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Die Geige verkörpert die Liebe: Capuçon spielt Bernsteins Serenade


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Die Geige verkörpert die Liebe: Capuçon spielt Bernsteins Serenade

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Er ist leidenschaftlicher Kammermusiker und renommierter Geigenvirtuose: Der Franzose Renaud Capuçon. Er führt ein Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts auf: Die “Serenade nach Platons Symposion” von Leonard Bernstein. Eine Hommage an die Liebe. Wir trafen ihn bei der Probe.

Ein hypnotisierender Auftakt eines außergewöhnlichen Meisterwerkes: das – eher ungewöhnliche – Solo einer Geige, die sich auf eine Reise durch verschiedene Klangwelten begibt. Capuçon interpretiert feinfühlig Bernsteins Komposition.

“Ich denke, er wollte etwas extrem Reines am Beginn des Werks. Es gibt da eine große Weichheit, und es liegt am Geiger, seine Stimme zu finden. Ich habe den Eindruck, dass man von Anfang an weiß, mit welchem Geiger man es zu tun hat, denn man hört sofort seinen Klang. Es ist, als ob er sich augenblicklich offenbart.”


Capuçon führte das Konzert kürzlich im Grand Théâtre von Aix-en-Provence auf, begleitet vom Lausanner Kammerorchester.

Der visionäre amerikanische Komponist benannte das Werk Serenade nach Platons Symposion in Anlehnung an das berühmte Gastmahl), bei dem griechische Philosophen über die Liebe in all ihren Facetten diskutierten.

“Ich denke, die Geige verkörpert die Liebe”, meint Capuçon. “Denn er bringt sie zum Singen. Und gleichzeitig gibt es diese extrem rhythmische Seite, die stellenweise fast heftig ist, und hart. Die Schwierigkeit des Werkes liegt darin, eine ganze Palette extrem ausdrucksstarker Klangfarben zu finden. Es gibt viele Doppelgriffe und in der Kadenz hat man zum Teil sehr weite Griffe, da liegen die Noten extrem weit auseinander. Es ist ein Werk, das enorm viele Facetten sowohl von der Geige als auch vom Violinisten herausholt.”


Bernstein komponierte die Serenade 1954 für seinen Freund, den legendären Geiger Isaac Stern, der sie auf seiner Guarneri del Gesù spielte. Ein Bogen schließt sich, denn heute spielt Renaud Capuçon auf dem geschichtsträchtigen Instrument aus dem Jahr 1737.

“Es ist sehr bewegend, zu wissen, dass diese Geige dieses Stück das erste Mal mit Bernstein in Venedig erklingen ließ. Da Stern dieses Instrument vierzig Jahre lang gespielt hat, komme ich nicht umhin, daran zu denken, wenn ich auf ihr spiele. Sich vorzustellen, dass dieses Holz schon mit diesem Werk zum Schwingen gebracht wurde, und Bernstein stand daneben, und das Gleiche mit dem Violinkonzert von Strawinsky, das Stern auch auf dieser Geige zusammen mit Strawinsky aufgenommen hat. Das berührt mich sehr.”

“Meine Rolle ist natürlich all das, was ich meinen Mentoren gelernt habe, an die Jüngeren weiterzugeben – diese Klangvorstellung und vor allem den Gedanken, dass Musik etwas ist, das man teilt. Es wäre doch traurig, das alles gelernt zu haben, ohne es mit anderen teilen zu können.”

“Ich habe das Gefühl, dass ich noch so, so viele Dinge zu lernen und zu entdecken habe. Sich an die zeitgenössischen Komponisten zu wenden, Werke in Auftrag zu geben, zu unterrichten, permanent in Aktion zu sein und Erfahrungen weiterzugeben, das bereichert unheimlich. Ich bräuchte eigentlich mehrere Leben, um meine Neugier und meinen Hunger auf die Musik völlig zu stillen.”

Renaud Capuçon hat das Festival de Pâques in Aix-en-Provence gegründet. Die nächste Ausgabe findet vom 10. bis 23. April 2017 statt. Gäste sind unter anderem John Eliot Gardiner, Charles Dutoit, Jean-Yves Thibaudet, Nelson Freire, Andreas Schiff, Maxim Vengerov und Christoph Eschenbach.

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