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Schule in Frankreich: Was ist schiefgelaufen?


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Schule in Frankreich: Was ist schiefgelaufen?

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Das Collège Jean Moulin, eine Mittelschule in Marseille. Im Computer-Kurs geht es gesittet zu, man meldet sich, Fragen werden beantwortet und gegenseitiger Respekt wird großgeschrieben.

Die Schule liegt in einem der Problemviertel Marseilles. Die meisten Schüler hängen von Sozialleistungen ab, ihre Eltern verdienen unter tausend Euro im Monat. Schulschwänzer sind hier keine Seltenheit.

Das Collège gehört zu den Schulen, die im Rahmen der sogenannten prioritären Bildung besonders gefördert werden. Lehrer Arnaud Sallaberry erklärt, was es damit auf sich hat: “Wir haben ein bisschen weniger Schüler pro Klasse – und das ist essentiell. In einer Durchschnitts-Mittelschule sind es bis zu 27 oder 30 Schüler. Bei der prioritären Schule sind es normalerweise maximal 24 Schüler pro Klasse. Das ist sehr viel angenehmer. Außerdem werden Bedarfsgruppen eingerichtet, die Schüler werden je nach Kompetenz in Gruppen eingeteilt. Aus zwei Klassen haben wir drei Kompetenzgruppen gebildet.”



Das System der prioritären Bildung wurde in den achtziger Jahren in Frankreich eingeführt, um Schulen in sozial schwachen Gegenden zu unterstützen. Im vergangenen Jahr wurde es reformiert, um noch stärker die Mittelschulen zu fördern, die Collèges. In seiner Schule trage dies Früchte, lobt Direktor Dominique Duperray: “Vor der Reform haben vierzig Prozent der Schüler den Abschluss geschafft, und von diesen ging kaum die Hälfte aufs Lycee, aufs Gymnasium. Heute schaffen siebzig Prozent und mehr den Abschluss und alle von ihnen gehen dann aufs Lycee – einige aufs allgemeinbildende, andere aufs berufsbildende. Durch die zusätzlichen Mittel der prioritären Bildung und das Engagement der Lehrer, die sich über innovative Lehrmethoden Gedanken machen, können wir die schulische Laufbahn der Kinder verbessern.”


Egalité? Frankreich bei der Ungleichheit vorn


Aber diese Erfolge können über die Schwächen des französischen Schulwesens nicht hinwegtäuschen. Die letzte PISA-Studie der OECD bescheinigte Frankreich, das sich “Gleichheit” auf jede Schule und jedes Rathaus schreibt, einen Abstieg bei den Leistungen – und eine Spitzenposition bei der Chancenungleichheit.

Eine nationale Untersuchung kam jüngst zum Ergebnis, dass die Schulpolitik in den vergangenen dreißig Jahren die Ungleichheit sogar noch verschärfte. Selbst die prioritäre Bildung half nicht, von der heute gut 1.000 Mittel- und 8.000 Grundschulen profitieren. Jedes fünfte französische Kind geht auf solch eine Schule.


Die Untersuchung, die im September veröffentlicht wurde, schlug hohe Wellen. Unsere Bitte um Drehgenehmigung wurde in mehreren Schulen abgewiesen – zu viele Interview-Anfragen gebe es derzeit. Auch in der Marie-Curie-Grundschule im Pariser Banlieue Bobigny durften wir nicht filmen. Aber die Direktorin war bereit, hinauszukomen und draußen mit uns zu sprechen. Véronique Decker arbeitet seit dreißig Jahren in Bobigny. Obwohl ihre Grundschule auch als prioritär eingestuft wurde, habe sie wenig Extra-Mittel gesehen, klagt sie. Alle ihre Schüler haben einen Migrationshintergrund, die Familien leben in Sozialbauten.

