter anderem American International Group, Fannie Mae, Freddie Mac, UBS und die Commerzbank) durch Kapitalerhöhungen enormer Größe, mit vor allem staatlichem Fremdkapital, aber auch Eigenkapital zu sichern. Einige Banken wurden verstaatlicht und später geschlossen. Die ohnehin hohe Verschuldung vieler Staaten stieg dadurch stark an, vor allem in den USA. Viele Kommentatoren kritisierten das als “Sozialismus für Reiche”, da Risiken der Privatwirtschaft zu Schulden der Allgemeinheit wurden.

Die Zentralbanken sind seither zu den zentralen Akteuren an den Finanzmärkten geworden. Ab 2009 kam es zur Eurokrise, die besonders Griechenland mit seiner stark angestiegenen staatlichen Verschuldung traf.

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Acht Jahre später warnen Experten weiter vor Risiken.
Der Eindruck täusche, dass das «Hypothekenmonster» gebändigt worden sei, so «The Economist».

Der US-Häusermarkt, mit einem Gesamtvolumen von 23 Billionen Euro die größte Vermögensklasse weltweit, bleibe eine Bedrohung. Statt das auf Billiggeld und leichtfertige Kreditvergabe aufgebaute Kartenhaus auf ein solides Fundament zu stellen, sei der noch immer unprofitable
und unterkapitalisierte US-Immobilienmarkt einfach weitgehend
verstaatlicht worden.

Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Shiller: «Die
Regierung hat in der Tat den größten Teil des Markts für neue
Hypothekendarlehen nationalisiert, indem sie die
Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac unter ihre Fittiche nahm». Zudem habe die Notenbank Fed in großem Stil Hypothekenanleihen aufgekauft.

Dass sich die Ausfallrisiken nun bei der öffentlichen Hand ballen,
sei zwar eine notgedrungene Folge der Krisenbewältigung, so der Wirtschaftsprofessor der US-Eliteuniversität Yale. Aber dadurch seien neue Probleme entstanden.

«Das Problem ist nicht gelöst», sagt Shiller. Die USA nahmen in den folgenden Jahren vor allem die Banken in die Pflicht, von denen die größte Gefahr ausgegangen war. Heute lägen viele Risiken des Häusermarkts jedoch woanders, warnt der «Economist». Nach Berechnungen des Magazins subventionieren die USA Hauskredite bereits mit 130 Milliarden Euro im Jahr. «Wenn es zu einer neuen Krise kommt,
wird der Steuerzahler wieder die Rechnung zahlen, und sie wird mit zwei bis vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung nicht viel niedriger ausfallen als 2008.» Und: Bankkunden, vor allem jüngere, haben ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn sie an Geld(-politik) denken – und immer weniger Vertrauen in die Finanzbranche.

USA:

Sigrid Ulrich mit dpa

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