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Sacharow-Preisträgerinnen: IS muss vor den Internationalen Gerichtshof!

Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar erzählen vom Horror, den sie in IS-Gefangenschaft erlebten.

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Sacharow-Preisträgerinnen: IS muss vor den Internationalen Gerichtshof!

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Sie sind Zielscheibe der Terror-Miliz ‘Islamischer Staat’, weil sie Jesiden sind. Sie wurden missbraucht, vergewaltigt, gruppenvergewaltigt, ihre Angehörigen exekutiert: Zwei junge Frauen aus dem Irak haben es geschafft, ihren brutalen Peinigern zu entkommen. Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar erzählen nun der ganzen Welt ihre Geschichte – in der Hoffnung, ihre jesidische Gemeinschaft zu retten, die der IS auslöschen will. Der Mut von Nadia und Lamiya wurde weltweit anerkannt. Nadia wurde zur UN-Sonderbotschafterin ernannt. Das Europäische Parlament in Straßburg hat die beiden mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit ausgezeichnet.

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"Wir dienten ihnen einfach dazu, vergewaltigt und verkauft zu werden. Sie tauschten eine Frau gegen eine andere aus, wann es ihnen beliebte. Sie haben Müttern ihre Kinder weggenommen und Mädchen gefangen, um sie auf dem Markt zu verkaufen."

Lamiya Aji Bashar IS-Opfer

Mehr über Nadia und Lamiya

Isabelle Kumar, euronews:
Nadia und Lamiya – Sie haben so viel durchgemacht, wie ergeht es Ihnen heute?”

Nadia Murad:
“Als eine von 6.500 jesidischen Frauen und Kindern, die vom IS verschleppt wurden, bin ich heute sehr glücklich, dass ich mit diesem Preis geehrt werde. Das Ziel des IS ist, uns zum Schweigen zu bringen und uns unsere Ehre zu nehmen. Er sieht uns als Nichts an – bloß als Frau, die man vergewaltigen oder verkaufen kann. Sein Ziel ist außerdem, die Jesiden auszurotten.”



Biografie Nadia Murad

  • Nadia Murad wuchs im nordirakischen Dorf Kocho auf
  • Sie wurde von der Terrormiliz ‘Islamischer Staat’ beim Angriff auf ihr Dorf im August 2014 gefangengenommen
  • Nadia hat 18 Angehörige verloren
  • Sie ist heute UN-Sonderbotschafterin und wurde mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnet
  • Nadia hat über ein Sonderprogramm Baden-Württembergs für IS-Opfer Zuflucht in Deutschland gefunden


euronews:
“Lamiya – wie fühlen Sie sich jetzt, da Sie diesen Preis bekommen?”

Lamiya Aji Bashar:
“Dass ich als jesidisches Mädchen und als eine von denen, die von der IS-Miliz vergewaltigt wurden, heute mit diesem Preis ausgezeichnet werde, macht mich sehr glücklich. Es gibt mir großen Rückhalt, den Preis im Namen all derer zu erhalten, die vom IS entführt und niedergeschlagen wurden, im Namen all der tausenden Frauen, die von den IS-Leuten vergewaltigt wurden. Und ich bin eine von ihnen.”



euronews:
“Sie erzählen Ihre Geschichte wieder und wieder, eine grauenvolle Geschichte – was soll die Welt Ihrer Meinung nach tun?”

Nadia Murad:
“Wir wollen, dass die Welt das stoppt, dass die Welt diejenigen bestraft, die versuchen, uns auszulöschen, dass sie diese Verbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof bestraft. Unser Ziel ist, die Frauen und Kinder zu schützen, die Minderheiten, die kleinen Gemeinschaften wie die jesidische Gemeinschaft, aber auch die Christen, die in Irak und Syrien leben.”


Frauen versklavt, vergewaltigt, auf dem Markt verkauft


euronews:
“Wenn wir Ihre Arbeit, eine sehr mutige Arbeit, besser verstehen wollen, sollten wir Ihre Geschichte kennen, wissen, was Ihnen in der Gefangenschaft angetan wurde. Ich weiß, es muss schwer für Sie sein: Lamiya, was haben Sie erlebt – Sie waren fast zwei Jahre in der Gewalt des sogenannten ‘Islamischen Staates’.”


Biografie Lamiya Aji Bashar

  • Lamiya war 16, als sie von der IS-Miliz in Kocho gefangengenommen wurde
  • Sie wurde zwanzig Monate lang vom sogenannten “Islamischen Staat” festgehalten
  • Beim Versuch zu fliehen wurde sie von einer Landmine schwer verwundet
  • Wie Nadia fand auch Lamiya Zuflucht in Deutschland und wurde mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnet


Lamiya Aji Bashar:
“Ich wurde ein Jahr und acht Monate lang von der IS-Miliz gefangengehalten. Wir dienten ihnen einfach dazu, vergewaltigt und verkauft zu werden. Sie tauschten eine Frau gegen eine andere aus, wann es ihnen beliebte. Sie haben mit uns gemacht, was sie wollten, sie haben Müttern ihre Kinder weggenommen und Mädchen gefangen, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Sie haben auch Frauen und Kinder an der Waffe ausgebildet.”



euronews:
“Wie alt waren die Mädchen, mit denen Sie dort waren?”

