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Weibliche Genitalverstümmelung: Verfehlter Fruchtbarkeitsritus

Insiders sprach mit der Soziologin Isabelle Gillette-Faye über die Ursprünge der Genitalverstümmelung, die Möglichkeiten der Prävention und Repression

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Weibliche Genitalverstümmelung: Verfehlter Fruchtbarkeitsritus

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Jedes Jahr laufen laut Unicef weltweit drei Millionen Mädchen Gefahr, Opfer von Genitalverstümmelung zu werden. Vor allem auf dem afrikanischen Kontinent ist die Praktik verbreitet. Doch auch Frauen und Mädchen in Europa sind betroffen. Ob Baby, Mädchen oder junge Frau – viele sterben bei der schmerzhaften Prozedur, die meist ohne Narkose durchgeführt wird. In den Ländern, in denen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) praktiziert wird, ist Unicef zufolge jede dritte junge Frau betroffen. Wir sprachen mit der französischen Soziologin Isabelle Gillette-Faye, die in Frankreich mit der Organisation GAMS (Groupe pour l’abolition des mutilations sexuelles) seit Jahren gegen diese jahrtausendealte Sitte ankämpft.

Meinung

Man muss bei jeder neuen Migrationswelle an das Thema Frauenrechte und an das Thema Gewalt denken. Und überlegen, wie man potenzielle oder schon geschädigte Opfer schützen kann.

Isabelle Gillette-Faye GAMS (Groupe pour l’abolition des mutilations sexuelles)

Sophie Claudet, euronews:
“Können Sie uns kurz den kulturellen Ursprung der weiblichen Genitalverstümmelung nennen?”

Isabelle Gillette-Faye:
“Es sind Praktiken, die man bis auf das 6. Jahrhundert vor Christus zurückverfolgen kann, also vor Beginn des Juden- und Christentums und des Islams. Sie haben sich vor allem im Osten Afrikas entwickelt, in der gesamten Nilregion, später in anderen Gegenden der Welt. Insbesondere in Zentralamerika und in Westafrika. Diese Sitte hing vor allem mit Riten für eine bessere Fruchtbarkeit der Frau oder eine bessere Fruchtbarkeit der Erde zusammen. Es waren eher Riten animistischen Typs, des Glaubens an die Beseeltheit der Natur.”

Sophie Claudet:
“Was die Zwangsheirat angeht, wissen wir, dass diese Praktik nur in einem Dutzend europäischen Ländern mit einem eigenen, ausdrücklichen Gesetz verboten ist. Reicht Repression? Braucht man mehr?”

Isabelle Gillette-Faye:
“Um eine umfassende Verhaltensänderung in den betroffenen Bevölkerungsgruppen zu erreichen, braucht man Aufklärung bei den Erwachsenen und Sensibilisierung bei den Jugendlichen. In den Fällen, in denen diese Information und Sensibilisierung nicht ausreicht, muss man auch auf Repression zurückgreifen.”

Sophie Claudet:
“Gibt es ein oder mehrere europäische Länder, deren Politik erfolgreicher ist als die der anderen – bei der Eindämmung von Zwangsehen oder von weiblicher Genitalverstümmelung?”

Isabelle Gillette-Faye:
“Beim Thema weibliche Genitalverstümmelung ist Frankreich als eins der Länder anerkannt, das sich seit sehr langer Zeit mit dem Problem befasst. Seit Anfang der achtziger Jahre gab es Gerichtsverfahren, Sensibilisierungskampagnen, professionelle Fortbildung – das sind immerhin gut dreißig Jahre sehr spezialisierter Arbeit auf Seiten des Staates und auf Seiten der Vereine.
Bei der Zwangsheirat ist meiner Ansicht nach England ein sehr gutes Beispiel, denn sie haben beispielsweise seit langem eine Polizeieinheit geschaffen, die am Flughafen eingreifen kann, um Mädchen zu schützen, die Großbritannien verlassen sollen mit dem Risiko der Zwangsheirat. Und es gab außerdem Informations- und Sensibilisierungskampagnen, es gibt eine Notrufnummer für Betroffene in Gefahr und für mögliche Unterbringung der Opfer.”

Sophie Claudet:
“Etliche Frauen, die heute nach Europa kommen, stammen aus Gegenden, in denen Zwangsheirat und weibliche Genitalverstümmelung praktiziert werden. Bedeutet das, dass das Phänomen in Europa mit weiteren Migrantenströmen anhalten wird? Sind weitere gezielte Aufklärungskampagnen bei den betroffenen Gruppen nötig?”

Isabelle Gillette-Faye:
“In jedem Fall muss man bei jeder neuen Migrationswelle an das Thema Frauenrechte und an das Thema Gewalt denken. Und überlegen, wie man potenzielle oder schon geschädigte Opfer schützen kann. Man sollte auch schauen, was für Erfahrungen es schon in ihren Herkunftsländern gibt: Wurden dort schon Präventionskampagnen durchgeführt, gab es da schon Informations- und Sensibilisierungsbemühungen? Und dann muss man schauen, ob man sich von diesen Erfahrungen in den Herkunftsländern inspirieren lassen kann, um diese Kampagnen auch auf europäischem Boden anzuwenden.”