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Niederländische Schulen sind Spitze


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Niederländische Schulen sind Spitze

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Im europäischen Schulvergleich 2016 zeigt sich, dass die Niederlande gut abschneiden: weniger Kinder brechen die Schule ab als anderswo in Europa, das Schulangebot für jüngere Altersgruppen ist sehr viel besser ausgebaut, mehr Schulabsolventen finden einen Arbeitsplatz. Niederländische Teenager lesen laut EU-Studie besser als ihre Altersgenossen in anderen EU-Staaten und sie können besser mit Zahlen umgehen. Auch in den Naturwissenschaften sind niederländische Schüler meist besser als Kinder anderswo. Bereits in den letztjährigen Schulvergleichen hat sich gezeigt, dass die niederländischen Schulen Spitze sind. An was liegt das? Euronewsreporter Hans von der Brelie hat sich auf Spurensuche begeben.

Die Windmühlenflügel-Schule

Nijmegen an der Waal – einem der vielen Delta-Arme des Rheins – ist eine Großstadt mit etwa 200.000 Einwohnern, ganz im Osten der Niederlande gelegen, an der Grenze zu Deutschland. Im “Windmühlenviertel” von Nijmegen leben Durchschnittsverdiener und ärmere Familien Tür an Tür, oben auf dem Hügel über der kleinen, bunt gestrichenen Schule drehen sich die Flügel einer alten Windmühle aus dem 18. Jahrhundert. Irene Kwaaitaal bringt ihre achtjährige Tochter Michelle zur Windmühlenflügel-Grundschule De Wieken. Den Namen “Windmühlenflügel-Schule” haben sich die Kinder ausgedacht. Irene besichtigte mehrere Schulen, bevor sie Michelle hier anmeldete. Warum entschied sie sich für diese Schule?

Irene Kwaaitaal erinnert sich noch gut an den Besuchtstag, der alles entschied: “Ein Zehnjähriger führte uns überall herum. Er war so stolz auf seine Schule, dass ich mir dachte: WOW! Hier lernen Kinder, richtig aufzutreten… Es geht nicht nur um Wissensvermittlung – sondern auch um die Entwicklung der Persönlichkeit.”

Grundschule schon für Vierjährige

Eine der Besonderheiten des niederländischen Systems: Kinder gehen schon als Vierjährige in die Grundschule. Die Grundschulzeit dauert insgesamt etwa acht Jahre, im Alter von zwölf müssen sich Eltern und Kinder erneut entscheiden: das Oberschulangebot ist – grob zusammengefasst – in drei Zweige gegliedert. Und ein landesweit einheitlicher Aufnahmetest entscheidet mit darüber, wie es nach der Grundschule weitergeht.

Doch zurück zu Michelle, Fiene, Bram, Caressa, Djez, Ramses, Qezley, Akan, Asli, Penelope, Elvira, Tarya, Ramy, Ari und Widad: In der Windmühlenflügel-Grundschule beginnt der Tag mit einer Entscheidung: Was will ich heute lernen? Viele Kinder wollen rechnen – denn Mathe macht Spaß. Fünf Wäscheklammern – auf einmal fehlen drei. Es gilt ein Geheimnis zu knacken – wie im echten Leben. Spannung pur…

Teamwork und Verantwortungsgefühl

Der Direktor erklärt uns die Erziehungsziele seines Dalton-Schulmodells: “Kritisches Denken gehört mit dazu”, meint Roger Visser. “Doch für uns am allerwichtigsten ist die Fähigkeit, zusammenarbeiten zu können. Wenn wir über Teamwork reden, dann heißt das Verantwortung übernehmen. Als Direktor bin ich verantwortlich für die Schule, doch auch die Kinder tragen Verantwortung, uns zu sagen, was aus ihrer Sicht wichtig ist.”

Im Schülerrat diskutieren die Kinder über die Gestaltung des Pausenhofes. Die Entscheidungen werden dann auch umgesetzt: Soll eine Bank aufgestellt werden? Und wo? – Auch Irenes achtjährige Tochter Michelle sitzt im Schulrat: “Es ist gut, dass wir mitreden können”, freut sich Michelle. “Übrigens wollen viele Kinder im Schülerrat mitmachen, denn wenn wir uns zusammensetzen, diskutieren wir darüber, was konkret getan werden soll.”