Lamiya Aji Bashar:
“Einige waren erst acht. Aber es waren auch Frauen mit uns zusammen, die vier Kinder hatten. Und wir alle waren Sklavinnen.”

euronews:
“Nadia, Sie wurden ebenfalls gefangengehalten – was haben diese Männer mit Ihnen gemacht?”

Nadia Murad:
“Überlebende wie ich oder Lamiya erzählen die Geschichten tausender Mädchen wie wir in Irak und Syrien, die gefoltert werden und weiterhin Schreckliches durchmachen. Dennoch ist nicht ein einziges Kind gerettet worden. Diejenigen, die es schaffen, zu fliehen, sind auf sich selbst gestellt und müssen ihren Fluchtweg finden, auch wenn sie nicht wissen, wohin sie gehen können. Aber trotzdem wollen sie lieber fliehen – wie die beiden Mädchen, die mit Lamiya flohen – und lieber sterben, als beim IS zu bleiben.”

euronews:
“Was geschah, als Sie versuchten zu fliehen? Ihr erster Versuch misslang – was geschah dann?”

Nadia Murad:
“Aus den Händen des IS zu fliehen, ist für die jesidischen Mädchen sehr schwierig, denn der IS kontrolliert die gesamte Region. Wann immer ein Mädchen in eins der Häuser in der Gegend zu fliehen versucht, bringen die Leute es meist zurück. Deshalb hatten wir auch keine Ahnung, wie das jemals enden würde. Aber obwohl ich dachte, ich kann dem nicht entkommen, wollte ich doch lieber sterben, als bei diesen Männern zu bleiben. Als ich das erste Mal zu fliehen versuchte, haben sie mich danach zur Strafe vergewaltigt. Sie haben mich nicht getötet, sondern vergewaltigt. Aber ich habe nicht aufgegeben, ich habe es wieder versucht, und da habe ich es geschafft, mich selbst zu befreien.”

(Nadia gelang schließlich die Flucht mit Hilfe von Nachbarn.)

euronews:
“Lamiya, hat der IS irgendwann Ihnen gegenüber je einen Funken Barmherzigkeit gezeigt?”

Lamiya Aji Bashar:
“Nein. Solange ich bei ihnen war, habe ich nicht einen einzigen guten Menschen beim IS getroffen.”

euronews:
“Sie werden medizinisch behandelt. Sie wurden bei der Flucht von einer Landmine verwundet. Wie geht es Ihnen?”

Lamiya Aji Bashar:
“Ich muss immer noch regelmäßig zum Arzt, denn mein Auge ist noch nicht verheilt, mein Gesicht ebenfalls noch nicht. Mein ganzes Gesicht wurde verwundet, es ist noch nicht verheilt.”


IS lässt seine Opfer Autobomben bauen


euronews:
“Eines Ihrer Anliegen ist, dass diese Gruppe niedergeschlagen wird. Nur wenige Leute haben so wie Sie den IS von innen gesehen. Wie funktioniert er?”

Nadia Murad:
“Die Mitglieder sagen, dass sie die Gesetze der Sharia anwenden. Der IS – das ist nicht eine oder zwei oder sogar tausend Personen – er hat sehr viel Unterstützung. Sie haben sehr viele Waffen, Öl, Geld, sie haben alles, was sie brauchen. Bisher haben wir noch nie vom ‘Islamischen Staat’ gehört, dass er Lebensmittel braucht oder Kleider oder Waffen. Auch nach zwei Jahren Krieg gegen den IS in Syrien und im Irak gehen ihm weder die Waffen aus, noch das Geld, noch die Kleidung. Er hat also wirklich riesige Unterstützung, ob von einigen Ländern oder von Organisationen.”

euronews:
“Lamiya, was haben Sie während Ihrer Gefangenschaft gesehen, wie arbeitet diese Gruppe?”

Lamiya Aji Bashar:
“Ich wurde für fünf Monate vom IS nach Mosul gebracht, wo ich an der Herstellung von Autobomben, Sprengstoffgürteln und Sprengstoff mitarbeiten musste.”

euronews:
“Sie sind beide noch sehr jung – Lamiya, Sie sind noch Teenager. Was sind Ihre Hoffnungen – was wünschen Sie sich für Ihr neues Leben?”

Lamiya Aji Bashar:
“Ich möchte einfach nur leben wie jedes Mädchen in meinem Alter. Ich möchte zur Schule gehen, Sprachen lernen. Und das Wichtigste ist für mich, wieder mit meiner Familie zusammenzusein, und dass auch all die anderen entführten Mädchen wieder mit ihren Familien zusammensein können.”

euronews:
“Nadia, Ihre Hoffnung für die Zukunft?”

Nadia Murad:
“Mein Traum ist, dass die kleinen Gemeinschaften wie die Jesiden oder die Christen, die Minderheiten im Irak, Syrien und der ganzen Region nicht verschwinden. Der IS will diese kleinen Gemeinschaften auslöschen, und mein Ziel ist, das zu stoppen. Dass die Menschen leben können, egal welche Hautfarbe, Religion oder Staatsangehörigkeit sie haben. Jeder muss so respektiert werden, wie er ist.”