Eilmeldung

Bevölkerungswandel: Rentner schaffen Arbeitsplätze!

Wie rüstet sich Europa für Bevölkerungswandel und wachsende Rentnerzahlen?

Sie lesen gerade:

Bevölkerungswandel: Rentner schaffen Arbeitsplätze!

Schriftgrösse Aa Aa

Die Zeit arbeitet gegen Europa: Die Bevölkerung altert, Europa ergraut. Hohe Lebenserwartung, niedrige Geburtenraten, Babyboomer, die in Rente gehen – das alles setzt unsere Wirtschaft unter Druck.

Bis 2060 wird die Fruchtbarkeitsrate in der Europäischen Union laut Prognose der EU-Kommission wieder leicht zunehmen. Aber das wird nicht ausreichen, um die steigende Lebenserwartung für Frauen wie Männer zu kompensieren. Nach einem Anstieg der Netto-Einwanderung geht man davon aus, dass diese von 2040 an wieder abnimmt.

Die Folge all dieser Faktoren ist voraussichtlich, dass sich der Anteil der über 65-Jährigen im Verhältnis zur Bevölkerung im Erwerbsalter bis 2060 verdoppelt, und dann nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Menschen im Erwerbsalter auf einen Rentner kommen.

Von 2023 an rechnet die EU-Kommission damit, dass die Zahl der Erwerbsfähigen zwischen 20 und 64 Jahren in der EU leicht abnimmt. Auf drei Phasen heruntergebrochen ergibt sich folgendes Bild: Zwischen 2007 und 2011 wuchs die Bevölkerung im Erwerbsalter, aber die Jobmöglichkeiten waren recht flau. Von 2012 bis 2022 soll vor allem die Beschäftigung bei den jungen Leuten sich bessern und den Renteneintritt der Babyboomer kompensieren. Aber von 2023 an nimmt der Anteil der Menschen im Rentenalter überhand, und die Zahl der Menschen im Erwerbsalter sinkt der Prognose zufolge.

Mehr ältere Menschen bedeuten höhere Kosten für das Gesundheitswesen. Dies könnte mindestens 16 europäischen Ländern mittel- bis langfristig Probleme im Budget bereiten. Die mit dem Altern verbundenen Ausgaben dürften im europäischen Durchschnitt bis 2060 auf bis zu zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.

Beispiel Slowenien: Auch hier sind die Prognosen nicht rosig…

Franci ist 79: “Ich bin sehr aktiv, fahre Fahrrad, laufe Ski, fahre Auto und gehe wandern.” Er lebt in einem Seniorenheim – die Zukunftsaussicht, die viele Europäer haben. “Ich zahle 660 Euro im Monat für ein Zimmer mit eigenem Bad. Ich habe sonst keine weiteren Ausgaben oder Betreuungsbedarf.” Sozialarbeiterin Natasa Schwartbartl erläutert: “Sie müssen das selbst zahlen. Wenn sie es nicht können, dann müssen ihre Kinder einspringen, und im schlimmsten Fall, wenn keiner das Geld hat, dann zahlt der Staat für sie.”

Der wachsende Anteil älterer Menschen hat auch einen Vorteil: Pflege wird für sie gebraucht, Beschäftigung, Unterhaltung – das heißt also wachsender Bedarf an Arbeitskräften. Andererseits muss Slowenien damit rechnen, dass die Kosten der Überalterung bis 2060 bis zu 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen – im Vergleich zu zwei Prozent europaweit.

Pflegeversicherungen und bessere Früherkennung langwieriger, kostenintensiver Krankheiten wie Krebs können eine Abhilfe sein. Eine Umverteilung der Kosten zwischen Staat und Privatleuten scheint unvermeidbar. Das öffentliche Gesundheitswesen in Slowenien wurde teilweise privatisiert. Andere Länder setzen das Rentenalter hoch.

Aus dem Problem ein ökonomisches Potenzial machen: Das ist die Herausforderung – nicht nur für Slowenien.

