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"Sehr besorgniserregende Berichte"


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"Sehr besorgniserregende Berichte"

euronews-Reporter Nial O’Reilly sprach mit Jens Lærke von der UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Angelegenheiten über die Situation der Zivilisten in Aleppo.

euronews:
Sie haben die Situation in Aleppo als einen Zusammenbruch der Menschlichkeit beschrieben. Einheiten, die auf der Seite der Regierung stehen, sollen rund 80 Menschen getötet haben. Wissen die Vereinten Nationen, um welche Gruppe es sich handelt und welches die Umstände waren?

Jens Lærke:
Das wissen wir nicht genau. Wir haben von mehreren Quellen in dieser Gegend furchtbare Berichte über getötete Zivilisten bekommen – und wir sind der Meinung, dass an diesen Berichten etwas dran ist. Um die tausenden Menschen, die sich weiterhin im belagerten Ostteil von Aleppo befinden, machen wir uns große Sorgen. Wir fordern alle Beteiligten auf, sie – denn sie sind Zivilisten – aus diesem Gebiet entkommen zu lassen.

euronews:
Es gab Berichte über Morde durch Einheiten, die auf der Seite der Regierung stehen. Gibt es Berichte über Gräueltaten auf beiden Seiten?

Lærke:
Wir haben in der vergangenen Woche Berichte über die Verletzung internationalen humanitären Rechts auf beiden Seiten erhalten. Dieses Recht sieht vor, dass Zivilisten vor den Auswirkungen von Kampfhandlungen verschont werden müssen. Doch das ist nicht der Fall. Und es gibt Berichte über Menschenrechtsverletzungen auf allen Seiten. Das betrifft also alle.

euronews:
Was haben Sie der syrischen Regierung bezüglich ihrer Verantwortung gesagt?

Lærke:
Wir haben alle immer wieder – und zwar täglich – aufgefordert, haben uns eingesetzt, gedrängt, offen gesagt auch gebrüllt, damit die Belagerung Ost-Aleppos ebenso aufgehoben wird wie alle anderen Belagerungen in Syrien. Wir setzen uns ein, so gut wir können, doch mehr können wir nicht machen.

euronews:
Was wissen Sie über Zivilisten, die aus Gebieten, in denen die syrische Regierung wieder die Kontrolle hat, verschwunden sein sollen?

Lærke:
Wir haben schon vorher sehr besorgniserregende Berichte bekommen, dass Männer verschwunden sein sollen – Männer, die in einem Alter sind, in dem sie fürs Militär in Frage kommen. Ihre Familien haben berichtet, dass sie verschwunden sind, nachdem sie geflohen waren. Willkürliche Inhaftierungen und Folter in Syrien sind nichts Neues, deshalb sind wir äußerst besorgt, wenn wir solche Berichte erhalten.

euronews:
Das hat Erinnerungen daran wachgerufen, was wegen der Passivität der internationalen Gemeinschaft in Srebrenica passiert ist. Stehen wir vor einem neuen Srebrenica?

Lærke:
Es ist fast unmöglich, diese beiden Extremsituationen miteinander zu vergleichen. Beide Situationen für sich sind extrem, und es wäre nicht in Ordnung, diese zu vergleichen. Doch wir erkennen seit geraumer Zeit ein politisches Versagen, wenn es darum geht, eine Verhandlungslösung für das, was in Syrien passiert, zu finden.