Der elfjährige Baran Kiyak, auch er ein Mitglied des Schulrates, erklärt uns: “Als ich hier eingeschult wurde, war alles noch etwas anders – doch mittlerweile hat sich so einiges geändert. Heute ist die Schule besser, denn verschiedene Altersstufen spielen und lernen gemeinsam. Die älteren Schüler sind verantwortlich für die jüngeren und helfen. Das gefällt mir.”

Tipps der OECD

Die OECD beschäftigt sich bereits seit Jahren mit der Frage, wie schwachen Grundschulen geholfen werden kann, ihrem Lehr- und Ausbildungsauftrag gerecht zu werden – und für Chancengleichheit zu sorgen. Zwar gibt es auch hier kein Patentrezept, doch basierend auf den niederländischen Erfahrungen lassen sich schon einige Tipps geben: Ein Wechsel im Schulmanagement kann einen Wechsel anstoßen, Eltern fassen erneut Vertrauen, wenn an der Spitze der Schule ein neues Gesicht zu sehen ist. Probleme müssen offen angesprochen werden – dazu gehört, wie in den Niederlanden, eine Gesprächskultur der konstruktiven Kritik, des Zuhören-Wollens, des Nicht-Locker-Lassens… Im Zentrum von Problemlösungsstrategien steht das Lehrpersonal, das muss motiviert sein – oder motiviert werden. Teamwork, Übernahme von Verantwortung, ein gesundes Selbstwertgefühl sowohl der Lehrer wie auch der Schüler können eine Entwicklung hin zum Guten anstoßen.

Eine besondere Rolle spielt – über alle Schultypen hinweg – die Verringerung sozialer Ungleichheiten, betont die OECD. Und hier können dann ganz konkret unsere Gesprächspartner der “De Wieken”, der “Windmühlenflügel-Schule” weiterhelfen mit Ratschlägen: Stadtplanung und Stadtviertelerneuerung spielen eine Rolle: In der Nachbarschaft der Grundschule wurde mit städtischer Unterstützung ein großer Sozialwohnungsbau renoviert, dabei achtete man auf einen “guten Mix” aus Billigmietangeboten einerseits, “Normalmieten” andererseits und einem nicht allzu kleinen Anteil an privatisierten Immobilien, um auch die obere Mittelschicht für das Viertel zu interessieren und zu binden.

Eltern müssen Vertrauen fassen

Doch Stadterneuerung alleine reicht nicht. Das “De Wieken” Konzept setzt auch auf eine aktive Einbindung der Eltern: die Türen stehen offen. Eltern werden aktiv in den Grundschulalltag miteingebunden. Ganz egal ob arm, ob reich, ob Durchschnittsverdiener: Mütter und Väter sollen eine Rolle spielen.

Auch Geld spielt eine Rolle. Lokale Gebietskörperschaften erkannten vor Jahren, dass etwas schief lief, dass das Viertel “zu kippen” drohte. Dem wurde Rechnung getragen. Die Materialausstattung der Grundschule ist heute gut. Das Umfeld stimmt. Die De Wieken Schule macht was her. Was wiederum die Mittelschichteltern dazu bewegt, ihre Kinder hier unterzubringen.

Gute Mischung

Mit einigen verwaltungstechnischen Maßnahmen schaffte es die Stadt Nijmegen zudem, die ethnische Zusammensetzung der Grundschule zu verändern. Heute hat die Windmühlenflügel-Schule eine ausgewogene Mischung: Migrantenkinder der ersten oder zweiten Generation und Kinder alteingesessener niederländischer Familien halten sich in etwa die Waage. Unterschiede werden als Bereicherung empfunden, nicht als Belastung. Die Kinder wachsen in einem multikulturellen und multireligiösen Umfeld der gegenseitigen Anerkennung auf. Toleranz, Weltoffenheit und interkulturelles Lernen sind hier keine Fremdwörter sondern Alltag.

