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Der schwierige Spagat zwischen Kind und Karriere


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Der schwierige Spagat zwischen Kind und Karriere

Es ist nicht leicht für uns, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren. Erst recht nicht, wenn Kinder mit im Spiel sind. Das gilt insbesondere für Frauen. Diese Woche sind wir mit Real Economy in Malta und schauen uns hier an, welche Schritte unternommen werden und was wirklich notwendig ist, damit Europas Frauen und Männer die Voraussetzungen finden, um die Kinder zu bekommen, die unsere alternde Gesellschaft so dringend braucht.

Crashkurs: So arbeiten Väter und Mütter in der EU

In der EU arbeiten Frauen seltener als Männer, seltener als in Japan, den USA oder der Schweiz. Und das scheint sich auch bis 2038 nicht zu ändern. Allerdings sieht es in Europa ganz verschieden aus. Die Kluft wird größer, wenn Frauen Kinder haben. Und je jünger das Kind, umso seltener arbeiten Frauen.

In manchen Ländern beträgt der Unterschied 30 Prozent. Das Gegenteil ist der Fall für Europas Väter. Der Großteil Europas, natürlich auch Malta, hat sich mehr auf die kurzfristigen Folgen der Finanzkrise konzentriert als auf Dinge wie Mutterschutz, Väterzeit oder die Rückkehr von Müttern in die Arbeit.

In Europa gilt eine gesetzliche Mindestauszeit für junge Eltern. Im Durchschnitt sind es 17,5 Wochen. Manche Länder sind großzügig bei Zeit und Zuwendungen. Manche entscheiden nach Anzahl der Kinder andere bieten weniger Zeit.

Elternzeit für beide Eltern ist unterschiedlich. Aber viele Väter nutzen sie nicht, nur 10 Prozent nehmen Elternzeit, wenn sie angeboten wird. Italienische Väter haben einen Tag, maltesische zwei, slowenische 90 bei fast vollständigem Gehalt. Manche Väter haben aber gar keine Wahl.

Ein Blick nach Malta

Die Entscheidung, wieder arbeiten zu gehen, hängt für viele von uns von den Kinderbetreuungskosten ab, die in Europa ganz unterschiedlich sind. Zwei Kinder in Vollzeitbetreuung können in Irland und Großbritannien bis zu 40 Prozent eines Durchschnittsgehalts ausmachen. In Österreich, Schweden, Estland, Portugal und Spanien sind es nur rund 5 Prozent. Mehr als die Hälfte der europäischen Mütter sagt, die Entscheidung, wieder zu arbeiten, hänge mit den Betreuungskosten zusammen. Aber auch Verfügbarkeit, Zugang, Stunden, auch das spielt eine Rolle.

Fanny Gauret berichtet aus Malta.

Der Tag beginnt früh für diese maltesische Familie mit drei jungen Kindern. Im kleinsten Land der EU arbeiten zwar 80 Prozent der Männer, aber nur die Hälfte der Frauen. Mairi Vella ist eine von ihnen.

2014 machte Malta die Kinderbetreuung für berufstätige oder in der Ausbildung befindliche Eltern gratis. Familien sparen so im Lauf von drei Jahren gut 10.000 Euro.

Bernard Vella, Architekt und dreifacher Vater: “Das hat viele Vorteile. So können Mütter viel leichter wieder zurück in den Job, wenn sie das wollen, denn finanziell lohnt sich das natürlich.”

Untersuchungen zeigen, dass heute fast 7 Prozent mehr Frauen nach der Schwangerschaft wieder einen Job aufnehmen oder die Arbeit behalten als noch 2013.

Mairi Vella, Kinderärztin und dreifache Mutter: “So konnte ich weiterarbeiten. Nach meinem zweiten Kind ging ich nach vier Monaten wieder zur Arbeit, nach ihr wartete ich sechs Monate. Ich kann mehr arbeiten, das ist eine persönliche Wahlmöglichkeit, die ich nach meinem ersten Kind, das ich 2011 in Australien bekam, nicht hatte. Die Betreuungseinrichtungen waren alle voll, wir mussten zu einer Tagesmutter gehen, das kostete 250 Dollar am Tag. Also beschlossen wir, nach Malta zurückzukehren.”

Die Frau soll sich um die Familie kümmern, diese Einstellung herrscht auch in Malta noch vor.

