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Erste Hilfe gegen Zwangsheirat: Das Schweigen brechen!


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Erste Hilfe gegen Zwangsheirat: Das Schweigen brechen!

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Chimène und Rokia haben sich im Asylbewerberheim in Belgien kennengelernt. Sie sind aus ihren Heimatländern Togo und Guinea geflohen, um einer Zwangsehe zu entgehen. Asyl in Europa sei für sie eine Frage von Leben oder Tod, sagen sie. Kurz nach unseren Dreharbeiten wurde Rokias Asylantrag bewilligt.

“Als mein Vater starb, bin ich an seinen Freund verheiratet worden”, erzählt sie. “Der Mann ist Diamantenschleifer und sehr reich. Sie haben mich an diesen Herrn verkauft. Ich war seine dritte Frau. Ich bin zum ersten Mal als kleines Kind beschnitten worden. Das zweite Mal, als ich zwölf war. Er wollte mich das dritte Mal beschneiden lassen, da hab ich nein gesagt! Denn jetzt kenne ich die schlimmen Folgen der Genitalbeschneidung. Er hat mich geschlagen, er hat mich sogar gefoltert, damit ich mit ihm Sex habe. Denn ich hatte keine Lust auf diesen Mann. In meiner Heimat ist mein Leben in Gefahr, denn ich habe meiner Familie nicht gehorcht.”

Chimène berichtet: “Ich habe einen Sohn, er ist zwei Jahre und drei Monate alt. Es wäre schwierig für mich, wieder in meine Heimat zurückzukehren. Denn dort will sein Vater ihn haben, und ich möchte das nicht. Sein Leben wäre dort in Gefahr. Der Vater ist der Mann, der mich heiraten wollte, nachdem er mich vergewaltigt hatte.”

Offen vor der Kamera darüber zu sprechen, ist für Chimène und Rokia ein Risiko. Aber sie wollen an die Öffentlichkeit gehen und gegen die Sitte, der sie zum Opfer fielen, ankämpfen.

Belgien hat wie Deutschland, Österreich und die Schweiz die Zwangsheirat unter Strafe gestellt. Doch ein Gesetz allein reicht nicht und kann sogar abschreckend für die Opfer wirken, unterstreicht Leila Slimani, Koordinatorin eines Lütticher Vereins gegen Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre: “Hier erstatten nur sehr, sehr wenige Opfer Anzeige und erhoffen sich etwas vom Gesetz. Wir haben so gut wie keine Zahlen über Zwangsheiraten und Gewalt im Namen der Ehre. Denn die Betroffenen verzichten auf eine Anzeige. Sie haben Angst, ihrer Familie zu schaden, sie haben Angst, dass sie damit ihre Eltern ins Gefängnis bringen, ihre Familie finanziell ruinieren, und dass ihre Geschwister weggegeben werden.”

In einem Vorort von Brüssel treffen wir eine Frau, die vor zwanzig Jahren zwangsverheiratet wurde. Unter dem Druck ihrer Familie hatte sie zunächst in die Ehe mit einem unbekannten Marokkaner eingewilligt. Als belgische Staatsbürgerin war sie für ihn die Eintrittskarte nach Europa. Doch als sie ihn kennenlernte, wollte sie nicht mehr. Erst nach jahrelangen Schwierigkeiten setzte sie die Scheidung durch. Und ist bis heute nicht darüber hinweg. “Das hängt einem sehr lange an. Das hört nicht auf, weil er weg ist. Der Herr hat Schulden gemacht. Und leider war das Haus auf unserer beider Namen eingetragen, und ich zahlte weiter den Kredit ab. Ich habe mich am Ende mit einer Menge Probleme wiedergefunden. Ich habe nie wieder ein neues Leben beginnen können. Ich habe nie wieder geheiratet, das war klar. Für mich ist eine Ehe eine Ehe. Auch wenn andere Leute zwei- oder dreimal heiraten… Das ist nicht mehr dasselbe…”

Geschichten wie diese hört Halina Benmrah immer wieder. Sie leitet eine Vereinigung, die Opfern von Zwangs- und arrangierter Heirat hilft. Oft wüssten diese nicht einmal, wohin sie sich wenden können, berichtet sie. “Leider ist es bei vielen Frauen, die anrufen, meistens schon zu spät, die Zwangsheirat hat schon stattgefunden. Auf dem Papier findet man vieles, aber in der Praxis gibt es überhaupt nichts für die Opfer, tut mir leid – nichts! Und manchmal hat die Frau keinerlei Informationen und weiß noch nicht einmal, wo sie sich informieren kann.”

Professionelle Helfer aus verschiedenen Sektoren versuchen, sich zusammenzutun. Anne Sophie Vallot ist Polizeiinspektorin in Brüssel. Regelmäßig wenden sich Hilfsorganisationen an sie, wenn ein Opfer in äußerster Not ist. Jedoch: “Wir bei der Polizei sehen die Opfer erst, wenn es schon passiert ist, nach der Gewalt, die es innerhalb der Familie gegeben hat. Oft wird uns klar, dass am Anfang eine Zwangsheirat stand. Das heißt: Zuerst gibt es die Zwangsheirat, und am Ende sehen wir als Polizei die Folgen davon. Die Folgen – das sind Vergewaltigungen, wiederholte Vergewaltigungen, Gewalttaten – sehr schlimme, schwerwiegende Gewalttaten. Und erst wenn die Frau am Ende ist, wenn sie nicht mehr kann, und es eine Frage von Leben oder Tod ist, erst dann klopft sie an die Tür der Polizei und bittet um Hilfe.”

Der Verein Die Stimme der Frauen und ein Dutzend andere Organisationen in Brüssel haben ein Netzwerk aufgebaut, um ihre Hilfsangebote besser zu koordinieren. Eine Notrufnummer wurde eingerichtet, und Aufklärungskampagnen sollen professionelle Helfer und die Öffentlichkeit sensibilisieren – vor allem diejenige Öffentlichkeit, bei der das Risiko besonders hoch ist. Maria Miguel-Sierra, Direktorin des Vereins ‘Die Stimme der Frauen’: “Belgien nimmt immer wieder neue Flüchtlinge auf, oft schon auf dem Weg der Familienzusammenführung. Man muss sich also nicht wundern, wenn sehr junge Mädchen hierherkommen, dass sich dann ein paar Jahre später die Frage der Verheiratung stellt. Die Menschen kommen her mit bestimmten Wertvorstellungen, mit einer bestimmten Vorstellung dessen, was Familie sein soll. Und diese Vorstellungen werden sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern.”

Eine Frage der Zeit. Und der Aufklärung vor allem bei den Mädchen, denen solch ein Schicksal droht. Damit sie es wagen, das Schweigen zu brechen.

Mehr zum Thema: – Eine der vielen Notrufstellen in Deutschland -> in Berlin – Artikel über Zwangsehen in Großbritannien – Zum Vergleich: Lage in Saudiarabien

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