Insiders: Education in the Netherlands - De Wieken Primary School, Nijmegen

Computerprogramm gegen Rassentrennung

“Das niederländische Havanna” wird Nijmegen gelegentlich auch genannt, eine Anspielung auf Kuba, klar, aber nicht aufgrund der Sonnenscheindauer… sondern als augenzwinkernder Hinweis auf den linksgerichteten Stadtrat. Um zu vermeiden, dass sich Schulen sozusagen nach Hautfarben sortieren (wie anderswo in den Niederlanden), hat die Stadt ein computergestütztes System durchgesetzt, dass die Wahlfreiheit der Eltern einschränkt: Wer ein Kind im schulpflichtigen Alter hat, der bekommt von der Behörde eine sehr kurze Liste von in Frage kommenden Schulen vorgelegt – und wird eingeladen, sich ausschließlich an dieser “Shortlist” zu orientieren, also eine der dort vorgeschlagenen Nachbarschaftsschulen zu wählen. Das Computersystem ist so programmiert, dass die Entstehung “schwarzer” oder “weißer” Schulen verhindert wird.

Das “Nijmegen-Modell” wurde und wird in den Niederlanden heftig diskutiert, auch kontrovers,schließlich sind die Niederlande eine Gesellschaft, die nichts höher schätzt als die individuelle, persönliche Freiheit – einschließlich der Freiheit, sein Kind so zu erziehen, wie es die Eltern wünschen. Einerseits hat diese Freiheit dazu geführt, dass es in den Niederlanden geschätzt an die 2000 unterschiedliche Schultypen gibt – wohl ein Weltrekord auf dem Gebiet der pädagogischen Methodenvielfalt. Andererseits hat diese Freiheit aber auch ein echtes Problem erzeugt: in großen Städten wie Rotterdam und Amsterdam entstanden in vielen Vierteln “schwarze Schulen”.

Zwar ist dieses Phänomen im Osten der Niederlande weniger stark ausgeprägt als im Westen, doch auch die Schulstadträtin in Nijmegen, Renske Helmer, hatte zu kämpfen: “Wir hatten Problemschulen mit vielen benachteiligten Schülern”, berichtet sie. “Schwarze Schulen wurden die genannt, mit vielen Migrantenkindern – während die wohlhabenderen Eltern ihre Kinder anderswohin schickten, die flohen aus ihrem Viertel. So entstanden schwache und starke Schulen. Unsere Lösung war, für eine gute Mischung zu sorgen.” – Helmer, eine gelernte Krankenschwester, weiß, von was sie spricht. Die heutige Schulstadträtin, die uns in den altehrwürdigen Hallen des historischen Rathauses zum Interview empfängt, ist selber Mutter, lebte im Windmühlen-Viertel… und schickte ihr Kind auf eine Schule in einem vermeintlich “besseren” Viertel. Ein Fehler sei das gewesen, gibt Helmer heute zu, doch damals sei eben von Mischung noch nichts zu sehen gewesen, “mein Kind wäre als totaler Außenseiter aufgewachsen”.

Besuch bei Kandinsky

Sehen wir uns die Kandinsky-Schule an. Die weiterführende Schule bietet eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher Ausbildungswege an.

Ikraan Hayd, heute 17 Jahre alt, kam vor zehn Jahren in die Niederlande, aus Somalia. Die damals Siebenjährige konnte kein Wort Niederländisch. Doch bereits nach einem Jahr war sie in der Lage, sich zu verständigen. “Ich habe die Sprache beim Spielen mit meinen niederländischen Freundinnen gelernt”, erzählt Ikraan stolz.

Doch Ikrann weiß, dass sie sich anstrengen muss – auch heute noch: “Mein Niederländisch ist schlecht”, sagt Ikraan ganz offen. Generell sei sie nicht besonders gut in Sprachen. “Das wissen glücklicherweise auch die Lehrer. In den Fächern, in denen ich gut bin, versuchen sie, mich zu Spitzenleistungen zu motivieren… und dort, wo ich schlecht bin, versuchen sie zu helfen.”

