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Medizin und Kosmetik ohne Tierversuche

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Medizin und Kosmetik ohne Tierversuche

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Mit Bioverfahrenstechnik geschaffene menschliche Gewebe wie Hirnzellen oder Haut sollen dabei helfen, Tierversuche zu vermeiden.

In den Laboren der Universität Luxemburg züchten die Forscher Mini-Hirne aus Stammzellen. An dem bioartifiziellen Hirngewebe wollen sie neue Therapiemöglichkeiten für Parkinson-Patienten testen. Und auf lange Sicht Tierversuche in diesem Bereich überflüssig machen: “Wir hoffen, dass wir mit diesen Ansätzen, die auf menschlichen Stammzellen basieren, die sogar in einem Großteil der Fälle von Patienten sind, also patientenspezifisch, krankheitsspezifisch, in der Lage sind, Tierversuche zu ersetzen”, erklärt Stammzellforscher Jens Schwamborn. “Wir haben Evidenzien, dass diese menschlichen Systeme die Krankheitsprozesse wesentlich realistischer darstellen, als es die Tiermodelle machen. Insofern glauben wir tatsächlich, dass wir damit Tierversuche ersetzen können. Und gleichzeitig nicht nur zu ersetzen, sondern wirklich das Ganze auch einen Schritt voran zu bringen und relevantere Ergebnisse zu erzielen.”

Meinung

Diese neuen Technologien sind nicht nur einfach ein Ersatz für Tierversuche. Sie sind ein neues Instrumentarium, um an Forschungsfragen auf völlig neue Weise heranzugehen.

Maurice Whelan Bioingenieur (JRC)

Die Universität Luxemburg wie etliche andere Forschungseinrichtungen in Europa suchen aktiv nach Alternativen, um Tierversuche zu verringern oder sogar ganz ersetzen zu können. Die alternativen Methoden fußen im allgemeinen auf In-vitro-Systemen oder computer-unterstützten Modellen. In der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission (JRC) in Ispra werden diese Methoden bewertet und auf ihre Sicherheit überprüft. Die Wissenschaftler hier wiesen zum Beispiel nach, dass In-vitro-Gehirnzellen auf toxische Substanzen reagieren. JRC-Biologin Francesca Pistollato erläutert: “Mit unseren Experimenten können wir verstehen, wie diese Zellen arbeiten, wie sich die elektrische Aktivität der Neuronen ausdrückt, wir können messen, welchen Effekt neurotoxische Substanzen wie Pestizide, Umweltverschmutzung oder Herbizide auf die elektrische Aktivität der Neuronen haben. Und wir können verstehen, wie diese Mechanismen in vitro, mit Systemen auf Basis menschlicher Zellen ablaufen. Das ist wirklich eine Alternative für Tierversuche in der Neurotoxikologie.”

Kostengünstige Alternative für Tierversuche?

Neben der Bewertung neuer Methoden versucht die Forschungsstelle, die Entwicklung und Anwendung tierversuchsfreier Testverfahren zu fördern und erstellt eine Datenbank für alternative Ansätze. JRC-Bioingenieur Maurice Whelan: “Sehr wichtig ist natürlich der Dialog zwischen den unterschiedlichen Parteien. Eine intensive Diskussion darüber, wie wir die Qualität, Verlässlichkeit und Robustheit dieser Alternativen gewährleisten können – ohne dabei die Innovation zu blockieren.”

Zurück an die Universität Luxemburg: Hier wird auch mit bioartifizieller menschlicher Haut experimentiert und die Verträglichkeit von Kosmetikprodukten getestet. Wozu sonst Kaninchen herhalten müssen. “Die Haut eines Kaninchens ist ganz anders als Menschenhaut. Und seit wir menschliche Haut im Labor nachbilden können, wird dieses Modell viel relevanter – es ist eben echte Menschenhaut. Das zeigen Validierungsstudien und der Vergleich mit Daten aus Tierversuchen. Dieses Modell ist verlässlicher, wiederholbarer und wahrscheinlich auch billiger”, meint Bart de Wever, Gründer des Unternehmens Atera, das menschliche Gewebemodelle für Forschung und Validierung herstellt.

Strengere Gesetze und die wachsende gesellschaftliche Ablehnung gegenüber Tierversuchen steigern die Nachfrage nach sicheren und bezahlbaren Alternativen. Wird man eines Tages ganz auf Tierversuche verzichten? Maurice Whelan ist sich sicher: “Das ist keine Frage von ob, sondern nur von wann. Wir machen extrem gute Fortschritte an verschiedenen Fronten, aber es muss noch viel getan werden. Diese neuen Technologien sind nicht nur einfach ein Ersatz für Tierversuche. Sie sind ein neues Instrumentarium, um an Forschungsfragen auf völlig neue Weise heranzugehen.”

Das neue Instrumentarium, darin sind die Forscher einig, muss allerdings sorgfältig auf seine Verträglichkeit und Sicherheit für den Menschen geprüft werden.