Ein anderer wichtiger Aspekt: Bis 2060 wird Europas Bevölkerung abnehmen. Was bringt das für die Gesundheitssysteme mit sich? Pedro Barros ist Wirtschaftsprofessor in Lissabon. Wir fragten ihn, welche Lehren Europa aus der Gesundheitsreform in Portugal ziehen kann.

Pedro Barros:
“Unsere Erfahrung zeigt, dass solche Reformen sehr schwierig sind. Und viel Zeit brauchen. Schon die Einrichtung eines neuen Pflege-Netzwerkes, wie wir es im nationalen Gesundheitsdienst einführen, braucht mindestens zehn Jahre. Wir sind da immer noch auf halbem Wege. Es ist schwierig, genau zu verstehen, wie man die Dinge am besten anlegt, wie man die Leute von den neuen Ideen überzeugt, und wie Professionelle sowie die älteren Leute mit dem Übergang in ein neues Organisationsmodell am besten klarkommen können.”

euronews:
“Kann man Ihr Modell europaweit übertragen – die Gesundheitssysteme sind ja so unterschiedlich?”

Pedro Barros:
“Ja. Man kann es übertragen. Wir haben eine Vielzahl von Ideen und Präferenzen. Es wird darum gehen, nicht nur Krankenhäuser und Hospize umzuorganisieren, sondern die alten Leute auch zu Hause zu betreuen mit medizinischer Grundversorgung durch ein Netzwerk verschiedener Berufsgruppen: Ärzte, Krankenpfleger, Physiotherapeuten.”

euronews:
“Das hört sich nach vielen Geschäfts- und Job-Möglichkeiten an und nach Wirtschaftswachstum durch eine Gesundheitsreform.”

Pedro Barros:
“Manchmal greifen wir zu sehr in das Leben der einzelnen Menschen ein. Wenn wir den Leuten mehr Freiheit lassen, selbst zwischen den Alternativen zu wählen, entscheiden sie sich nicht unbedingt für die teuerste. Finanziell würde das also helfen. Wir können neue Modelle testen und vielleicht schafft es sogar neue Geschäftsideen, wenn wir Patienten oder Senioren in die Suche nach Lösungen einbinden. Wir haben das schon gesehen: Einige Unternehmen bieten altengerechte Hilfsmittel und Beaufsichtigung an, und wir müssen diese Unternehmen ins nationale Gesundheitswesen einbeziehen, da wird es noch mehr Bedarf geben.”

euronews:
“Gut, das sind die Chancen – aber wie sieht es mit den Risiken aus bei hohen Kosten für Langzeitpflege?”

Pedro Barros:
“Das Gute daran ist, dass man Dinge so ändern kann, dass sie weniger kosten. Eins der großen Risiken ist die Sturzgefahr zu Hause. Aber wenn die Leute lieber zu Hause leben und dieses Risiko eingehen, dann ist es vielleicht billiger, dass jemand regelmäßig nach ihnen sieht oder sie anruft, als dass sie 24 Stunden lang sieben Tage die Woche in einem Heim überwacht werden. Es gibt da Risiken, aber ich glaube nicht, dass es größere finanzielle Risiken sind, wenn man diese neue Vision annimmt.”

euronews:
“Meinen Sie, dass wir in ganz Europa das Problem so angehen, wie es angegangen werden sollte?”

Pedro Barroso:
“Es ist schwer, eine Politik zu finden, die allen gerecht wird. Aber vielleicht ist eine neue Vision, die man länderübergreifend teilt, schon der Ausgangspunkt für eine neue Politik. Das Wichtigste ist erst einmal, darüber nachzudenken, was die Leute im Alter wollen, wie sie behandelt und betreut werden wollen. Wenn man eine Vision findet, die besagt, dass die Leute auch selbst auf ihre Gesundheit achten sollten und über das System nachdenken, mit dem sie versorgt werden – dass es mehr um ihre eigenen Präferenzen und Bedürfnisse geht als um das System als solches – dann ist das die beste Politik.”

Besser Altern in Europa: Infos der EU-Kommission