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Mordfall Peggy und Nazi-Organisation NSU: Ermittler prüfen mögliche Verbindung

Der Mordfall Peggy steht womöglich in Zusammenhang mit der deutschen Neonazivereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

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Mordfall Peggy und Nazi-Organisation NSU: Ermittler prüfen mögliche Verbindung

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Der Mordfall Peggy steht womöglich in Zusammenhang mit der deutschen Neonazivereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Am Fundort der getöteten Peggy Knobloch wurden DNA-Spuren des toten NSU-Mitglieds Uwe Bönhardt entdeckt. Das teilte die Polizei mit. Einigen Medienberichten zufolge befanden sie sich auf einem Stück Stoff.

Die aus Nordbayern stammende Peggy war 2001 im Alter von neun Jahren verschwunden. Im Juli dieses Jahres wurden in Thüringen Teile ihres Skeletts gefunden – 15 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt.

Noch ist allerdings völlig unklar, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Bönhardt und Peggy gibt. Die DNA-Spuren könnten auch durch eine Verunreinigung auf den Gegenstand gelangt sein, so die Polizei. Dazu müsse geprüft werden, in welchen Räumen die Leiche Bönhardts und die Skelettteile Peggys aufbewahrt und untersucht worden seien. Böhnhardts Leiche wurde 2011 im selben Institut untersucht wie das Skelett von Peggy.

Der Fund hat auch Einfluss auf den Prozess gegen Beate Zschäpe, das letzte überlebende NSU-Mitglied. Mehrere Opferanwälte und auch Mitglieder von Untersuchungsausschüssen haben Fragen aufgeworfen. So kündigte etwa der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler einen neuen Beweisantrag an. Dabei sollen Einzelheiten über Kinderporno-Dateien auf einem Computer des NSU untersucht werden, sagte Daimagüler, ein Vertreter der Nebenklage, der dpa. Im Brandschutt der Fluchtwohnung des NSU-Trios in Zwickau war ein Datenträger mit Kinderpornomaterial gefunden worden. Man müsse herausfinden, “wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei”.

Yavuz Narin, ein weiterer Anwalt der Nebenklage, sagte in den Tagesthemen, “ein Neonazi aus dem Umfeld des NSU” habe eine Hütte in der Nähe des Fundorts von Peggys Leiche besessen. Er habe diesen Sommer ergebnislos versucht, mehr Beweise dazu zu finden. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass mehrere NSU-nahe Personen zu kinderpornografischem Material in Verbindung gebracht wurden.

Neben Bönhardt und Zschäpe gehörte noch Uwe Mundlos dem NSU an. Gemeinsam ermordeten sie über zehn Jahre hinweg mehrere Morde, zumeist an Personen mit Migrationshintergrund. Mundlos und Böhnhardt töteten sich den Ermittlern zufolge im November 2011 nach einem Banküberfall, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Zschäpe stellte sich der Polizei. Seit Mai 2013 muss sie sich vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten.

Nach dem Fund von DNA Böhnhardts will die deutschen Justiz mindestens einen weiteren ungeklärten Todesfall eines Kindes noch einmal prüfen. Den Tod eines neunjähriger Jungen 1993 in Jena (Thüringen) werde sich die Behörde “mit Sicherheit” noch einmal anschauen, bestätigte der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft Gera, Steffen Flieger, am Freitag in Gera der Deutschen Presse-Agentur. Böhnhardt war von einem Schulfreund des Mordes an dem Kind bezichtigt worden. Bewiesen werden konnte das nie. Der Fall ist bis heute ungelöst.

Der Neunjährige war zunächst verschwunden und dann einige Tage später tot am Ufer der Saale in einem Gebüsch gefunden worden. Nach Angaben von Flieger gibt es in diesem Fall allerdings keine unausgewerteten DNA-Spuren mehr. Nach den bislang geführten Ermittlungen komme Böhnhardt bei diesem Mord nicht als Täter in Betracht, sagte er.

Was wir wissen, was wir nicht wissen

DAS IST BEKANNT

- Die neunjährige Peggy aus dem bayerischen Lichtenberg verschwindet am 7. Mai 2001 auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg. Am 2. Juli 2016 findet ein Pilzsammler in einem Wald im thüringischen Saale-Orla-Kreis Skelettreste, die von Peggy stammen.

- Das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden seien. Noch ist unklar, in welchem Zusammenhang die dabei gefundene DNA-Spur Böhnhardts steht und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy steht.

- Fest steht laut dem Bayreuther Oberstaatsanwalt Harald Potzel nur, dass die am Fundort entdeckten DNA-Spuren Böhnhardts an einem Gegenstand gefunden wurden. Nach “Spiegel”-Informationen handelt es sich dabei um ein Stück Stoffdecke. Der Bayerische Rundfunk berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, dass es sich um ein Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels handele.

- Uwe Böhnhardt starb am 4. November 2011 – mutmaßlich durch Schüsse seines Mittäters Mundlos, bevor dieser sich in einem Wohnmobil selbst tötete. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe sollen laut Bundesanwaltschaft jahrelang unerkannt gemordet haben. Das Trio aus Jena tauchte demnach nach einer Razzia in seiner Bombenwerkstatt 1998 ab und gründete die Terrorgruppe. Zwischen 2000 und 2007 erschoss die Gruppe nach Erkenntnissen der Ermittler zehn Menschen, neun davon ausländischer Herkunft. Mit Sprengstoffanschlägen sollen sie zudem Dutzende Menschen verletzt haben. In München läuft seit mehr als drei Jahren der Prozess gegen Beate Zschäpe – als einziges noch lebendes Mitglied des sogenannten “Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU).

DAS WISSEN WIR (NOCH) NICHT

- Zwar wurden DNA-Spuren Böhnhardts am Fundort der sterblichen Überreste von Peggy gefunden – wie sie dorthin gelangten, ist aber weiter unklar. Ob die gefundene Spur möglicherweise in Verbindung mit dem Tod von Peggy steht, muss noch geklärt werden. Die Untersuchungen stehen den Ermittlern noch ganz am Anfang. Nach Informationen von “Spiegel Online” unter Berufung auf Ermittlerkreise, ist auch eine Verunreinigung der DNA-Probe theoretisch denkbar. Das Skelett von Peggy und die Leiche Böhnhardts seien im gleichen rechtsmedizinischen Institut untersucht worden.

- In dem ausgebrannten Wohnmobil wurden nach Informationen des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses Kindersachen gefunden, deren Herkunft bis heute unklar ist. Die meisten – darunter ein Paar Schuhe – seien nie auf DNA untersucht worden.

- Zwar wurden im vergangenen Mai Knochen gefunden, die die Ermittler Peggy zuordnen – das Skelett sei aber nicht vollständig. Weitere Knochenreste wurden bislang nicht gefunden. “Dies lässt sich mit dem Lebensraum und den Gewohnheiten von Waldtieren erklären”, sagte der Leiter der Sonderkommission Peggy, Uwe Ebner, im vergangenen Juli. Die Ermittler suchten aber dennoch weiter nach Knochen. Außerdem fehlten Kleidungsstücke und der Schulranzen des Mädchens.