Jeder Einzelne zählt

Wir begleiten Ikraan in ihre Niederländisch-Klasse. Um die Teenager mitzureißen, organisiert Lehrer Ton Willems einen Schnellschreib-Wettbewerb. Er ist überall, ermutigt, korrigiert, gibt Spezialtipps. Ton Willems ist ein engagierter Spitzen-Lehrer, er geht auf jeden Schüler ein, weiß genau, wer welche Stärken und Schwächen hat. Vielleicht liegt ja genau hier das Geheimnis des niederländischen Erfolgsmodells: Jeder Einzelne zählt.

“Ich denke”, sagt Ton Willems, “der Unterricht hier läuft recht cool ab. Die Methode? Nun ja, es gibt keine Hierarchie. Der Abstand zwischen Schülern und Lehrern ist gering: Wir pflegen eine aufgeschlossene Gesprächskultur. Und genau deshalb sind die Schüler auch nicht verunsichert, wenn es darum geht, Fragen zu stellen.”

Das Polder-Modell: Suche nach Konsens

Das Gute am niederländischen System scheint zu sein, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird: Man redet immer und dauernd über alles. Was auf Außenstehende manchmal wie eine permanente “Meeting-Gesellschaft” wirkt, ist der Kern des sogenannten niederländischen “Polder-Modells”: Die ständige Suche nach Konsens, nach Kompromissen… die Hand in Hand geht mit der Gewissheit, sich auf die Solidarität des Nachbarn, der Mitmenschen verlassen zu können. Niemand hat ein Problem damit, Respekt einzufordern, die Einhaltung von gemeinsam getroffenen Verhaltensregeln anzumahnen, selbstbewusst aufzutreten ohne Höflichkeitsgrenzen zu überschreiben – zumindest in der Kandinsky-Schule.

Auch Lehrer müssen lernen. Ständig. Das ist die Basis des niederländischen Schulsystems. Heute hat die Kandinsky-Schule Grundschullehrer aus der Umgebung eingeladen, um ihnen die Grundzüge einer aus den USA übernommenen Unterrichtsmethode nahezubringen: “PBS” steht für Positive Behavior Support. Positives Denken, auch kleinere Erfolge bemerken und immer wieder: Lob spenden… so könnte man etwas vereinfachend die Philosophie der Methode zusammenfassen, die an “Bob den Baumeister”, Obama und Merkel erinnert: Du schaffst das!

Ganz anders als in Frankreich

Gretchen Conrad kommt ebenfalls aus den USA. Als Englischlehrerin unterrichtete sie in Frankreich, jetzt in den Niederlanden. Die beiden sehr unterschiedlichen Schulsysteme erlebte Gretchen aus der Perspektive der Lehrerin und aus der Elternsicht. Gretchens Beobachtung: Das französische System sei “elitär”, schwächere Schüler blieben auf der Strecke.

“In Frankreich wird einem das Wissen geradezu eingetrichtert”, urteilt Gretchen Conrad. “Man muss auswendiglernen, von der Tafel abschreiben, eine schöne Handschrift ist wichtiger als der Inhalt. – Hier in den Niederlanden sollen die Kinder dazu gebracht werden, selbstständig zu denken. Niemand würde ein Kind als dumm bezeichnen. Wir versuchen – insbesondere an dieser Schule – positiv zu sein, die Schüler zu ermutigen und Ausgrenzungen zu vermeiden.”

Nie ein Kind aufgeben

Das Ende eines langen Schultages, Ikraan geht zusammen mit einer Freundin zum Fahrradabstellplatz. Wir wollen von Iraan wissen: Du kennst Dich hier aus in den Niederlanden, was kann man lernen vom hiesigen Schulsystem?

“Nie ein Kind aufgeben!”, mein Ikraan. “Wenn man sagt: Das kapierst Du nie! Oder wenn ein Schüler trotz Lernen immer nur schlechte Noten bekommt, dann wird das nichts. – Die Lehrer sollten jedem Kind viel Aufmerksamkeit schenken, statt ihm Hindernisse in den Weg zu legen. Dann klappt das.”

Ikraan hat noch viel vor: Sie will auf das Gymnasium wechseln und anschließend in Kanada Medizin studieren, vielleicht in Toronto. Ein langer Weg… doch Ikraan weiss: sie wird es schaffen!

Insiders: Education in the Netherlands - Kandinsky College, Nijmegen

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