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Scheidung auf europäisch: Londons Angst vorm Techxit

Bis die Trennung zwischen London und Brüssel verhandelt ist, könnte der vielversprechende Technologiesektor im Vereinigten Königreich Schaden nehmen. Die Verunsicherung ist schon jetzt groß. Werden Fi

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Scheidung auf europäisch: Londons Angst vorm Techxit

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Der Franzose Emmanuel Lumineau liebt London. Der Unternehmer hätte keinen anderen Ort für sein Start-up auswählen wollen. Er betreibt seit 2014 eine Online-Finanzplattform, über die man auf der ganzen Welt in Immobilien investieren kann.

Meinung

Unsicherheit ist immer der Feind von Investitionen.

Cornelia Yzer Wirtschaftssenatorin von Berlin

Nach dem Brexit-Referendum entschied Emmanuel, außerhalb Großbritanniens zu expandieren. Das heutige Meeting beinhaltet eine Skype-Verbindung mit einem neuen Mitarbeiter in Berlin. “In London ist leider alles sehr ungewiss und wir brauchten einen Ort, an dem wir weiterhin flexibel arbeiten können. Wir eröffneten ein Büro in Berlin und haben aufgehört, Leute in London zu suchen. Die Entscheidung für Berlin fiel innerhalb von drei Wochen nach dem Brexit”, so Emmanuel Lumineau.

Das dynamische Wachstum der digitalen und der technologischen Industrie war in den vergangenen zehn Jahren eine der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten Großbritanniens. London sah sich selbst als Europas Antwort auf das Silicon Valley.

Doch das Brexitvotum hat das System erschüttert und Londons Konkurrenten eine Chance eröffnet: Sie wollen alle davon profitieren – in der Hoffnung, dass Brexit auch “Techxit”’ bedeutet. London steht daher vor einer Wettbewerbsverschärfung miteinander rivalisierender europäischer Startups – beispielsweise aus Dublin, Paris oder Lissabon. Deutschlands Hauptstadt, Londons größter Konkurrent, profitierte am meisten. In Berlin stieg nach dem Brexit sowohl die Anzahl größerer Kooperationen als auch die Zahl britischer Startups.

Berlins Senatorin für Wirtschaft und Technologie, Cornelia Yzer, führte nach eigener Aussage “ernsthafte Gespräche” mit rund 60 britischen Unternehmen. “Unsicherheit ist immer der Feind von Investitionen”, so Yzer. “Ich bin davon überzeugt, dass viele Unternehmen sich dafür entscheiden, ihre Londoner Wurzeln zu behalten, aber ein Büro in Kontinentaleuropa eröffnen werden – etwas, was ohne den Brexit nicht geschehen wäre.”

Neue Talente zu finden, war für den Franzosen Emmanuel aus London der Hauptgrund, nach Berlin zu expandieren. Er ist davon überzeugt, dass er in London nicht mehr die besten Leute Europas wird einstellen können. Mit dieser Einstellung ist er nicht allein: In einer Post-Brexit-Umfrage unter britischen Technologie-Unternehmen sind 51 Prozent der Meinung, dass es jetzt schwieriger wird, die besten Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. 70 Prozent erwarten eine klare Aussage der britischen Regierung: Wer wird wo wie arbeiten dürfen?

Pedro Oliviera hat einen Vermittlungsdienst für Technologie-Profis in ganz Europa gegründet: Landing Jobs. Er sagt, das Brexitvotum habe auch die Einstellung Arbeitssuchender gegenüber Großbritannien verändert: “Die Menschen sagen jetzt Jobmöglichkeiten ab. Sie hatten zwei oder drei Vorstellungsgespräche, waren interessiert und wären wahrscheinlich eingestellt worden. Aber sie sagen ab mit folgender Begründung: Wegen der politischen Instabilität bin ich nicht mehr an Großbritannien interessiert. Es gibt andere Länder, die politisch stabiler sind. Da gehe ich hin. So ist es. Ganz einfach.”

Gerard Grech von der staatlich geförderten Beratungsfirma Tech City UK denkt, die Regierung müsse diesen Bereich unterstützen. “Die digitale Wirtschaft trägt mehr als 10 Prozent zum britischen BIP bei. In den USA sind es acht und im europäischen Durchschnitt um die 5,5 Prozent”, so Grech.

Aber wird nicht der Brexit diese Dynamik stoppen? Grech sieht das anders: “Warum sollte das so kommen? Es gibt eine kritische Masse von Fachwissen in Großbritannien. Die Konditionen, um ein digitales Unternehmen in Großbritannien zu gründen und zu betreiben sind meiner Meinung nach konkurrenzlos in Europa. Passieren keine größeren Fehler, sehe ich keinen Hinderungsgrund, um diesen Wachstumskurs fortzusetzen.”

Britische Unternehmen erzielten 1,3 Milliarden Dollar in Venture-Capital-Finanzierungen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, ungefähr der gleiche Betrag wie im selben Zeitraum vergangenen Jahres. In Großbritannien wird weiter in Technologie investiert, mit mehr als 40 Verträgen, die im Monat nach dem Brexit unterzeichnet wurden. Aber kratzt man an diesen beeindruckenden Zahlen, erscheint ein weniger rosiges Bild.

Obwohl sich seit dem Brexit bereits viel verändert hat, sieht man laut dem Risikokapital-Anleger Andre de Haes noch nicht die vollständigen Auswirkungen. “Es erstaunt mich, dass Regierungsbeamte und andere Experten behaupten, es gäbe keine langfristigen Auswirkungen. Risikofonds kämpfen, um Geld zu sammeln. Ich weiß von fünf Fonds, die im Juli und August bereit zum Start waren und nur einer von ihnen konnte loslegen. Und aus Unternehmerseite gab es im dritten Quartal dieses Jahres einen fast 50-prozentigen Rückgang in Wagniskapitalfonds im Vergleich zu 2015”, so de Haes.

Trotz der Herausforderungen glauben Risikokapital-Anleger, dass flexible Start-ups – weit besser als große Unternehmen – Mittel und Wege finden werden, um zu wachsen. Davon ist auch Emmanuel Lumineau überzeugt: “Der Brexit schafft eine andere Komplexität. Man muss agiler sein, aber wir glauben nicht, dass London verschwindet. Ich glaube, wir sind eine der wenigen Firmen, die bereits gehandelt haben und das innerhalb von anderthalb Monaten – wir haben unser Geschäftsmodell für die Zukunft gesichert. Während andere darauf warten, dass Artikel 50 in Kraft tritt und warten, was passiert. Dieser Vorsprung wird uns nützen.”

Insiders: British Techxit