“Es gibt keine Gleichheit zwischen den staatlichen und den privaten Schulen”, bilanziert Decker. “Die Privatschulen haben das Glück, von Geldern der Eltern mitfinanziert zu werden, und sie können sich ihre Schüler aussuchen. Während wir kein Geld von den Eltern bekommen – das ist ja auch gut so – und wir können unsere Schüler auch nicht aussuchen. Aber so gibt es natürlich keine Gleichheit zwischen privat und staatlich. Außerdem herrscht auch keine Gleichheit unter den verschiedenen staatlichen Schulen. Denn der französische Staat nimmt hin, dass es auf seinem Territorium sozial entmischte Viertel gibt, in denen die Schule zur Ghetto-Schule wird.”


Ein Vierteljahr kein Englisch-Unterricht


Laurence Blin hat zwei Söhne. Ihr Ältester geht auch auf eine prioritäre Schule in Bobigny. Doch die sei alles andere als prioritär, schimpft sie. Die Stunden seien zusammengestrichen worden, Geld, das für die Einstellung neuer Lehrer versprochen wurde, sei nie geflossen. Laurence und andere Eltern haben inzwischen die Justiz eingeschaltet – mit dem Argument, dass ihre Kinder Opfer von Diskriminierung sein.

“Es ist ein großes Problem, dass die Lehrer bei einem Ausfall nicht ersetzt werden”, klagt Blin und nennt konkrete Beispiele: “Mein Sohn hat in der sechsten Klasse ein Vierteljahr lang keinen Englisch-Lehrer gehabt. In nächsten Halbjahr fehlte der Lehrer für Erdkunde und Geschichte. Ein halbes Jahr lang gab es in der Klasse keinen Kunstlehrer. Und im nächsten Schuljahr gab es im ersten Monat keinen Lehrer für Biologie und Geologie. Das ist doch enorm. Wie will man denn erreichen, dass die Schüler im Collège bei solchen Ausfällen dasselbe Niveau haben wie diejenigen, die das ganze Schuljahr über Lehrer haben?”


Was ist schiefgelaufen?


Nathalie Mons hat die oben erwähnte nationale Untersuchung des Conseil national d‘évaluation du système scolaire über Frankreichs Bildungssystem geleitet, die kürzlich die Ungleichheiten schwarz auf weiß belegte. Sie stellt Ungleichheiten bei der Ressourcenverteilung fest, bei den Leistungen und auch später beim Zugang zum Arbeitsmarkt.

“In Frankreich verfolgen wir seit gut dreißig Jahren eine Schulpolitik, die eigentlich immer die Gleiche war. Und die keine signifikante Wirkung im Kampf gegen die sozialen Ungleichheiten an der Schule hatte. Zum Beispiel haben wir seit Anfang der achtziger Jahre die Politik der prioritären Bildung. Für diese konnte aber keine Forschung positive Effekte nachweisen. Es ist natürlich sehr wichtig, den Schulen mit einem sozial schwierigen Milieu mehr pädagogische Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Das ist notwendig. Aber als wir uns diese zusätzlichen Mittel mal näher anschauten, wurde uns klar, dass sie wenig mit dem eigentlichen Unterricht zu tun haben.”



Im Collège Jean Moulin in Marseille wurden gerade die Abschlusszeugnisse verteilt an die Schüler, die das Collège im vergangenen Schuljahr erfolgreich beendet haben. Freude, Stolz – und auch die eine oder andere Träne kullerte. Dass die Ergebnisse in dieser Schule sich verbessert haben, soll künftig keine Ausnahme sein, darin sind sich Lehrpersonal und Bildungsforscher einig. Direktor Duperray: “Die Schule in Frankreich ist nicht wirklich mehr ein Hebel für den sozialen Aufstieg. Und das müssen wir um jeden Preis ändern. Wir müssen, so wie es die Familien und die Schüler einfordern, wieder Vertrauen in die Schule schaffen.”

Nun muss nur noch die passende Politik gefunden werden.

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