Mairi Vella: “Ich denke, Väter brauchen mehr Unterstützung. Sie brauchen dieselben Möglichkeiten wie Frauen. Manchmal verdienen Frauen deutlich mehr. Ich habe hart für meine Karriere gearbeitet, habe studiert, ich gebe das nicht auch. Und wenigstens ist es jetzt nicht mehr schwierig, dabeizubleiben.”

Durch die kostenlose Kinderbetreuung arbeiten Mütter 11 Prozent mehr, Maltas Wirtschaftsleistung stieg dadurch um gut zwei Millionen Euro.

Interview mit Maltas Finanzminister Scicluna

Um Maltas Kinderbetreuung von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus zu betrachten, haben wir mit Maltas Finanzminister Edward Scicluna gesprochen.

euronews
Welche Auswirkungen hat die neue Form der Kinderbetreuung bisher auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt?

Edward Scicluna
Die Auswirkungen, die wir erwartet haben, vielleicht sogar noch mehr. Sehr viele Frauen sind dabei. Aber man muss sich die Lage vorher anschauen: Da waren nur sehr wenige Mütter wieder im Job, und auch wenn es viele Ausreden gab, etwa der religiöse oder kulturelle Hintergrund, so sind das wahre Problem die vielen Hürden. Die Kinderbetreuung kostete Frauen mehr, als sie verdienten, also lohnte es sich für sie nicht, zu arbeiten.

euronews
Wurde auch eine Elternzeit für Mütter und Väter angedacht? Welche Schwierigkeiten gab es?

Edward Scicluna
Mutterschutz spielte natürlich auch eine Rolle. Wir wollten ihn um vier Wochen verlängern. Und das hatte positive Auswirkungen, denn alles hängt am Ende von der wirtschaftlichen Situation ab. Es gab weitere nützliche Reformen, etwa die Unterstützung von Familien, insbesondere einkommensschwachen. Wir machten einen Deal: Sie bekommen ein Gehalt, gleichzeitig können sie einen Teil der Zuwendungen behalten. Zwei Drittel im erste Jahr, 45 Prozent im zweiten, 25 im dritten. Das hat ebenfalls einige aus der Langzeitarbeitslosigkeit geholt. Und für das kleine Malta sind einige Tausend sehr viele.

euronews
Welche Einstellung haben Gewerkschaften und Arbeitgeber zu arbeitenden Müttern und wie bekommt man beide Seiten an den Verhandlungstisch?

Edward Scicluna
Wenn sie am Tisch sitzen und das gesamte Bild sehen, dann sagen sie, es liege im gegenseitigen Interesse. Aber man muss sich beratschlagen, man kann ihnen nicht einfach etwas aufzwingen und dann darauf warten, wie sie reagieren.

euronews
Was sind die richtigen Maßnahmen, um Mütter nach der Schwangerschaft zurück in ein Arbeitsverhältnis zu bringen?

Edward Scicluna
Manche Länder sind bei der Elternzeit weiter, andere weniger. Ich fürchte, das hängt vom Grad des Fortschritts ab, wo die Länder jeweils stehen. Es gibt aber viele Länder, die in dieser Position sind, die ihren Bedarf an Arbeitskräften durch soziale Maßnahmen verbessern können. Wir haben die Einkommenssteuer gesenkt, denn das ist eine Steuer auf Arbeit. Wir haben dafür die Steuern auf den Konsum angehoben. Ein Teil unserer Maßnahmen betraf also die mittleren Einkommen, die eine hohe Steuerbelastung tragen. Sie zu entlasten, hilft den Menschen, denn so zahlt sich Arbeit aus. Sehr einfach und effektiv.

Das sagen die Arbeitgeber auf Malta

Es gibt ganz unterschiedliche Elternzeitmodelle in Europa. In Maltas privatem Sektor gilt zum Beispiel eine Minimalzeit von vier Monaten pro Elternteil. Unbezahlt. Finden Unternehmen die richtige Balance?

Joseph Farrugia, Vorsitzender des maltesischen Arbeitgeberverbands: “Wir glauben, man behandelt da jeden Fall besser separat anstatt Gesetze zu erlassen, die man unmöglich umsetzen kann. Man würde versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu schaffen, der auf alle Länder mit ihren ganz unterschiedlichen Arbeitsmärkten passt, das hätte schlechte Folgen. Das ist die größte Herausforderung für die Harmonisierung.”

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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